Eine Frage der Zeit

Experten warnen vor „überfälligem“ Erdbeben in Istanbul: „Hätte verheerende Auswirkungen“

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Das Erdbeben in der türkisch-syrischen Grenzregion hat große Schäden angerichtet. Experten warnen: Auch in Istanbul sei ein solches Beben „überfällig“.

München/Istanbul - Das verheerende Erdbeben in der Türkei und Syrien hat für schreckliche Bilder der Zerstörung gesorgt. Zehntausende Menschen sind bei der Naturkatastrophe ums Leben gekommen – Tendenz steigend. Die Helfer vor Ort sind rund um die Uhr im Einsatz und versuchen weiterhin, Überlebende unter den Trümmern der eingestürzten Häuser zu retten. Trotz der eisigen Temperaturen vermelden sie immer wieder Erfolge.

Experten warnen für Istanbul: „Ein Beben mit einer Magnitude von bis zu 7,4 ist überfällig“

Laut zahlreichen Forschern könnte das schwere Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet eine grausame Vorwarnung gewesen sein. Denn Experten sind sich schon lange sicher: Auch Istanbul steht ein heftiges Erdbeben bevor. „Ein Beben dort mit einer Magnitude von bis zu 7,4 ist überfällig“, sagte Marco Bohnhoff vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) Potsdam der Deutschen Presse-Agentur.

Die Türkei liegt in einer der seismisch aktivsten Gegenden der Welt. Ein Beben käme auch in der Region Istanbul – dem am dichtesten besiedelten Gebiet des Landes – alles andere als überraschend. Zwar habe sich die Situation für Istanbul durch die Beben im Südosten nicht verändert, das Risiko für die Metropole sei aber generell ähnlich hoch wie bei der aktuell betroffenen Region, erklärte GFZ-Experte Bohnhoff. Die mittlere Wiederkehrperiode für ein großes Beben liege für Istanbul bei 250 Jahren. Das letzte große Beben in der Stadt am Bosporus habe 1766 stattgefunden – das nächste sei also überfällig.

Erdbeben in Istanbul „hätte verheerende Auswirkungen“

Die Region ist Teil des Nordanatolischen Verwerfungssystems, einer großen tektonischen Plattengrenze, die für zerstörerische Erdbeben mit vielen Opfern bekannt ist, wie es vom GFZ heißt. Der Hauptarm der Verwerfung verlaufe nur 20 Kilometer südlich von Istanbul unterhalb des Marmarameeres, sagt Bohnhoff. „Ein großes Beben hätte also verheerende Auswirkungen.“

In den vergangenen Jahrzehnten wanderten die Beben demnach entlang der Plattengrenze bereits immer mehr auf Istanbul zu. Am bisher nächsten lag das Erdbeben nahe der 80 Kilometer entfernten Stadt Izmit im Jahr 1999, bei dem mehr als 17.000 Menschen ums Leben kamen. „Der Bereich unterhalb des Marmarameeres ist der einzige seit mehr als 250 Jahren nicht aktivierte Bereich der gesamten Nordanatolischen Plattengrenze“, so Bohnhoff. Vieles deute darauf hin, dass dieser Bereich schon seit langem verhakt ist und große Spannung aufgebaut hat.

Anzeichen für Erdbeben in Istanbul: Spannung an Nordanatolischer Verwerfungszone

Ähnlich sieht das Heidrun Kopp vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Seit dem letzten großen Istanbuler Beben im Jahr 1766 baue sich zunehmend Spannung auf. Inzwischen gebe es an dieser Stelle der Nordanatolischen Verwerfungszone ein Bewegungsdefizit von bis zu vier Metern. „Das ist vergleichsweise viel“, sagte Kopp der dpa. Die Metropole liege zudem quasi direkt an der Verwerfung. Seit 1939 sei zu beobachten, dass Beben entlang der Verwerfungszone von Osten nach Westen immer näher an Istanbul herankämen.

Hinzu kommt, dass die Stadt auf ungünstigem Untergrund fußt: Der südwestliche Teil liege leider nicht auf festem Grund wie Granit, sondern auf einer ausgetrockneten Lagune, erklärte Bohnhoff. „Auf weichem Untergrund kann es zu starken Verstärkungen der Bodenbewegungen kommen, teilweise zusammen mit Verflüssigungseffekten.“ Beides sorge für schlimmere Schäden. In dem Bereich liege unter anderem der internationale Flughafen, sodass nach einem Beben das Einfliegen von Rettungskräften erschwert sein könnte.

Experten sind sicher: In Istanbul ist ein schweres Erdbeben „überfällig“. (Symbolbild)

Erdbeben in Istanbul hätte verheerende Folgen: Mehr als 16 Millionen Einwohner

In Istanbul leben nach offiziellen Angaben 16 Millionen Menschen, nach inoffiziellen Schätzungen sogar 20 Millionen. Es gebe rund 1,6 Millionen alte, nicht erdbebensicher gebaute Gebäude, erklärte Nusret Suna von der Istanbuler Bauingenieurskammer. „Das ist eine unglaublich hohe Zahl.“ Ein großes Erdbeben in der Metropole könnte verheerende Folgen mit Zehntausenden Todesopfern haben.

Bekannt sind all diese Risiken und Effekte auch in der Türkei – an Vorsorge getan hat sich laut Suna bisher allerdings furchtbar wenig. „Die Theorie wurde nicht in die Praxis umgesetzt.“ Die Behörden hätten versäumt, alte Häuser erdbebensicher zu sanieren, kritisierte Suna. Selbst Gebäude, die nach 1999 gebaut wurden, seien trotz entsprechender danach eingeführter Regularien oft nicht sicher.

Mögliches Erdbeben in Istanbul: „Warnzeit beträgt im besten Fall nur wenige Sekunden“

Auf frühzeitigen Alarm über Frühwarnsysteme kann Istanbul im Fall der Fälle nicht setzen. „Eine Erdbebenfrühwarnung für Istanbul ist aufgrund der geringen Entfernung zur Plattengrenze extrem schwierig“, erklärte Bohnhoff. „Die Warnzeit beträgt im besten Fall nur wenige Sekunden.“

Der einzige mögliche Schutz sei, die Gebäude der Metropole so schnell wie möglich erdbebensicherer zu machen, sagte Suna. „Wenn wir gleich morgen anfangen, können wir immer noch Menschenleben retten.“ Denn ein großes Erdbeben in Istanbul scheint den Experten zufolge nur eine Frage der Zeit zu sein. (ph/dpa)

Rubriklistenbild: © Sedat Suna/dpa

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