Alarmierende Studienergebnisse

Forscher warnen: Bakterien-Hotspots auf Mikroplastik im Meer

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Mikroplastik im Meer scheint der ideale Nährboden für Bakterien zu sein. Forscher entdeckten darauf jetzt Erreger, die dem Menschen gefährlich werden können.

Paris – Mikroplastik an sich ist ohnehin schon ein riesiges Problem: Es verseucht Meere, Flüsse und Böden, gelangt aufgrund seiner geringen Größe sprichwörtlich überall hin. So lassen sich die Kunststoffpartikel im Blut, im Magen und der Lunge nachweisen; zuletzt wurde Mikroplastik sogar in der Muttermilch gefunden. Umso beunruhigender die Entdeckung französischer Wissenschaftlerinnen: Sie konnten nachweisen, dass winzige Mikrofasern ein schwimmendes Zuhause für zahllose Bakterienstämme sind, darunter Vibrionen – Erreger, die für den Menschen lebensgefährlich werden können.

Forscher entdecken gefährliche Bakterien auf dem Mikroplastik im Meer. Nimmt man diese auf, droht eine Magen-Darm-Entzündung. (Symbolbild)

Forscher warnen: Schwimmende Bakterien-Inseln auf Mikroplastik im Meer

Laut der im Fachblatt Plos One veröffentlichten Studie entnahmen die Ozeanografin Ana Luzia de Figueiredo Lacerda von der Universität Sorbonne in Paris und ihre Kollegen Wasserproben aus dem Mittelmeer nahe der südfranzösischen Küste. Mithilfe von DNA-Sequenzierung und moderner Mikroskopie-Technik identifizierten sie die auf den im Meereswasser befindlichen Mikroplastik-Fasern lebenden Bakterienarten. Es waren etliche. Dass Mikroplastik auch für gefährliche Viren eine komfortable Reisemöglichkeit darstellt, hatten australische Forscher bereits nachgewiesen.

Was sind Mikrofasern?

Mikrofasern sind winzige Partikel – dünner als ein menschliches Haar –, die beim Waschen unserer Kleidung sowohl aus natürlichen als auch aus synthetischen Textilien freigesetzt werden. Mikrofasern aus synthetischen Stoffen sind nichts anderes als Mikroplastik und landen genau wie die winzigen Kunststoffkügelchen aus Kosmetikprodukten oder Rückstände aus Plastikverpackungen letztlich im Meer. Mehr als ein Drittel des Mikroplastiks im Meer besteht aus Kunstfasern aus Fleecejacken, Sportkleidung und T-Shirts, die sich beim Waschen lösen. Sie werden nicht durch natürliche Prozesse abgebaut und bleiben über Hunderte von Jahren im Umlauf. Einer aktuellen Studie zufolge gelangen allein aus einer französischen Kläranlage täglich etwa 4,3 Milliarden Mikrofasern ins Meer.

Experten identifizieren fast 200 Bakterienstämme auf den winzigen Plastikfasern

Die französischen Wissenschaftlerinnen fanden in ihren Untersuchungen heraus, dass jede Faser im Durchschnitt mehr als 2600 Bakterienzellen von 195 verschiedenen Bakterienarten beherbergt. Eine der identifizierten Arten, Vibrio parahaemolyticus, gilt als Auslöser der bakteriellen Gastroenteritis, also einer Magen-Darm-Entzündung, die Menschen auch durch den Verzehr von Schalentieren oder Meeresfrüchten bekommen können.

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Wissenschaftler finden gefährliche Vibrionen auf Mikrofasern im Meerwasser

Dass sich Vibrionen in Meerwasser befinden, ist nichts Neues. Sie vermehren sich vor allem bei hohen Temperaturen und Wassertemperaturen über 20 Grad auf natürliche Weise und können so für Menschen zur Lebensgefahr werden: Auch im vergangenen Sommer wurden gefährliche Infektionen mit Vibrionen an der Ostsee bestätigt.

Alarmierender Nachweis: Mikrofasern gelangen in die Nahrungskette

Dennoch ist der Nachweis des französischen Forscherinnenteams alarmierend. Denn die Erreger auf den im Mittelmeer treibenden Mikrofasern werden mit den Fasern Teil der maritimen Nahrungskette. Das bedeutet: Sie werden von Fischen und anderen Meeresbewohner aufgenommen. Dies könnte auch für den Verzehr von Fisch relevant sein. Zumal die Mikroplastik-Problematik sich weiter verschärft. Meta-Studien des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven lieferten eine erschreckende Bilanz über den Plastikmüll im Meer – eine Vervierfachung.

„Die Durchdringung des Ozeans mit Plastik ist unumkehrbar“, erklärt Heike Vesper, Leiterin des Fachbereiches Meeresschutz beim WWF Deutschland. „Einmal im Meer verteilt, lässt sich Kunststoffmüll kaum zurückholen. Er zerfällt stetig, sodass die Konzentration von Mikro- und Nanoplastik noch jahrzehntelang ansteigen wird.“

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Forscherin warnt: „Müssen überdenken, wohin wir uns als Gesellschaft bewegen“

Die zunehmende Verschmutzung in stark besiedelten Küstengebieten und die durch den Klimawandel steigenden Meerestemperaturen könnten das Problem jedoch noch verschärfen. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass höhere Wassertemperaturen das Anhaften von Bakterien an Kunststoffen erleichtern und Vibrionen ansteckender machen.

„Wir müssen die Art und Weise, wohin wir uns als Gesellschaft bewegen, neu überdenken. Plastikverschmutzung und Klimawandel sind nicht nur ein Umweltproblem, sondern auch ein soziales Problem“, warnt die französische Wissenschaftlerin und Studienleiterin Lacerda im New Scientist.

Rubriklistenbild: © Alex Skopje/imago

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