- VonMichel Guddatschließen
Fallende Impfraten können Gefahren von Lähmungen bis hin zu tödlichen Infektionen mit sich bringen. Die Pandemie hat die Zurückhaltung noch verstärkt.
Frankfurt – Impfungen haben sich als eine der wirksamsten Strategien zur Bekämpfung schwerwiegender Krankheiten wie Masern, Diphtherie und Polio erwiesen. Sie haben unzählige Menschenleben gerettet und vor schweren Krankheitsverläufen geschützt. Dennoch weisen die aktuellen Impfstatistiken in Deutschland einen beunruhigenden Trend auf: Die Bereitschaft zur Impfung, sowohl bei sich selbst als auch bei den eigenen Kindern, scheint abzunehmen.
Sinkende Impfquote in Deutschland: Steigen die Zahlen der Infizierten?
Reinhard Berner, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), bringt ein grundlegendes Problem auf den Punkt: „Ein grundsätzliches Dilemma von Impfungen ist, dass sie Krankheiten verhindern, die dadurch viele heute nicht mehr kennen.“ Ein Paradebeispiel hierfür ist die Diphtherie, die einst als „Würgeengel der Kinder“ gefürchtet war. Im Jahr 1892 forderte sie in Deutschland mehr als 50.000 Menschenleben, überwiegend Kinder. Dank der 1913 eingeführten Impfung sank die Zahl der Erkrankungen drastisch. Aktuell wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) lediglich 47 Fälle gemeldet.
Die sinkenden Impfraten sind jedoch nicht ohne Risiko. Bei Diphtherie beträgt die vollständige Immunisierungsrate bei 15 Monate alten Kindern nur 64 Prozent. Nur 21 Prozent der Einjährigen in Deutschland sind vollständig gegen Polio geimpft, wie das RKI berichtet. Zwar werden oft notwendige Impfungen nachgeholt, doch sollte die Grundimmunisierung bis zu einem bestimmten Alter abgeschlossen sein. Bei Polio wird ein Alter von zwölf Monaten empfohlen.
Die Folgen einer Infektion können gravierend sein: Nervenlähmungen, Entzündungen der Lunge oder des Herzmuskels sind mögliche Komplikationen. Polioviren können zu dauerhaften Lähmungen oder Atemlähmungen führen. Masernviren können Lungen- und Hirnentzündungen verursachen, mit der gefürchteten Spätfolge der fast immer tödlichen Subakuten Sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE), wie das RKI berichtet. Weltweit hat die Zahl der Masern-Erkrankungen stark zugenommen – auch in Deutschland wurde eine besorgniserregende Zunahme festgestellt.
Manche Bevölkerungsgruppen sind schwer zu erreichen
Ein zusätzliches Hindernis besteht darin, bestimmte Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Laut Berner sind Menschen aus bildungsfernen Haushalten oder ohne Deutschkenntnisse schwer zu erreichen. Markus Beier, Bundesvorsitzender des Hausärzteverbands, fügt hinzu, dass auch Menschen ohne regelmäßigen Kontakt zu einem Hausarzt oft nicht erreicht werden. Die Standardimpfungen für Babys werden zwar in der Regel wahrgenommen, aber oft zu spät, was problematisch ist, da einige Krankheiten im ersten Lebensjahr besonders gefährlich sind.
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Corona-Pandemie verstärkte die Skepsis an Impfungen: „Krasse Fehlinformation“
Die Corona-Pandemie hat die Skepsis gegenüber Impfungen offenbar noch verstärkt. „Die Pandemie hat uns, was den Impfgedanken grundsätzlich angeht, wieder weit zurückgeworfen“, so Berner. Viele Menschen zweifeln an der Wirksamkeit der Corona-Impfung, da sie trotz Impfung erkrankten. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigte jedoch, dass die Corona-Impfung 1,6 Millionen Menschen das Leben gerettet hat.
Christian Drosten, Virologe an der Charité Berlin, warnt vor Fehlinformationen: „In der Öffentlichkeit kursiert inzwischen mancherorts die Vorstellung, die Impfung sei geradezu gefährlich, oder ähnlich gefährlich wie das Virus. Das ist eine krasse Fehlinformation.“ Drosten betont, dass die Nebenwirkungen der Impfung in der Regel gut zu bewältigen und vorübergehend sind. „Wäre die Impfung so gefährlich wie die Infektion, dann wäre sie nicht zugelassen und empfohlen“, erklärt er. Die Bedeutung der Impfung bleibt trotz möglicher Nebenwirkungen unbestritten.
„Krankheitslast hat sich deutlich erhöht“: Große Impflücke in Deutschland
Nach Daten des RKI ist die Krankheitslast durch Atemwegserkrankungen hoch. In der Woche vom 2. Dezember gab es rund 8.600 akute Atemwegserkrankungen pro 100.000 Einwohner. „Durch die parallele Zirkulation von Influenzaviren, RSV und Sars-CoV-2 hat sich die Krankheitslast deutlich erhöht“, erläutert das RKI. Leif Erik Sander von der Charité betont die langfristigen Vorteile von Impfungen: „Wir wissen mittlerweile, dass Impfungen vor allen Dingen auch die Folgekomplikationen am Herz-Kreislaufsystem – also Herzinfarkte, Schlaganfälle, Thrombosen - deutlich reduzieren können.“
Die Bedeutung hoher Impfraten zeigt sich auch bei den Masern. 2023 wurden dem RKI 636 Infektionen gemeldet, im Vergleich zu nur 79 im Vorjahr. „Wenn die Impfquote nur ein kleines bisschen nachlässt, da reichen ein paar Prozent, gibt es umgehend mehr Fälle“, erklärt Sander. Untersuchungen deuten zudem auf ein allmähliches Nachlassen des Impfschutzes hin.
Berner warnt ebenfalls: „Ganz viel ist gelungen. Aber ganz vieles ist halt nur fast verschwunden und kann damit auch ganz schnell wieder vor der Tür stehen.“ Die Notwendigkeit einer hohen Impfquote bleibt unbestritten, um ein Wiederaufleben gefährlicher Krankheiten zu verhindern. (dpa/mg)
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