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Einem Forscherteam ist es gelungen, synthetische, menschliche Embryonen herzustellen. Doch diese Errungenschaft wirft ethische Fragen auf.
Frankfurt – Ein wahrlicher Durchbruch in der Embryonalforschung ist einem Forscherteam rund um Magdalena Zernicka-Goetz, Entwicklungsbiologin an der University of Cambridge, gelungen. Die Forschenden schufen mithilfe von Stammzellen synthetische menschliche Embryonen, darüber berichtete erstmals der britische Guardian. Zuvor hatte dasselbe Forscherteam synthetische Maus-Embryonen gezüchtet.
„Dies [ist] das erste Mal, dass jemand menschliche Embryonen mit diesem Ansatz erzeugt. Daher halte ich es für einen Durchbruch“, so Prof. Dr. Malte Spielmann, Direktor des Instituts für Humangenetik am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, über die Entwicklung von synthetischen Menschen-Embryonen. Doch die Forschung wirft sowohl rechtliche als auch ethische Fragen auf.
Synthetische Menschen-Embryonen: Ähneln menschlicher Entwicklung bis über den 14. Lebenstag hinaus
Vorgestellt wurde die Arbeit am Mittwoch (14. Juni) auf der Jahrestagung der International Society for Stem Cell Research in Boston. Demnach würden die synthetischen Embryonen der menschlichen Entwicklung bis über den 14. Lebenstag hinaus ähneln. Körperteile oder Organe gebe es bei den menschlichen, Embryo ähnlichen Strukturen noch nicht, erklärte Malte Spielmann, Direktor des Instituts für Humangenetik des Uniklinikums Schleswig-Holstein, am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Jedoch seien Zellen identifizierbar, die die Grundstrukturen für spezifische Körperbestandteile bilden.
Synthetische Menschen-Embryonen werden aus lebenden Stammzellen gewonnen
Wirklich synthetisch sind die Zellen jedoch nicht: „Abschließend muss klargestellt werden, dass diese Zellcluster, obwohl die Autoren sie als ‚synthetische‘ Embryonen bezeichneten, nicht wirklich synthetisch in dem Sinne sind, dass sie von Grund auf neu geschaffen wurden. Stattdessen werden sie aus lebenden Stammzellen gewonnen, die aus einem Embryo stammen“, stellte Dr. Idem Akerman, außerordentlicher Professor für funktionelle Genomik und Diabetes an der University of Birmingham, klar.
Genetische Störungen oder Fehlgeburten: frühe Embryonalentwicklung kann erforscht werden
Doch warum versucht man überhaupt synthetische, menschliche Embryonen herzustellen? Der Grund dafür ist die Möglichkeit der Erforschung der frühen Embryonalentwicklung. Insbesondere genetische Störungen oder Ursachen für Fehlgeburten in frühen Entwicklungsstadien könnten so erforscht werden.
Damit böten die synthetischen Embryonen eine Alternative zur aktuellen Vorgehensweise. Denn in den meisten Ländern darf nur bis zum 14. Entwicklungstag an menschlichen Embryonen geforscht werden, in Deutschland hingehen ist das Forschen an Embryonen gänzlich verboten. Doch auch die Verwendung von synthetischen Embryonen in der Forschung in Deutschland seien eher fraglich, so Spielmann.
Ethische Rahmenbedingungen von synthetischen Menschen-Embryonen bisher nicht geklärt
Ethisch unbedenklich ist das ganze also nicht. Das findet auch Akerman: „Ethische Rahmenbedingungen sollten im Einklang mit der öffentlichen Meinung zu diesem Thema festgelegt und beibehalten werden.“ Ein rechtlicher Rahmen muss also geschaffen werden, um ethisch vertretbares Handeln zu garantieren.
Wirklich einschätzen kann man die Forschung zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Eine veröffentlichte Studie fehlt derzeit noch. „Über die Presseberichte hinaus waren keine Informationen verfügbar – weder Papier noch Vordruck. Daher kann diese Arbeit noch nicht verifiziert werden“, erklärt Prof. Alfonso Martinez Arias Professorin der Abteilung für Experimentelle und Gesundheitswissenschaften an der Universität Pompeu Fabra.
Sowohl wissenschaftliche als auch rechtliche und ethische Schritte sind also abzuwarten. Auch bei anderen Errungenschaften in der Forschung sind ethische Bedenken keine Seltenheit. So sorgte auch das Thema künstliche Intelligenz und die damit verbundenen ethischen Fragen für Furore. (Anna-Lena Kiegerl/dpa)
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