VonAndreas Schmidschließen
Menschen aus Einwandererfamilien haben in der Schule schlechtere Leistungen. Ein Faktor dafür ist eine „Benachteiligung im deutschen Bildungssystem“.
Wer Migrationshintergrund hat, geht tendenziell eher auf eine Haupt- oder Gesamtschule statts aufs Gymnasium. Das zeigen Statistiken. Das liegt aber nicht an der fehlenden Intelligenz, sondern vor allem an ungleichen Bildungschancen. Der Sachverständigenrat für Integration und Migration spricht gar von der „Benachteiligung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem“. Warum?
Kinder mit Migrationshintergrund „bereits in frühem Alter benachteiligt“
„In Deutschland ist der schulische Bildungserfolg weiterhin maßgeblich vom sozioökonomischen Hintergrund der Familie abhängig“, sagt Prof. Havva Engin, Mitglied des Sachverständigenrats für Integration und Migration, auf Anfrage der Frankfurter Rundschau. „Und hier ist der Anteil sozial benachteiligter Familien mit Migrationshintergrund signifikant höher als bei Familien ohne Migrationshintergrund. Kinder aus einem entsprechenden Umfeld erhalten oft weniger Unterstützung im Bildungsprozess und müssen mehr Hürden überwinden als Kinder aus einem Elternhaus mit höherem sozioökonomischen Status.“
Kinder mit Migrationshintergrund seien „bereits in frühem Alter benachteiligt“, etwa wenn es um die Inanspruchnahme von Kitaplätzen geht. „Während 45 Prozent der Kinder ohne Zuwanderungserfahrung eine Kita für unter Dreijährige besuchen, sind es bei den Migrantenkindern lediglich 22 Prozent“, sagt Engin. „Das hat vor allem strukturelle Gründe, etwa die Entfernung zum Wohnort oder weil genaue Kenntnisse über das Bildungssystem fehlen.“
Das habe Folgen. „Die Teilhabeunterschiede setzen sich dann in der Schulzeit fort“, sagt Engin. So schreibt der Sachverständigenrat mit Blick auf verschiedene Studien, „dass die schulischen Kompetenzen von jungen Menschen mit Migrationshintergrund weiterhin erheblich hinter denen von Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund zurückbleiben.“ Das wiederum zeigt sich auch am Schulabschluss.
Menschen mit Migrationshintergrund haben tendenziell einen schlechteren Schulabschluss. Der Sachverständigenrat führt das auch auf Diskriminierung zurück. „Nachgewiesen ist eine Diskriminierung zum Beispiel bei der Notenvergabe und im Unterricht selbst“, sagt Engin. „Lehrkräfte behandeln Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund und niedriger sozialer Herkunft anders als ihre Mitschüler, indem sie zum Beispiel ungleich schwere Fragen stellen oder unterschiedlich loben.“
Weiter sagt Engin: „Eine Erklärung für Ungleichbehandlung sind stereotype Annahmen darüber, was Schüler und Schülerinnen unterschiedlicher Herkunft können. Solche Erwartungen haben nachweislich Einfluss auf die tatsächliche Schülerleistung.“ Und womöglich auch auf den Übertritt nach der Grundschule? Tatsächlich sind Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund vor allem an Mittel- und Hauptschulen vertreten, wie exemplarisch eine Abfrage am bayerischen Kultursministerium ergab. Im laufendem Schuljahr sieht es im Freistaat wie folgt aus:
- Grundschule: 33,2 Prozent Schüler mit Migrationshintergrund
- Mittel- und Hauptschule: 49,5
- Realschule: 20,5 Prozent
- Gymnasium: 18,6 Prozent
Woran liegt das? Der Sachverständigenrat betont, Menschen mit Migrationshintergrund seien nicht einfach „dümmer“. Vielmehr könne „die mangelnde Kenntnis des deutschen Bildungssystems und die Dominanz der Herkunftssprache innerhalb der Familie den Bildungserfolg hemmen“. Heißt: Es hapert offenbar auch an ausreichenden Kenntnissen in der deutschen Sprache.
Braucht es Sprachtests für Menschen mit Migrationshintergrund?
Der Deutsche Lehrerverband sieht es ähnlich. Wer zu Hause selten oder nie Deutsche spreche, hätte „ein geringeres Kompetenzniveau im Lesen und Zuhören“, sagt der amtierende Präsident des Lehrerverbands, Stefan Düll. Bundesweit würden 14,5 Prozent der Familien von Kita-Kindern zu Hause vorwiegend nicht Deutsch sprechen. „Damit Mehrsprachigkeit für ein Kind zu einem Vorteil wird, ist es notwendig, dass es auch in der Sprache, die zu Hause nicht gesprochen wird, früh ausreichend gefördert wird“, erklärte Düll.
Diese Kinder müssten daher gefördert werden. „Deshalb spricht sich der Deutsche Lehrerverband für Sprachtests und eine daraus folgende verbindliche Sprachförderung im Vorschulalter aus, damit alle Kinder und Jugendlichen ihre Bildungsbiografie erfolgreich starten und im Verlauf ihrer Schulzeit darauf aufbauen können.“
Tatsächlich entscheidet sich der schulische Bildungsweg schon in Kinderschuhen, erklärt der Sachverständigenrat. „Bereits im Vorschulalter weisen viele Kinder mit Migrationshintergrund geringere mathematische, sprachliche sowie naturwissenschaftliche Kompetenzen auf“, heißt es mit Blick auf eine Studie des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik.
Auch der Sachverständigenrat Integration will verpflichtende Sprachtests, allerdings nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund, sondern für alle. Konkret fordert der Verband „eine verbindliche Sprachstandsdiagnostik, also eine Deutschprüfung, für alle Kinder ab vier Jahren und eine anschließende wissenschaftlich fundierte, alltagsintegrierte Unterstützung von förderbedürftigen Kindern“. In Bayern ist ein entsprechendes Projekt mittlerweile angelaufen. Ende 2024 sind, hat das Söder-Kabinett die Sprachtests verabschiedet – nun haben die ersten Tests stattgefunden.
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