VonJennifer Köllenschließen
Viele Deutsche sind im Job gestresst, zeigt eine Studie. Doch auch die politische und wirtschaftliche Lage belastet viele – vor allem eine Altersgruppe.
Bremen – Rund die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland fühlt sich aktuell erschöpft, bei der berufstätigen Bevölkerung sogar eine deutliche Mehrheit, wenn es um Erschöpfung bei der Arbeit geht. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung aus dem Juli. Besonders betroffen ist der Studie zufolge die Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren. Der Grund ist ein Zusammenspiel von beruflichen, privaten und gesellschaftlichen Herausforderungen.
Erschöpfung bei der Arbeit: Die Hälfte der Beschäftigten ist müde am Arbeitsplatz
Im Auftrag des Beratungsunternehmens Auctority hat das Meinungsforschungsinstitut Civey im Zeitraum von 14. bis 18. Juli eine repräsentative Stichprobe von 5.000 Beschäftigten in Deutschland ab 18 Jahren befragt, wenn es um die Erschöpfung bei der Arbeit geht. Der Grund für die Erhebung waren vermehrte Berichte von Beschäftigten, die in den letzten Monaten über ein „Ausgelaugtsein“ gesprochen hatten. In diesem Zusammenhang prekär: Überstunden müssen vom Arbeitgeber nicht zwangsläufig bezahlt werden.
Das alarmierende Ergebnis der Studie über die Müdigkeit am Arbeitsplatz: Eine Mehrheit von 49,5 Prozent der deutschen Bevölkerung bezeichnet sich derzeit als erschöpft. Die Arbeit ist der Hauptfaktor. Frauen sind im Durchschnitt kaputter und müder als Männer. Hier ist die Herausforderung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen der Grund. Personen in Haushalten mit Kindern fühlen sich mit 61,2 Prozent deutlich erschöpfter als in Haushalten ohne Kinder (47 Prozent).
Müde bei der Arbeit: Menschen zwischen 30 und 40 Jahren „am Erschöpfungslimit“
Am stärksten erschöpft und müde zeigt sich die Altersgruppe zwischen 30 und 40 mit 73 Prozent. Der Hauptgrund: die Situation bei der Arbeit.
Für die Wirtschaftspsychologin Dr. Christina Guthier, fachliche Begleiterin der Studie und Expertin auf dem Gebiet, sind die Befunde alarmierend. „Die Generation zwischen 30 und 40 steckt in der Zwickmühle zwischen beruflichen, privaten und gesellschaftlichen Herausforderungen und scheint gerade verschlissen zu werden“, so Guthier über die Ergebnisse zur Erschöpfung bei der Arbeit. „Mit 15 Prozent befindet sich ein erheblicher Anteil der Gruppe bereits am Erschöpfungslimit.“
Selbst in der Altersgruppe ab 65 Jahren bezeichnen sich noch 32,5 Prozent als erschöpft.
Erschöpfung bei der Arbeit: Gründe sind Leistungsdruck im Job und Stress mit dem Chef
Während die Älteren ab 65 Jahren hauptsächlich gesundheitliche Gründe mit 56 Prozent als Ursache für Erschöpfung sehen, ist es für die mittleren Altersgruppen durchgängig die Situation am Arbeitsplatz, die auf die Erschöpfung bei der Arbeit zurückzuführen ist.
Als Ursachen für die Erschöpfung am Arbeitsplatz sehen eine Mehrheit der Befragten in der Studie den Leistungsdruck (56,3 Prozent), gefolgt vom Zeitdruck bei der Arbeit (43,1 Prozent) und der Menge der Arbeit (41,2 Prozent). Aber auch andere Faktoren spielen eine gewichtige Rolle. 30,6 Prozent der Befragten geben Probleme mit Vorgesetzten als Ursache der Erschöpfung an.
Interessant: Auch die allgemeine wirtschaftliche Lage (32,2 Prozent), die allgemeine politische Lage (29,2 Prozent) sowie die Informationsflut durch die Medien (24,1 Prozent) tragen zur Erschöpfung bei.
Erschöpfung im Job: Corona, Krieg und Inflation stressen – Unternehmen sind sich „Dramatik der Lage nicht bewusst“
Kein Wunder. Seit zweieinhalb Jahren gibt es nun Corona und die Arbeit im Home Office, welche Politiker für den Winter wieder fordern – damit Unternehmen Energie sparen. Dazu kommt der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, bei dem jeden Tag neue Meldungen in den Nachrichten laufen. Zum Beispiel, dass Russland den kürzlich gelieferten deutschen Gepard-Panzer vernichtet. Hinzu kommt, dass der Krieg und die Inflation hierzulange die Preise nach oben treiben. Immerhin sollen die Deutschen durch die Energiepreispauschale, eine Auszahlung von 300 Euro, entlastet werden.
Andreas Scheuermann, Partner der Beratungsunternehmens Auctority sieht Unternehmen gefordert, die eigene Arbeitsorganisation zu hinterfragen. „Unternehmen sind sich der Dramatik der Lage nicht bewusst. Wir haben uns noch nicht einmal von der Sonderbelastung durch Corona erholt, und mit Fachkräftemangel, Demografie, Digitalisierung oder wirtschaftliche Folgen von Kriegen und Klimawandel stehen massive Herausforderungen vor uns. Die übermäßige Dauerbelastung ist Normalität geworden. Solange sich die Arbeitsbedingungen nicht ändern, werden Achtsamkeitstrainings oder Appelle an die einzelnen Beschäftigten nicht zu nachhaltigen Ergebnissen führen.“
Erschöpft im Job und Privatleben: Deutsche wissen nicht, wie sie Stress abbauen – so gelingt‘s
Als problematisch erweist sich auch, dass gut ein Viertel der Befragten über keine richtige Bewältigungsstrategie für den Umgang mit Erschöpfung verfügt. So geben 27,8 Prozent der Befragten an, ihre Erschöpfung sei „schwer loszuwerden“. Auch dieser Wert ist besonders ausgeprägt in der Altersgruppe zwischen 30 und 40 (38,4 Prozent).
Wichtig: Betroffene sollten nicht abwarten, bis der Arbeitgeber eingreift. Wichtig ist Selbstfürsorge. Gesundheit sollte immer das Wichtigste im Leben sein und Priorität haben.
Erschöpfung bei der Arbeit: Unternehmen sollten auf ihre Angestellten achten
Unternehmen und Beschäftigte sollten darauf achten, dass Erholungsphasen eingehalten werden. Das umfasst sowohl den täglichen Schlaf-Wach-Rhythmus, die Abwechslung von An- und Entspannung im Tages- oder Wochenverlauf und die notwendigen erholungsbedingten Urlaube im Jahr. Nur damit können Leistungsfähigkeit und Gesundheit erhalten bleiben. Wer jetzt schon plant, kann sich durch die Brückentage 2023 am meisten aus den Urlaubstagen rausholen.
Fehlt die Abwechslung von An- und Entspannung, wenn dauerhaft etwa tagsüber Kinder betreut und abends gearbeitet oder zu viel Arbeit mit hohem Zeitdruck erledigt wird, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis Körper und Geist ausbrennen. Stichwort, Burnout. Also: Pausen machen, mit Freunden treffen, Sport treiben. Auch Yoga und Meditation helfen als Burnout-Prävention. Was viele Arbeitnehmer nicht wissen: Jeder kann 5 bis 10 Tage Bildungsurlaub beantragen – als extra Urlaub pro Jahr. Nutzen Sie dieses Recht auf Erholung. Dann könnte die Erschöpfung bei der Arbeit bald Geschichte sein.

