„Stille Notlage“: Wie Japan mit Dating-Apps und Viertagewoche gegen den Geburtenrückgang ankämpft
VonSven Hauberg
schließen
In Japan kommen immer weniger Kinder zur Welt. Die Regierung will gegensteuern – mit unkonventionellen Methoden und mehr Einwanderung.
Entspannt steuert Herr Matsumoto seinen Toyota durch den Feierabendverkehr von Naha, der Hauptstadt der japanischen Insel Okinawa. Der Taxifahrer hat sich in seinem Wagen eingerichtet, er sitzt auf einer Auflage aus Holzkugeln, am Rückspiegel baumelt eine Kette mit einer Buddhafigur. Seit 13 Jahren schon fährt Herr Matsumoto über die Insel ganz im Süden Japans, er bringt Touristen an die Strände oder US-Soldaten, die auf Okinawa stationiert sind, in ihre Kasernen.
Angefangen hat Herr Matsumoto mit dem Taxifahren, als er in Rente gegangen ist, erzählt er. Als man ihn vor ein paar Monaten trifft, ist er 78, an vier Tage in der Woche steigt er in seinen kleinen weißen Wagen mit den roten Streifen an der Seite. Früher hat er Ausländern Japanisch beigebracht, als Taxifahrer bessert er nun seine Rente auf. Es sei ein guter Zuverdienst, sagt er, das Fahren mache ihm Spaß. Vor allem aber, sagt Herr Matsumoto: „Irgendwer muss die Taxis ja noch fahren. Was sollen Menschen ohne eigenes Auto sonst machen?“
Während in Deutschland darüber diskutiert wird, ob ältere Menschen ihren Führerschein abgeben sollten, halten sie in Japan den Verkehr am Laufen. Nicht nur in Naha, überall im Land sieht man in Taxis ältere Herren am Steuer. Denn das Land altert rapide, Kinder und damit auch künftige Arbeitskräfte gibt es immer weniger.
Seit Langem schon sinkt in Japan die Geburtenrate. Nun vermeldeten die Statistiker des asiatischen Landes einen neuen Negativrekord: Genau 686.061 Neugeborene kamen 2024 zur Welt, so wenige wie nie seit Beginn der Aufzeichnung im Jahr 1899 und erstmals weniger als 700.000. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt des Nachkriegs-Babybooms 1949 wurden in Japan 2,7 Millionen Kinder geboren, viermal so viele wie im vergangenen Jahr. Und ein Ende des Abwärtstrends ist nicht in Sicht, mit immer gravierenderen Folgen für die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt.
Gabriele Vogt, Professorin für Japanologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, nennt die Stadt Kyoto als Beispiel, wo zuletzt Busverbindungen ausgedünnt wurden, weil es nicht genug Fahrer gibt. „Auch politische Auswirkungen sehen wir bereits“, sagte Vogt der Frankfurter Rundschau. „In Japan nimmt die Zahl der Gemeindewahlen zu, bei denen es weniger Kandidatinnen und Kandidaten als Sitze gibt. Die Gemeinden überaltern, und es wird immer schwieriger, Personen zu finden, die sich noch engagieren wollen oder können.“
Wo die Jungen fehlen, müssen die Alten ran. Dafür setze die japanische Regierung auf die Aktivierung der Senioren, sagt Vogt. „Diese sollen mit Programmen zur geistigen und körperlichen Fitness lange gesund gehalten werden, um die befürchteten Kosten auf die Sozialsysteme zu minimieren. Nichtsdestotrotz machen die Sozialausgaben schon heute ein Drittel des Staatshaushalts im hoch verschuldeten Japan aus – Tendenz steigend.“
Im Schnitt bringt eine Japanerin nur 1,15 Kinder zur Welt, deutlich weniger als die 2,1 Kinder, die nötig sind, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Bleibt die Geburtenrate so niedrig, könnten in Japan im Jahr 2070 nur noch 87 Millionen Menschen leben, ein Rückgang von etwa 30 Prozent; heute zählt der Inselstaat noch 124 Millionen Menschen.
Von einer „stillen Notlage“ spricht deshalb Japans Premierminister Shigeru Ishiba. Und er will, dass die Japaner wieder mehr Kinder bekommen. Dazu hat Ishibas Regierung ein Maßnahmenpaket geschnürt, das es Paaren einfacher machen soll, Beruf und Familie zu vereinbaren. So soll die Schulausbildung bis zum Abitur kostenlos werden, damit würden für Eltern die in Japan hohen Ausbildungskosten für ihre Kinder deutlich gesenkt werden. Auch eine Erhöhung des Kindergelds wird debattiert.
Besonders niedrig ist die Geburtenrate in den japanischen Großstädten. Dort werden zunehmend auch unkonventionellere Ansätze verfolgt. Die Stadt Tokio ermöglicht es ihren Angestellten seit Kurzem, ihre Arbeit auf nur vier Tage pro Woche zu verteilen. Die drei freien Tage sollen die Angestellten dann ganz ihren Familien widmen können. „Wir werden unsere Arbeitsweise weiterhin flexibel gestalten, damit niemand seine Karriere wegen Lebensereignissen wie Geburten oder der Betreuung von Kindern aufgeben muss“, erklärte Tokios Gouverneurin Yuriko Koike im vergangenen Jahr. Auch eine eigene Dating-App hat die Tokioter Stadtregierung bereits gestartet – potenzielle Eltern sollen sich so leichter finden.
„Nach der Heirat wird erwartet, dass Frauen ihren Arbeitsplatz räumen“
Für Japan-Expertin Vogt ist die aktuelle Situation „ein Symptom tieferliegender Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern“. Im „Global Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums, der Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern misst, liegt Japan derzeit auf Rang 118 von 146 (Deutschland befindet sich auf Platz sieben). Vor allem bei der wirtschaftlichen Teilhabe von Frauen schneidet der Inselstaat schlecht ab, viele Japanerinnen arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen.
„Nach der Heirat und spätestens mit der Kindsgeburt wird erwartet, dass sie ihren Arbeitsplatz räumen. Der Wiedereinstieg gelingt oft nicht oder nur zu schlechteren Konditionen“, sagt Vogt. Die Folge: Immer mehr Japanerinnen widersetzen sich dieser gesellschaftlichen Norm – und bekommen keine Kinder, um weiter Karriere machen zu können. „Von Männern hingegen werden Überstunden, Flexibilität und voller Einsatz für den Arbeitgeber erwartet. Viele junge Väter können daher wenig für die Familie da sein oder im Haushalt helfen“, sagt Vogt.
Einwanderung soll Japans Geburtenmangel ausgleichen
Um den Kindermangel auszugleichen, versucht die Regierung, Einwanderer aus dem Ausland für ein Leben in Japan zu gewinnen. Einer Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge müsste Japan dazu die Zahl seiner ausländischen Arbeitskräfte bis 2040 auf 6,88 Millionen mehr als verdreifachen. Japan-Expertin Vogt sieht das Land dabei auf dem richtigen Weg. Sie verweist auf ein vor sechs Jahren verabschiedetes Gesetz, das es Fachkräften unter anderem in Bauindustrie und Pflege einfacher macht, in Japan zu arbeiten. „Hier passiert ein deutlicher Richtungswechsel“, sagt sie.
Herr Matsumoto und seine betagten Kollegen in Okinawa werden trotzdem noch ein wenig länger ihre Runden über die Insel drehen müssen. Zwei Jahre noch wolle er Taxi fahren, sagt er. An seinem 80. Geburtstag aber sei Schluss: „Irgendwann ist es auch mal genug.“