VonCarolin Gehrmannschließen
Immer wieder erkranken Menschen schwer an Corona – auch wenn sie nicht zur typischen „Risikogruppe“ gehören. Berliner Forscher entdeckten nun ein Gen, welches das Risiko für schwere Verläufe erhöhen könnte.
Berlin – Es wirkt oft wie Zufall: Manche Menschen erkranken gar nicht an Corona, viele glücklicherweise nur leicht, andere hingegen trifft es unerwartet schwer. Eine allgemeingültige Erklärung der unterschiedlichen Ausprägungsgrade der Krankheit fehlt bisher. Der Omikron-Variante des Virus wird zwar nachgesagt, für mildere Erkrankungen zu sorgen. Doch noch immer landen viele Patienten auf der Intensivstation.
Forscher machen ein Gen für schwere Verläufe bei Corona verantwortlich
Forschende des Berlin Institute of Health haben in einer neuen Corona-Studie nun ein Gen identifiziert, das die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid-19 zu erkranken, ihrer Ansicht nach um ein Vielfaches erhöht. Das trifft auch auf jüngere Menschen zu. Auch der bekannte Immunologe der Berliner Charité, Leif Erik Sander, der dem Corona-Expertenrat der Bundesregierung angehört, war an der Studie beteiligt.
Das Gen, das die Forschenden in den Blick nahmen, trägt den Namen ELF5. Es ist in den Lungenbläschen, den sogenannten Alveolen, und im Riechepithel aktiv, also der Schleimhaut, in der sich die Sinneszellen befinden, die für unseren Geruchssinn sorgen. Alveolen und Riechepithel gelten als das erste Angriffsziel des Coronavirus.
Nach Ansicht der Forscher könnte das Gen ein Schlüssel sein, um zu erklären, warum manche Menschen schwerer an Corona erkranken als andere – obwohl sie möglicherweise nicht zur typischen Risikogruppe gehören.
Welche Personen sind besonders von schweren Verläufen bei Corona betroffen?
Als allgemeine Risikofaktoren, die einen schweren Corona-Verlauf begünstigen, listet das Robert-Koch-Institut (RKI) die folgenden auf:
- höheres Lebensalter (ab 50 bis 60 Jahren steigt das Risiko)
- Herzkreislauferkrankungen
- Diabetes
- Erkrankungen des Atmungssystems
- chronische Leber- oder Nierenerkrankungen
- Krebserkrankungen
- starkes Übergewicht (Adipositas)
- eine unterdrückte Immunabwehr (durch Erkrankung oder Medikamente)
In der Studie werden außerdem noch männliches Geschlecht, Rauchen und soziale Isolation als Risikofaktoren für schwere Covid-Verläufe genannt.
Corona: Auch Blutgruppe ein Risikofaktor für schweren Verlauf bei Covid-19
Auch die Blutgruppen wurden im Zusammenhang mit dem individuellen Risiko für Corona-Erkrankungen von vielen Fachleuten immer wieder ins Spiel gebracht. So erkranken Menschen mit der Blutgruppe A demnach häufiger an Corona, Menschen mit der Blutgruppe 0 hingegen seltener. Die Blutgruppe 0 senkt also nach Fachmeinungen das Risiko der Ansteckung, schützt aber nicht stärker vor einem schweren Verlauf.
Fünffaches Risiko eines schweren Coronaverlaufs mit Klinikaufenthalt oder Tod durch das Gen
Die neue Berliner Studie, die in der Fachzeitschrift nature communications veröffentlicht wurde, hat acht verschiedene Proteine in den Fokus genommen und untersucht, wie sie sich auf den Schweregrad einer Coronaerkrankung auswirken. Dabei steht offenbar ELF5 besonders im Verdacht, schwere Verläufe zu begünstigen: Das Risiko eines Verlaufs mit Krankenhausaufenthalt oder gar Todesfolge könnte um das Fünffache erhöht sein.
Bei ELF5 handelt es sich um einen Träger eines sogenannten Transkriptionsfaktors, also um ein Protein, das die Ablesung (Transkription) von anderen Genen beeinflusst. Laut den Forschenden könnte es dem Coronavirus zum einen den Eintritt in die Zellen der Atemwege erleichtern und zum anderen die Ausbreitung des Erregers in den Zellen begünstigen. Darüber hinaus könnte es auch die Abwehrreaktion des Körpers gegen das Virus schwächen.
ELF5 tritt in verschiedenen Bereichen der Nase und der Atemwege auf:
- im Riechepithel wird ELF5 von den Bowman-Drüsen und den Stützzellen gebildet; bei einer Corona-Infektion kommt es in diesem Bereich oft zum bekannten Geruchsverlust
- In den Atemwegen wird ELF5 von den Zellen aktiviert, an die der Sars-CoV-2-Erreger ankoppelt und die ihm danach den Eintritt in die Zelle ermöglichen (ACE2 ist der Rezeptor auf der Zelloberfläche; TMPRSS2 ist ein Enzym)
- In den Lungenalveolen wird ELF5 vor allem von den AT2-Zellen VERB gebildet. Diese Zellen werden bei einer Lungenentzündung zuerst zerstört
Die Autoren der Studie halten es demnach für plausibel, dass sich das Vorhandensein des Gens auf die Ansteckung und den Krankheitsverlauf auswirke. Ein schwererer Verlauf werde durch ELF5 begünstigt. Die genaue Rolle des Gens im Zusammenhang mit Corona-Erkrankungen müsse laut den Forschenden noch weiter untersucht werden. Bei Transkriptionsfaktoren wie ELF5 sei eine genaue Aussage nicht so leicht, da sie auch die Aktivität anderer Gene beeinflussen.
Welchen Einfluss hat das Gen auf die Corona-Impfung?
Das Forscher-Team stellt keinen Zusammenhang zwischen diesen Erkenntnissen und der Wirkung der Corona-Impfung her. Neue Impfstoffe müssten daher nicht entwickelt werden. Eine Impfung bietet also immer noch den zuverlässigsten Schutz gegen eine schwere Corona-Infektion. Die Ständige Impfkommission empfiehlt die vierte Impfung nun auch für Über-60-Jährige.
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