VonFelix Durachschließen
In Kırıkhan wurde nach über 100 Stunden eine Frau aus den Trümmern gerettet. Ein beteiligter deutscher Notarzt wurde als Held gefeiert, docht die Rettung nahm ein tragisches Ende.
Ankara – Wenige Tage nach dem verheerenden Erdbeben in der Türkei und in Syrien bleibt das Ausmaß der Zerstörung noch immer schwer greifbar. Die Anzahl der Menschen, die durch die Katastrophe ihr Leben verloren haben, stieg nach den jüngsten Angaben der Behörden auf knapp 24.000. Mehrere Millionen Menschen sind nach dem Erdbeben obdachlos. In solchen schweren Zeiten können bereits kleine Erfolgsgeschichten helfen, den Betroffenen in der Region wieder etwas Hoffnung zu geben. So kursierten in den vergangenen Tagen immer Videos von Rettungskationen in den Medien. Auch mehrere Tage nach dem Erdbeben werden immer noch Verschüttete lebend aus den Trümmerhaufen geborgen.
Erdbeben in der Türkei: Deutsche Helfer holen Frau aus Trümmern – Rettung nimmt tragisches Ende
Bei der Bergung der Überlebenden bekommt die Türkei internationale Unterstützung – auch aus Deutschland. Ein Team des I.S.A.R. Germany (International Search-and-Rescue) ist aktuell in der Stadt Kırıkhan im Einsatz. Dort war es den Rettern zuletzt gemeinsam mit ISAR Turkey und der Rettungshunde-Hilfsorganisation BRH Bundesverband gelungen, eine Frau nach über 100 Stunden lebend aus dem Trümmerhaufen zu bergen.
In diesem Fall nahm die Rettungsaktion jedoch ein denkbar tragisches Ende. Wie Bild.de am Samstag mit Verweis auf die Angehörigen der Frau berichtet, ist die 40-Jährige nach der Rettungsaktion in der Nacht zum Samstag verstorben. Wie eine Rettungskraft von I.S.A.R. Germany dem Portal erklärt, ist die Frau offenbar den sogenannten „Bergungstod“ gestorben. Die lange Zeit, in der die Frau unter den Trümmern eingeklemmt war, hätte schließlich zu einem Nierenversagen geführt. Neben der 40-Jährigen kamen wohl auch ihr Ehemann und ihre drei Kinder bei dem Erdbeben ums Leben.
Erdbeben-Katastrophe: Deutsche Rettungskräfte versuchen kämpften um Rettung von Verschütteter
Dabei sah es am Freitag noch nach einem kleinen Wunder im Katastrophengebiet aus. Unermüdliche arbeiteten die Rettungskräfte daran, die Frau aus den Trümmern zu bergen. Auf Instagram teilte die Organisation immer wieder Videos von dem Einsatz. Auch ein Reporter der ARD-„Tagesschau“ begleitete die Rettungskräfte vor Ort. Die gezeigten Szenen wirkten regelrecht surreal. Über ein wenige Zentimer großes Loch kommunizierte Notarzt Daniel L. mit der verschütteten Frau.
Diese war zwar bei Bewusstsein, jedoch unter mehreren Metern Beton eingeschlossen. Um sie herum lagen die Leichen von ebenfalls verschütteten Opfern. Im direkten Blickfeld der Frau offenbar ihre verstorbene Tochter. Die Retter kamen bei dem Einsatz nur schwer zu der Verschütteten durch. Sie konnten nicht riskieren, dass der Trümmerhaufen weiter in sich zusammenfällt.
„Hab keine Angst“: Deutscher Notarzt kümmert sich rührend um verschüttete Frau
Während die Experten nach einem alternativen Weg gesucht hatten, an die Frau heranzukommen, tat Notarzt Daniel L. was er konnte. Immer wieder sprach er mit der Frau. Forderte sie zum Durchhalten auf und versuchte ihr zumindest teilweise die Angst zu nehmen. Für medizinische Hilfe kam der Notarzt nicht nah genug an die Verschüttete heran. Über einen Schlauch wurde sie aber mit Wasser versorgt. „Ich konzentriere mich jetzt darauf, dass ich mit ihr rede, dass ich Angst nehme. Weil, wenn ich schon nicht an sie herankomme, ist es das, was ich als Arzt machen kann“, erklärte der Notarzt gegenüber der ARD-„Tagesschau“.
Daniel L. sprach selbst auch auf Türkisch mit der verschütteten Frau. Wiederholte immer wieder stoisch das türkische Wort „Korkma“ - „Hab keine Angst“. Unterstützt wurde er dabei auch von einem Dolmetscher, der als freiwilliger Helfe in das Krisengebiet gereist war und mit der Frau sprechen konnte. Der Notarzt gab gegenüber der ARD-“Tagesschau“ auch einen weiteren Eindruck von dem Ausmaß der Zerstörung im Erdbebengebiet. In dem Haus, unter dessen Trümmern die Frau lag, haben offenbar 40 Menschen gelebt. Gerade einmal zwei Bewohner konnten bisher lebend aus den Trümmern gerettet werden, so das ernüchternde Fazit des Notarztes.
➡️🇹🇷 KORKMA - HAB KEINE ANGST - Unser Team arbeitet jetzt schon seit über 50 Stunden daran, eine verschüttete Frau im türkischen #kırıkhan aus einem eingestürzten Haus zu befreien. Über einen kleinen Schacht wird der Kontakt zu der Frau gehalten. WIR GEBEN NICHT AUF!
— I.S.A.R. Germany (@ISAR_GERMANY) February 10, 2023
##erdbeben pic.twitter.com/2MKoDujWaT
Rettung nach über 100 Stunde – deutsche Helfer in der Türkei als Helden gefeiert
Am Freitagmorgen folgte dann der Hoffnungsschimmer. Über 100 Stunden nach dem Erdbeben meldet I.S.A.R. Germany, dass es den Rettungskräften gelungen sei, die Frau lebend aus den Trümmern zu befreien. Mit einem Rettungswagen wurde die Frau ins Krankenhaus gebraucht, wo sie – wie jetzt bekannt ist – verstarb.
Unter einem Beitrag der Organisation auf Instagram fanden sich unzählige Kommentare, in denen die Retter als Helden gefeiert werden. Vor allem Notarzt Daniel L. wird wegen seiner ruhigen, aufbauenden Art in unzähligen Kommentaren gefeiert und mit Danksagungen überschüttet – auf Deutsch und auf Türkisch. Diverse türkische Medien berichten über den deutschen Notarzt und loben ihn für seinen Einsatz und auch auf Twitter drückten diverse Nutzer unter dem #korkma ihre Dankbarkeit aus.
Der Rettungsaktion zeigt einmal mehr, wie nah Freude und Trauer im Katastrophengebiet zusammenliegen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, weitere Überlebende zu finden, mit jeder Stunde sinkt, arbeiten die unzähligen Helfer weiter daran, den Menschen vor Ort zu helfen. In den sozialen Medien zitieren die viele Nutzer immer wieder eine Passage aus dem Koran. „Und wer einem Menschen das Leben rettet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit gerettet!“ (fd)
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