Trotz Katastrophengefahr

Supervulkan brodelt: Fußball-Top-Klub will Stadion in der Roten Zone bauen – Experte rät dringend davon ab

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Am Supervulkan der Phlegräischen Felder sorgen seit Monaten Erdstöße für Angst vor einem Ausbruch. Der SSC Neapel will in der Hoch-Risikozone ein neues Stadion bauen.

Neapel – Seit Monaten sorgen die Erdbeben in den Phlegräischen Feldern im Westen Neapels für Angst und Schrecken unter den rund 500.000 Bewohnern der Roten Zone des italienischen Supervulkans. Ausgerechnet hier plant der amtierende italienische Fußballmeister SSC Neapel einen Stadionneubau.

Der SSC Napoli will aus dem ehrwürdigen Diego-Armando-Maradona-Stadion ausziehen.

Die Azzurri wollen aus ihrem legendären Maradona-Stadion ausziehen

Der Präsident des SSC Neapel, Aurelio De Laurentiis, sorgte jüngst mit der Idee eines Neubaus im neapolitanischen Stadtteil Bagnoli für Aufsehen. Die Azzurri wollen das 1959 errichtete legendäre „Stadio Diego Armando Maradona“ mit seinen 54.726 Sitzplätzen aufgeben. Hier hatte der Ex-Verein des 2020 gestorbenen argentinischen Fußballgottes mit drei italienischen Meistertiteln (der letzte 2023), sechs italienischen Pokalen, zwei italienischen Superpokalen und einem UEFA-Pokal seine größten Triumphe gefeiert.

Die Phlegräischen Felder erleben einen neuen Erdbebenhöhepunkt.

Ursprünglich war vorgesehen, das „Stadio Diego Armando Maradona“ zu renovieren und auf einen modernen Stand zu bringen, als der Mietvertrag mit der altehrwürdigen Spielstätte verlängert wurde. Doch die Kosten eines Umbaus der Multifunktionsarena würden die eines Neubaus dabei deutlich übersteigen, ergab eine Untersuchung des Vereins. Außerdem wäre ein dreijähriger Auszug aus Neapel vonnöten.

Neues Stadion soll in besonders riskantem Bereich innerhalb der Roten Zone liegen

Bis 2025 will der Verein nun ein neues Stadion haben, da dann die Europameisterschaft in Italien und der Türkei ausgetragen wird. In Bagnoli soll auf dem Gelände des 1992 stillgelegten Stahlwerks Italsider ein ganzer Sportkomplex entstehen, inklusive Trainingszentrum mit zwölf weiteren Spielfeldern. Doch das Gelände liegt mitten in der Gefahrenzone der Phlegräischen Felder.

Der renommierte Vulkanologe und führender Forscher des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV), Giuseppe Mastrolorenzo, warnt jetzt in einem Interview mit der Neapolitaner Fußball-Seite areanapoli.it dringend von dem Bau der Arena in Vulkanzone. Er hatte jüngst schon einem anderen Interview davor gewarnt, die Möglichkeit einer unerwarteten Eruption zu unterschätzen und die Evakuierungspläne kritisiert.

Forscher warnt: „Ausbruch könnte bis zu drei Millionen Menschen betreffen“

Denn der Standort des geplanten Stadionneubaus liegt innerhalb der Roten Zone, die als stark gefährdet gilt und im Falle eines Ausbruchs als erstes evakuiert werden soll. Es gibt noch eine gelbe Zone, die als zweites evakuiert würde. Vor kurzem wurde noch eine innere Zone definiert, die als besonders risikobehaftet gilt. Das gilt sowohl für Erdbeben als auch für potenzielle Vulkanausbrüche.

Auf dem Gelände des ehemaligen Stahlwerks von Bagnoli soll das neue Stadion dwes SSC Neapel gebaut werden.

„Es handelt sich um eine große Caldera, die Ausbrüche hervorrufen kann, die zehnmal stärker sind als die des Vesuvs, selbst der, der Pompeji zerstörte“, warnt Mastrolorenzo. „Nach dem aktuellen Notfallplan wären daran etwa 500.000 Menschen beteiligt, aber basierend auf vulkanologischen Erkenntnissen und rechnerischen Simulationen könnten sie die gesamte im Großraum Neapel lebende Bevölkerung betreffen, also über drei Millionen Menschen.“

Vulkanforscher: Im Notfall sind das Stadion und das Umfeld kaum zu evakuieren

Der Neubau müsse sicherlich erdbebensicher sein, so der Forscher. In der Praxis müssten aber alle Stadien, die aus Stahlbeton und Stahl errichtet werden, so konstruiert sein, dass sie mehrere tausend Erschütterungen über einen längeren Zeitraum aushalten. Bei Spielen des SSC Neapel habe man am jetzigen Stadion durch das gleichzeitige Springen der Zuschauer vor Ort Erdbeben der Magnitude 2 gemessen. In den Phlegräischen Felder hebe und senke sich aber der ganze Boden im Laufe der Jahrzehnte ständig. „Das grundlegende Problem besteht aber darin, dass das Stadion mit einer Erhöhung des Risikos für die Konzentration von Zehntausenden von Menschen verbunden ist“, so Mastrolorenzo.

Das Geopop-Video zeigt, wie das Maradona-Stadion von einer 500 Grad heißen Wolke verschluckt wird.

Das Stadion würde eine Konzentration von über 100.000 Menschen mit sich bringen. Eine Menge also, die der Einwohnerzahl des gesamten Bezirks Bagnoli-Fuorigrotta entspricht, in dem der Neubau geplant ist. Die Anzahl der geparkten Autos würde sich an Spieltagen verdoppeln. „Im Falle eines seismischen oder vulkanischen Notfalls würde aufgrund der möglichen Behinderung von Rettungskräften und möglicher Evakuierungen ein Chaos entstehen mitten in einer Zone, in der es während der Spiele schon ständig zu Staus kommt. Evakuierungen werden sehr schwer sein.“

Experte: „Es ist sicherlich nicht ratsam, in dieser Gegend ein Stadion zu bauen.“

Der jetzige Stadionstandort liege bereits außerhalb der engeren Gefahrenzone und sei unmittelbar an die Hauptstraßen- und Autobahnverkehrsadern angeschlossen. Auch er kann bei einem größeren Vulkanausbruch von pyroklastischen Wolken getroffen werden, wie eine Simulation des Wissenschaftskanals Geopop zeigte.

Doch das neue Stadion läge noch näher an den potenziellen Gefahrenpunkten. Eigentlich sei geplant, das Gelände des ehemaligen Italsider-Gebiets in einen Stadtpark zu verwandeln, der im Katastrophenfall als Wartebereich und Landeplatz zu Wasser und in der Luft für Evakuierungen genutzt werden könne. Mastrolorenzo: „Der Bau des Stadions würde ein Hindernis darstellen“.

Bereits das alte Stadion liegt in der Roten Zone, der geplante Standort noch näher an den Kratern.

Ein Erdbeben oder auch eine Eruption könnten auch Panik in einem voll besetzten Stadion verursachen. Mastrolorenzo schließt: „Es ist sicherlich nicht ratsam, in dieser Gegend ein Stadion zu bauen.“ Auf die Frage, ob es eine ähnliche Situation eines Stadions in einer Vulkanzone gibt, antwortet der Forscher: „Es gibt keine ähnlichen Situationen wie in Neapel, da wir uns in dem besonderen Fall einer Stadt innerhalb des Vulkans und nicht in seiner Nähe befinden. Im Allgemeinen gibt es jedoch einen Grundsatz, Stadien nicht in den Roten Zonen vulkanischer Gebiete zu errichten.“ Mastrolorenzo und auch andere Wissenschaftler hatten bereits mehrfach davor gewarnt, dass es in den Phlegräischen Feldern jederzeit einen unvorhergesehenen Vulkanausbruch geben könne.

Ein Screenshot der Doku von Geopop, die eine Eruption hinter der Luftwaffenakademie bei Pozzuoli zeigt.

Mastrolorenzo rät: „Angesichts neuer Erkenntnisse wäre es heute sinnvoller, eine neue Anlage beispielsweise im Norden von Neapel und der Phlegräischen Felder zu bauen, kurz gesagt, außerhalb des Hochrisikogebiets.“ In der gegenwärtigen Situation würde man ein Stadion mitten in einem urbanisierten Gebiet und in einem Gebiet mit Vulkan- und Bodenbewegungsgefahr bauen. „Meiner Meinung nach sollte der Bau in dünn besiedelten Gebieten und vor allem weit weg vom Caldera-Gebiet erfolgen, natürlich nördlich, mindestens zwanzig Kilometer von Pozzuoli entfernt.“

Fußballboss dachte auch über Stadion am Vesuv nach – obwohl dort ein Baustopp gilt

Der Azzurri-Boss De Laurentiis hatte auch laut über einen Neubau in San Giuseppe Vesuviano laut nachgedacht, eine Gemeinde am Fuß des Vesuvs, in der wegen der dortigen Vulkangefahr gar nicht gebaut werden darf. Auch das sorgt bei Mastrolorenzo für Entsetzen: „Ein Sportzentrum kann überall gebaut werden, wenn die städtebaulichen Auflagen eingehalten werden, aber wenn es in einer roten Zone wie der Vesuv-Zone gebaut wird, in der ein Baustopp gilt, sollte man nicht einen übermäßigen Zustrom von Menschen und Fahrzeugen herbeiführen, da dies unweigerlich zu einer Erhöhung des Risikos beitragen würde.“

Jüngst hatte auch eine Bebenserie am Vesuv darauf hingewiesen, dass der gefürchtete Vulkan noch lange nicht erloschen ist.

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