„Letzte Generation“

„Hexenjagd“-Vorwurf und Scheiterhaufen: Brauch heizt Stimmung gegen Klima-Kleber an

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Klimaaktivisten der Umweltschutzbewegung „Letzte Generation“ sitzen auf einer Straße. (Symbolbild)
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„Hexenjagd“ auf Klimaaktivisten? Ein Brauch heizt die Stimmung gegen „Letzte Generation“ an. Sie fühlen sich bedroht.

Vandans/ Wien (Österreich) - Für die einen sind die Klimaaktivisten von Organisationen wie „Die letzte Generation“ oder „Ende Gelände“ Helden. Für die anderen sind sie „Klima-Kleber“, die den Alltag stören und mit ihren Aktionen sinnlos provozieren. Ein Brauch aus Österreich, der auf die Klimaaktivisten umgemünzt wurde, sorgt nun für Aufruhr in den sozialen Netzwerken. Die Organisation selbst zeigt sich besorgt.

Im Februar wurde über zwei Wochen von der Organisation „Letzte Generation“, unterstützt von anderen Organisationen, der Autoverkehr in Wien gestört. Das Ziel des Protests: neue Öl- und Gasbohrungen stoppen sowie Tempo 100 auf der Autobahn einführen. Wie OE24 berichtet, wurden verschiedene Protestierende insgesamt über 80 Mal vorübergehend inhaftiert.

Zwischen Passanten und Demonstranten kam es zu Auseinandersetzungen: „Geht‘s was hackeln, ihr Oaschlöcher“, habe etwa ein aufgebrachter Mann am Freitag (24. Februar) gerufen. Mit „hackeln“ war „arbeiten“ gemeint. Ein Aktivist habe daraufhin geantwortet: „Ich habe eh einen Job, ich hab mir heute extra freigenommen.“ Zuletzt veröffentlichte die Organisation Bilder, wie auf der Straße laufende Demonstranten am Montagmorgen (27. Februar) von der Polizei von der Straße gezogen werden.

„Hexenjagd“ auf Klimaaktivisten? Wie ein Brauch aus Österreich die Stimmung anheizt

Unterstützung, Unverständnis, Besorgnis - ein Brauch aus Vorarlberg treibt die Polarisierung rund um die Klimaaktivisten auf die Spitze. In Vorarlberg ist es Tradition, zum Beginn der Fastenzeit eine Strohpuppe auf einem großen Haufen Holz zu verbrennen. Die sogenannte „Funkenhexe“ soll dabei durch ihr Brennen den Winter vertreiben.

In Vandans aber wurde die „Funkenhexe“ mit einer Warnweste als Aktivist verkleidet. „Euch drücke ich es schon noch rein, ich klebe mich oben auf dem Scheiterhaufen fest“, steht in Vorarlberger Dialekt auf dem Schild, das die Strohpuppe in der Hand hält, wie unter anderem der ORF berichtet.

„So reagiert eine Gesellschaft, die vom fossilen Stoff abhängig ist: Buchstäbliche #Hexenjagd auf diejenigen, die friedlich darauf hinweisen und für das protestieren, was laut wissenschaftlichen Erkenntnissen endlich beschlossen werden muss“, schreibt die „Letzte Generation Österreich“ in einer Reaktion auf Twitter. Laut ORF sprach auch Marina Hagen-Canaval, Pressesprecherin von „Letzte Generation“ von einer „Hexenjagd“. Die Twitter-User reagierten mit Unterstützung für „Die letzte Generation“, andere sahen die Aktion aber auch als gerechtfertigte Warnung an die „Störer“.

Österreich: Hexenjagd-Vorwurf durch Klimaaktivisten - so reagiert die Funkenzunft

„Was andere in eine Warnweste hineininterpretieren, kann ich nicht beeinflussen“, sagte der Obmann der „Funkenzunft“, Markus Pfefferkorn, gegenüber dem ORF. Seine Zunft trete mit der Hexe bei der Wahl zur schönsten Funkenhexe im Vorarlberger Tal Montafon an. Die Verkleidung sei aber nur Satire, mit der man keine Hetze betreiben oder Klimaaktivisten diffamieren wolle.

Von der „Letzten Generation“ sei er per Mail gebeten worden, die Hexe vom Funkenturm zu nehmen. Der Bitte werde man aber nicht nachkommen, man wolle am Brauchtum festhalten. Stattdessen schlug er gegenüber dem ORF vor, den Klimaaktivisten zu erklären, worum es gehe. Den Vorwurf der Hexenjagd kann er nicht nachvollziehen. Auch die Aufregung um die Aufschrift „Sie hat es verdient“, kann er demnach nicht verstehen. „Die Hexe soll ja auf dem Funken explodieren und damit Krankheit und Unheil vom Dorf fernhalten“, meint Pfefferkorn, „deshalb hat sie es verdient“.

Wer steckt hinter der „Letzten Generation“ und woher kommt die Wut auf Klimaaktivisten?

Immer wieder wird den Klimaaktivisten vorgeworfen, mit ihren Aktionen die Sicherheit im Verkehr zu behindern. Ein Argument, das den freiwilligen Notfallsanitäter Gerald Bäck dazu brachte, sich der „Letzten Generation“ in Österreich anzuschließen. Seine Einsätze würden immer wieder behindert, aber: “Schuld daran sind nicht irgendwelche angeklebten Menschen, sondern der ganz normale Park- und Verkehrswahnsinn! Die Anliegen, für die ‚die Letzte Generation‘ eintritt, sind mehr als berechtigt“, schreibt er auf der Website der „Letzten Generation“.

Werden Klimaaktivisten zu „Sündenböcken“ gemacht - was tatsächlich an mittelalterliche Hexenverbrennungen erinnern würde? Ja, sagt der Ethiker Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl gegenüber ntv. Im Zusammenhang mit dem Tod einer Radfahrerin parallel zu Klimaprotesten meinte er: „Die allgemeine Öffentlichkeit weiß und will im Grundsatz auch, dass sich radikal etwas zugunsten des Klimas ändert. Viel zu wenige sind aber bereit, das eigene Handeln im Alltag zu ändern oder entsprechende politische Vorgaben zu unterstützen. Deshalb rühren die Blockierer an das tiefe schlechte Gewissen vieler Menschen, insbesondere auch politischer Akteure.“

Er sagte: „Man kann von der eigenen Unfähigkeit, konsequent zu handeln, super ablenken, indem man andere zu Sündenböcken erklärt.“ Für den 3. März hat Fridays for Future zu einem globalen Protest, der ohne Störung des Autoverkehrs auskommt, aufgerufen. Dass sich Klimaaktivisten radikalisieren, stößt auf Verständnis bei anderen Klimaaktivisten - Radikalisierung sei ein Zeichen von Ohnmacht. (kat)

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