Lage in Ostdeutschland im Fokus

„Hinschauen, wo andere wegschauen“: Böhmermann zeigt, warum Lokaljournalismus wichtig für uns alle ist

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In vielen Regionen Ostdeutschlands fahren Verlage die Zustellung von Lokalzeitungen zurück (Symbolbild).
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Wie nutzen Rechtspopulisten kostenlose Anzeigenblätter zur Meinungsmache? Jan Böhmermann widmet sich dem Thema in seiner aktuellen ZDF-Sendung.

München – „Das kann nur Lokaljournalismus“, sagt Jan Böhmermann, als er mit einem Schmunzeln an sein Debüt zurückdenkt. Mit 16 Jahren begann er, für den Bremer Weser-Kurier zu schreiben. In seinem ersten Artikel im September 1997 berichtete er ausführlich über das Gastspiel einer litauischen Folklore-Gruppe im Bürgerhaus Vegesack. In der aktuellen Ausgabe des ZDF Magazin Royale sorgt sich der Moderator um den Zustand des Lokaljournalismus in Ostdeutschland – auch mit Blick auf zurückliegende Wahlergebnisse.

„Wie Rechtspopulisten die Krise des Lokaljournalismus ausnutzen“, heißt es in der Sendungsbeschreibung in der ZDF-Mediathek. Böhmermann unterstreicht zunächst die Bedeutung von Lokalzeitungen in Deutschland. „Hinschauen, wo andere wegschauen“, sei deren Kernaufgabe. Themen aufzugreifen, „die für die Menschen vor Ort wichtig sind“. Böhmermann führt auf: „Was ist bei mir um die Ecke los, warum hat's letzte Nacht im Nachbarort so laut geknallt?“

„Wenn Lokaljournalismus wegfällt, funktioniert die demokratische Gesellschaft schlechter“

Aber: Menschen kaufen immer weniger Lokalzeitungen. Experte Christian Wellbrock von der Hamburg Media School erläutert: „Ganz allgemein ist der Lokaljournalismus wirtschaftlich massiv unter Druck. Seit Jahrzehnten gehen die Anzeigenerlöse und auch die Auflagen zurück. Redaktionen werden zusammengelegt, oder gleich ganz geschlossen.“ Besonders davon betroffen sei der Osten Deutschlands. Unter anderem, weil die Zustellung dort aufgrund der geringeren Bevölkerungsdichte komplizierter sei.

„Es gibt eine ganze Anzahl an internationalen Studien, die es belegen: Wenn Lokaljournalismus wegfällt, funktioniert die demokratische Gesellschaft in diesen Gebieten schlechter“, sagt Wellbrock. Die Wahlbeteiligung sei in diesen Regionen geringer, die Leute wählten polarisierter, extremer.

Anzeigenblätter als „publizistische Lückenfüller“: Böhmermann warnt in ZDF-Sendung

In diesem Zusammenhang lenkt Böhmermann den Blick auf die starken Landtagswahl-Ergebnisse der AfD in Sachsen und Thüringen. Dort gebe es ein „Informationsvakuum, eine Versorgungslücke mit Lokaljournalismus“. Inzwischen hätten sich Akteure gefunden, die diese Lücke schließen. Kostenlose Anzeigenblätter träten im Osten als „publizistische Lückenfüller“ auf. Dabei handle es sich um Veröffentlichungen, die beim Bäcker, Blumenhändler, oder im Baumarkt ausliegen – oder einfach im Briefkasten der Menschen landen.

Oft wirkten diese wie seriöse Lokalzeitungen, sagt Böhmermann. Neben Werbung fänden sich viele Informationen aus dem Verbreitungsgebiet. In Sachsen und Thüringen erreichen kostenlose Anzeigenblätter fast 75 Prozent der Bevölkerung, referiert der ZDF-Moderator.

In Greiz (Thüringen) ist es etwa die „Bürgerzeit aktuell“, die in den Briefkästen der Wähler landet. Im Anzeigenblatt finden Leser in einem Artikel unter anderem folgende Einschätzung: „Was Hass, Hetze und Gewalt sind, bestimmen ausschließlich die Regierung und ihr Geheimdienst – und immer mehr auch die Medien.“ In einem Kommentar zur Gesundheitspolitik der Bundesregierung während der Corona-Pandemie heißt es: „Sie gehören alle vor Gericht.“ Die AfD hat in der Publikation zahlreiche Anzeigen geschaltet.

AfD-Fraktionsvorsitzender als Redaktionsleiter

„Ich werde alle Möglichkeiten ausreizen, Asylbewerbern ohne Bleiberecht Gera so unattraktiv wie möglich zu machen.“ Diese Worte hat der AfD-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl über ein Anzeigenblatt verbreitet. Auch der AfD-Fraktionsvorsitzende kommt in der „Neuen Gera“ zu Wort, er firmiert als Redaktionsleiter.

Teilweise würden sich die Blätter wie „Facebook-Seiten der AfD“ lesen, mahnt Böhmermann. In einer liefert der umstrittene ehemalige Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen einen Gastbeitrag. Alle in der Sendung erwähnten Anzeigenblätter habe er um Stellungnahmen in Bezug auf ihre in Teilen politischen Inhalte gebeten, berichtet Böhmermann. Der Rücklauf sei jedoch äußerst bescheiden gewesen.

Zum Ende der Sendung wird ein Statement von Stephan Kramer eingeblendet. Der Thüringer Chef des Amtes für Verfassungsschutz gibt sich besorgt. Man nutze die Akzeptanz der Anzeigenblätter vor Ort, um „bedarfsorientiert Hass und Hetzparolen in die sozialen Räume zu streuen“.

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