Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung

Polarwirbel-Kollaps: Warum Forscher deshalb vor einem neuen Superwinter warnen

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Wenn der Polarwirbel kippt, drohen Europa extreme Kältewellen. Wie wahrscheinlich ist ein neuer Jahrhundertwinter? Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.

Kassel – Der Polarwirbel ist ein gigantischer Windstrom in der Stratosphäre, der sich wie ein riesiger, kalter Tornado über der Arktis dreht. Er hält kalte Luft in der Polarregion zurück und sorgt für ein stabiles Winterwetter in Europa – solange er stark ist. Doch der Wirbel ist labil. Wenn er gestört wird, kann er kollabieren, sich aufspalten oder in südliche Richtungen ausbrechen. Ein solcher Kollaps könnte uns diesen Winter erwarten.

Kommt es im Winter 2025 erneut zum Polarwirbel-Kollaps? – Superwinter 2010 und andere Beispiele

Dann strömt eisige Luft aus der Arktis weit nach Mitteleuropa – mitunter für Wochen. Dieses Phänomen wird als „Sudden Stratospheric Warming“ (SSW) bezeichnet, bei dem sich die obere Atmosphäre über dem Pol innerhalb weniger Tage um 30 bis 50 Grad erwärmt – eine bizarre Umkehr, die kalte Konsequenzen hat.

Die ersten Spekulationen über den kommenden Winter 2025/26 sind schon in vollem Gange. Wie er letztlich werden wird, weiß heute noch niemand.

Der wohl bekannteste Fall in jüngerer Zeit war der Winter 2009/2010. Damals kam es zu einem massiven Polarwirbel-Kollaps, der weite Teile Europas in eine monatelange Kältephase mit Schnee und Dauerfrost stürzte. Auch 2013 und 2018 gab es ähnliche Effekte – in Großbritannien wurde das Phänomen 2018 als „Beast from the East“ bekannt.

Droht ein neuer Superwinter – oder ist das alles nur Panikmache?

Wissenschaftlich lassen sich solche Ereignisse heute immer besser rekonstruieren, etwa durch die Analyse von Druckverhältnissen, Zonalwinddaten und Temperaturprofilen in der Stratosphäre. Trotzdem bleibt die kurzfristige Vorhersage schwierig. Entscheidend ist, wie stark die Störungen im Vorfeld sind – etwa durch Wellenmuster in der Troposphäre, Schneebedeckung in Sibirien oder Veränderungen im tropischen Pazifik wie El Niño.

Einige Wissenschaftler warnen, dass die Wahrscheinlichkeit für Polarwirbelstörungen mit dem Klimawandel sogar steigen könnte – paradoxerweise trotz globaler Erwärmung. Die Arktis erwärmt sich viel schneller als mittlere Breiten, was die Temperaturgegensätze schwächt und die Strömungen destabilisiert. Auch vermehrte Schneefälle in Eurasien im Herbst oder veränderte Meeresströmungen könnten den Polarwirbel in Zukunft anfälliger machen. Doch es gibt auch Gegenstimmen, die darauf hinweisen, dass die Datenlage noch zu dünn ist für klare Prognosen.

Sicher ist: Wenn der Polarwirbel bricht, kann er selbst milde Winter in arktische Kältewellen verwandeln. Die nächste Phase erhöhter SSW-Gefahr erwartet die Meteorologie ab Januar – dann wird sich zeigen, ob wir wieder bibbern müssen.

Rubriklistenbild: © regios24/IMAGO

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