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Abnehmende Impfrate in Deutschland: Droht die Rückkehr von Masern, Diphtherie und Kinderlähmung?

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Fallende Impfraten können Gefahren von Lähmungen bis hin zu tödlichen Infektionen mit sich bringen. Die Pandemie hat die Zurückhaltung noch verstärkt.

Frankfurt – Impfungen haben sich als eine der wirksamsten Strategien zur Bekämpfung schwerwiegender Krankheiten wie Masern, Diphtherie und Polio erwiesen. Sie haben unzählige Menschenleben gerettet und vor schweren Krankheitsverläufen geschützt. Dennoch weisen die aktuellen Impfstatistiken in Deutschland einen beunruhigenden Trend auf: Die Bereitschaft zur Impfung, sowohl bei sich selbst als auch bei den eigenen Kindern, scheint abzunehmen.

Sinkende Impfquote in Deutschland: Steigen die Zahlen der Infizierten?

Reinhard Berner, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), bringt ein grundlegendes Problem auf den Punkt: „Ein grundsätzliches Dilemma von Impfungen ist, dass sie Krankheiten verhindern, die dadurch viele heute nicht mehr kennen.“ Ein Paradebeispiel hierfür ist die Diphtherie, die einst als „Würgeengel der Kinder“ gefürchtet war. Im Jahr 1892 forderte sie in Deutschland mehr als 50.000 Menschenleben, überwiegend Kinder. Dank der 1913 eingeführten Impfung sank die Zahl der Erkrankungen drastisch. Aktuell wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) lediglich 47 Fälle gemeldet.

Die sinkenden Impfraten sind jedoch nicht ohne Risiko. Bei Diphtherie beträgt die vollständige Immunisierungsrate bei 15 Monate alten Kindern nur 64 Prozent. Nur 21 Prozent der Einjährigen in Deutschland sind vollständig gegen Polio geimpft, wie das RKI berichtet. Zwar werden oft notwendige Impfungen nachgeholt, doch sollte die Grundimmunisierung bis zu einem bestimmten Alter abgeschlossen sein. Bei Polio wird ein Alter von zwölf Monaten empfohlen.

Die Impfquote in Deutschland sinkt, Grund ist unter anderem eine höhere Skepsis nach der Corona-Pandemie. (Symbolbild)

Die Folgen einer Infektion können gravierend sein: Nervenlähmungen, Entzündungen der Lunge oder des Herzmuskels sind mögliche Komplikationen. Polioviren können zu dauerhaften Lähmungen oder Atemlähmungen führen. Masernviren können Lungen- und Hirnentzündungen verursachen, mit der gefürchteten Spätfolge der fast immer tödlichen Subakuten Sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE), wie das RKI berichtet. Weltweit hat die Zahl der Masern-Erkrankungen stark zugenommen – auch in Deutschland wurde eine besorgniserregende Zunahme festgestellt.

Manche Bevölkerungsgruppen sind schwer zu erreichen

Ein zusätzliches Hindernis besteht darin, bestimmte Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Laut Berner sind Menschen aus bildungsfernen Haushalten oder ohne Deutschkenntnisse schwer zu erreichen. Markus Beier, Bundesvorsitzender des Hausärzteverbands, fügt hinzu, dass auch Menschen ohne regelmäßigen Kontakt zu einem Hausarzt oft nicht erreicht werden. Die Standardimpfungen für Babys werden zwar in der Regel wahrgenommen, aber oft zu spät, was problematisch ist, da einige Krankheiten im ersten Lebensjahr besonders gefährlich sind.

Impfungen für Erwachsene von Corona bis Grippe: Welche Empfehlungen gelten

Ein Impfbüchlein, in dem die Spalte „Tetanus“ grün markiert ist
Tetanus, auch Wundstarrkrampf genannt, wird durch Bakterien verursacht. Diese finden sich zum Beispiel in Erde und Tierkot. Gegen die gefährliche Krankheit Tetanus kann man sich in Form einer Impfung immunisieren lassen. Die Grundimmunisierung hat man im Idealfall als Säugling bekommen. Die ersten Auffrischimpfungen empfiehlt die Stiko ab einem Alter von fünf Jahren. Ab dem 18. Geburtstag sollte eine Auffrischimpfung alle zehn Jahre erfolgen, heißt es weiter vonseiten der Ständigen Impfkommission.  © Daniel Karmann/dpa
Frau fasst sich an Hals
Diphtherie-Bakterien können Rachenentzündungen, Fieber und starke Schluckbeschwerden auslösen. Unbehandelt kann die Infektion Komplikationen wie Herzmuskelentzündung, Nieren- und Leberschäden oder sogar Lähmungen zur Folge haben. Daher empfiehlt die Ständige Impfkommission eine Grundimmunisierung in Form von drei Teilimpfungen im Säuglingsalter und Auffrischimpfungen ab dem fünften Lebensjahr. Ab dem 18. Geburtstag sollte alle zehn Jahre eine Auffrischimpfung erfolgen, so die Stiko. © AndreyPopov/Imago
Impfausweis
Der medizinische Fachbegriff für Keuchhusten ist Pertussis. Es handelt sich um eine hochansteckende Infektionskrankheit der Atemwege, die hauptsächlich durch das Bakterium Bordetella pertussis verursacht wird. Zum Schutz vor der Krankheit empfiehlt die Ständige Impfkommission drei erste Impfungen im Säuglingsalter, eine Auffrischimpfung im Kindesalter, eine fünfte Impfung im Alter von neun bis 14 Jahren und eine letzte Auffrischimpfung im Erwachsenenalter.  © Jens Kalaene/dpa
Ein Mensch wird geimpft
Viele tragen Pneumokokken-Bakterien im Mund- und Rachenraum, ohne davon krank zu werden. Allerdings ist es möglich, dass eine bakterielle Infektion einsetzt und zu Beschwerden führt. Auch schwere Verläufe sind möglich. So können Pneumokokken Hirnhaut- oder Lungenentzündungen verursachen. Nach einer Grundimmunisierung im Säuglingsalter sollte daher eine Standardimpfung ab dem 60. Lebensjahr verabreicht werden.  © Martin Schutt/dpa
Impfpass mit Masern-Impfung
Die Masern gelten als eine der ansteckendsten Krankheiten des Menschen überhaupt. Ausgelöst wird der Virusinfekt durch das Einatmen infizierter Tröpfchen sowie durch Kontakt mit infektiösen Sekreten aus Nase und Rachen. Weil auch diese Krankheit schwere Verläufe nehmen kann, empfiehlt die Stiko zwei Schutzimpfungen im Säuglings- und Kindesalter. Erwachsene, die nach 1970 geboren sind und nicht wissen, ob sie geimpft wurden, empfiehlt die Stiko eine Standardimpfung. Dasselbe gilt für Erwachsene, die nie eine Masern-Impfung erhalten haben oder nur eine Impfung in der Kindheit hatten.  © Tom Weller/dpa
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung mit Diagnose „Herpes zoster“
Gürtelrose (auch Herpes zoster) ist eine Virusinfektion, gegen die man sich impfen lassen kann. Die Stiko empfiehlt die Schutzimpfung allen Ü-60-Jährigen, um schweren Verläufen vorzubeugen.  © Sascha Steinach/Imago
Frau sitzt krank auf dem Sofa.
Eine Infektion mit Influenzaviren kann für vorerkrankte und immunschwache Menschen gefährlich sein. Wo gesunde Erwachsene die Grippe meist ohne Komplikationen auskurieren, steigt bei älteren Menschen das Risiko, schwer zu erkranken. Deshalb rät die Stiko Menschen, die älter als 60 sind, zu einer jährlichen Influenza-Impfung.  © Imago
Ein positiver Corona-Schnelltest im November 2023
Um schweren Covid-19-Krankheitsverläufen und Long Covid vorzubeugen und das Gesundheitssystem zu entlasten, empfiehlt die Stiko allen Personen ab 18 Jahren eine Basisimmunität bestehend aus drei Antigenkontakten. Dazu zählen Impfungen (mindestens zwei Impfstoffdosen) und Infektionen. Menschen mit erhöhtem Risiko für schweres Covid-19 wie Ü-60-Jährige sollten sich der Stiko zufolge für eine jährliche Auffrischimpfung entscheiden. Diese wird einmal im Jahr im Abstand von etwa zwölf Monaten zum letzten Antigenkontakt verabreicht.  © Imago

Corona-Pandemie verstärkte die Skepsis an Impfungen: „Krasse Fehlinformation“

Die Corona-Pandemie hat die Skepsis gegenüber Impfungen offenbar noch verstärkt. „Die Pandemie hat uns, was den Impfgedanken grundsätzlich angeht, wieder weit zurückgeworfen“, so Berner. Viele Menschen zweifeln an der Wirksamkeit der Corona-Impfung, da sie trotz Impfung erkrankten. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigte jedoch, dass die Corona-Impfung 1,6 Millionen Menschen das Leben gerettet hat.

Christian Drosten, Virologe an der Charité Berlin, warnt vor Fehlinformationen: „In der Öffentlichkeit kursiert inzwischen mancherorts die Vorstellung, die Impfung sei geradezu gefährlich, oder ähnlich gefährlich wie das Virus. Das ist eine krasse Fehlinformation.“ Drosten betont, dass die Nebenwirkungen der Impfung in der Regel gut zu bewältigen und vorübergehend sind. „Wäre die Impfung so gefährlich wie die Infektion, dann wäre sie nicht zugelassen und empfohlen“, erklärt er. Die Bedeutung der Impfung bleibt trotz möglicher Nebenwirkungen unbestritten.

„Krankheitslast hat sich deutlich erhöht“: Große Impflücke in Deutschland

Nach Daten des RKI ist die Krankheitslast durch Atemwegserkrankungen hoch. In der Woche vom 2. Dezember gab es rund 8.600 akute Atemwegserkrankungen pro 100.000 Einwohner. „Durch die parallele Zirkulation von Influenzaviren, RSV und Sars-CoV-2 hat sich die Krankheitslast deutlich erhöht“, erläutert das RKI. Leif Erik Sander von der Charité betont die langfristigen Vorteile von Impfungen: „Wir wissen mittlerweile, dass Impfungen vor allen Dingen auch die Folgekomplikationen am Herz-Kreislaufsystem – also Herzinfarkte, Schlaganfälle, Thrombosen - deutlich reduzieren können.“

Die Bedeutung hoher Impfraten zeigt sich auch bei den Masern. 2023 wurden dem RKI 636 Infektionen gemeldet, im Vergleich zu nur 79 im Vorjahr. „Wenn die Impfquote nur ein kleines bisschen nachlässt, da reichen ein paar Prozent, gibt es umgehend mehr Fälle“, erklärt Sander. Untersuchungen deuten zudem auf ein allmähliches Nachlassen des Impfschutzes hin.

Berner warnt ebenfalls: „Ganz viel ist gelungen. Aber ganz vieles ist halt nur fast verschwunden und kann damit auch ganz schnell wieder vor der Tür stehen.“ Die Notwendigkeit einer hohen Impfquote bleibt unbestritten, um ein Wiederaufleben gefährlicher Krankheiten zu verhindern. (dpa/mg)

Rubriklistenbild: © Markus Scholz/dpa

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