VonJana Stäbenerschließen
„U-Boot-Eltern“ können den Erfolg ihrer Kinder im Leben massiv beeinträchtigen. Wir erklären, was sich hinter der Erziehungsmethode verbirgt.
Erziehungsmethoden sind wohl so vielfältig, wie es Eltern auf dieser Erde gibt. Trotzdem nutzen Psychologie und Pädagogik gerne bildhafte Sprache, um weit verbreitete „Elterntypen“ zu beschreiben. Dafür nutzen sie technische Geräte oder Fahrzeuge, wie beispielsweise beim Begriff „Helikoptereltern“ – dieses Wort kennt wohl jeder. Es hat keinen guten Beigeschmack.
Helikoptereltern schwirren immerzu um ihr Kind herum und überladen es mit Aufmerksamkeit und Fürsorge. Rasenmäher-Eltern ticken ähnlich: Sie räumen alle Widerstände und Konflikte aus dem Weg. Beides kann zu Problemen führen. Aber es ist immer noch besser als das, was „U-Boot-Eltern“ tun.
„U-Boot-Eltern schaden ihren Kindern mehr als Helikoptereltern“
Schulrechtler Thomas Böhm erklärte gegenüber Focus Online , warum „U-Boot-Eltern“ so problematisch sind – vor allem in Bezug auf die Bildung und Karriere der eigenen Kinder. Wie bei den Begriffen „Helikopter“ und „U-Boot“ schon vermutet werden kann, könnten „Helikoptereltern“ und „U-Boot-Eltern“ nicht unterschiedlicher sein. „U-Boot-Eltern schaden ihren Kindern mehr als Helikoptereltern“, sagt der Experte.
Denn während Helikoptereltern zwar intensiv um die Kinder herumschwirren und das für Lehrkräfte auch störend sein könne, hätten sie wenigstens ernsthaftes Interesse am Erfolg ihrer Kinder, so Böhm Gespräch mit Focus Online. U-Boot-Eltern hingegen „tauchen nicht auf, gehen nicht zum Elternsprechtag, sprechen nicht mit den Lehrern – erst wenn Versetzung gefährdet ist, fahren sie schwere Geschütze auf“.
Auch andere Experten sehen diesen Trend. „Kinder werden heute einfach so ausgeschaltet – durch Handys zum Beispiel“, sagt Kinderarzt Burkhard Voigt im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Der Kindermediziner sieht darin einen großen Erziehungsfehler. Er verstehe zwar, dass Eltern einen strukturierten Arbeitsalltag haben, aber es sei falsch, immer nur zu wollen, dass die Kinder ruhig seien. „Man darf nicht immer alles zu 100 Prozent übersteigert regulieren wollen“, sagt der Arzt.
U-Boot-Eltern fehlt emotionale Reife, die für Erziehung entscheidend ist
U-Boot-Eltern zeichnet aus, dass sie oft emotional unreif sind. Dabei ist emotionale Reife eine entscheidene Voraussetzung für gute Erziehung. „Emotionales Leben – damit meine ich das Erleben, Fühlen, Wahrnehmen, den Ausdruck und die Regulation von Emotionen auf mich selbst und auf meine Umwelt bezogen – ist eine Entwicklungsaufgabe, die seit frühesten Kindheitserfahrungen beeinflusst wird“, sagt Barbara Neuhold BuzzFeed News Deutschland.
„Den Begriff ‚emotional unreif‘ würde ich dann verwenden, wenn sich eine Person nicht reflektiert oder weiterentwickelt“, sagt die Psychologin. Emotional unreife Personen könnten häufig mit ihren eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen nicht umgehen, weshalb sie auch bei anderen „unempathisch und invalidierend reagieren“, sagt die Psychologin. Eltern, die selbst keine Nähe und Emotionen zulassen könnten, reagierten oft so, „als sei das Kind nicht existent. Sie zeigen wenig Einfühlungsvermögen, sind weder selbst reflektierend noch realitätsbezogen“, erklärt Neuhold.
Erziehungsmethode „U-Boot-Eltern“ ist raus – wie wäre es mit bindungsorientierter Erziehung?
Das U-Boot ist als elterliches Erziehungsfahrzeug also raus. Der Helikopter steht auch nicht gerade gut da. Doch welche Erziehungsmethode darf es dann sein? Am besten gar keine, findet Nora Imlau, die der Süddeutschen Zeitung (SZ) 2021 ein Interview zu ihrem neuen Ratgeber, dem „Familienkompass“ gab. Sie habe die tiefe Überzeugung, dass Elternschaft nicht bedeutet, Kinder mithilfe bestimmter Methoden zu vernünftigen Erwachsenen zu erziehen.
Imlau setzt bei ihren eigenen vier Kindern auf die „zugewandte Elternschaft“ (auch bindungsorientierte Erziehung genannt). Dieser Ansatz ist individueller und hat laut der Plattform Familie.de die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Blick. Er setzt nicht auf Perfektionismus und versucht Kindern nicht unbedingt Grenzen zu setzen, sondern eher eigene Grenzen zu formulieren. Kommunikation auf Augenhöhe stehe hier im Vordergrund, sagt Pädagogin Eliane Retz Familie.de über die bindungsorientierte Erziehung.
Durch diesen Perspektivwechsel dürften dann auch sowohl die Position von oben (Helikopter) und von unten (U-Boot) wegfallen. Diese Erziehungsmethode sei dann zwar anstrengender – habe aber durchaus Vorteile für die Kinder, da sie eine gute Vertrauensbasis für die Pubertät schaffe und bildungsorientiert erzogene Kinder nachweislich lösungsorientierter, weiter in der Sprachentwicklung und empathischer. Empathie hat jedoch auch negative Seiten und kann Rassismus und Sexismus verstärken.
