„Onkel-Spur“

Bruder beschuldigt den Vatikan: Neue Entwicklungen im Vermisstenfall Emanuela Orlandi

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Der Vermisstenfall Orlandi kocht wieder hoch. Der Vatikan spricht von einer neuen „Onkel-Spur“, der Bruder der Vermissten erhebt schwere Anschuldigungen.

Rom – Vier Jahrzehnte sind seit dem mysteriösen Verschwinden von Emanuela Orlandi vergangen, doch die Angehörigen der Vatikanbürgerin suchen weiterhin nach Antworten. Jüngste Entwicklungen haben zu neuen Spannungen zwischen dem Vatikan und der Familie der Vermissten geführt. Pietro Orlandi, der Bruder der Vermissten, richtet schwere Anschuldigungen gegen den heiligen Stuhl von Papst Franziskus. Der Auslöser sind Berichte über eine Untersuchung, die vom vatikanischen Staatsanwalt an die italienischen Behörden weitergeleitet wurde.

Diese neuesten Anschuldigungen sind nur ein Teil einer Reihe von Ereignissen, die den Vatikan in Unruhe versetzen. Unter anderem kämpft der heilige Stuhl noch mit den Nachwirkungen der medialen Aufmerksamkeit, die durch die Abschiebung von Georg Gänswein nach Freiburg entstanden ist. Ähnlich erging es dem engsten Vertrauten des Papstes, der sich den Angriffen von „extremen Gruppen“ ausgesetzt sieht. Die neuesten Erkenntnisse im Fall Orlandi könnten nun weitere Unruhen in Rom auslösen.

Vatikan: Neuer Hinweis im Vermisstenfall Emanuela Orlandi?

Der Bericht enthält den Verdacht, dass ein mittlerweile verstorbener Onkel von Emanuela Orlandi wenige Stunden nach ihrem Verschwinden mit ihr gesehen wurde. Darüber hinaus soll dieser Onkel auch eine ältere Schwester der Vermissten verbal belästigt haben. Der italienische Fernsehsender La Sette berichtete bereits letzte Woche, dass diese „Onkel-Spur“ in dem ungeklärten Fall erneut aufgegriffen wurde.

Laut La Sette gab es auch ein Phantombild, das auf den Aussagen eines Wachmanns und eines Polizisten basiert, die Emanuela am Abend ihres Verschwindens mit einem Mann gesehen haben sollen. Die Person auf dem Phantombild ähnelte demnach dem verstorbenen Onkel.

Bruder von vermisster Emanuela Orlandi erhebt schwere Anschuldigungen gegen Vatikan

Der Beichtvater der Familie soll von der „Onkel-Spur“ gewusst und den damaligen Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli (1914 - 1998) in einem Brief darüber informiert haben. Pietro Orlandi, der Bruder von Emanuela, zeigte sich über die Berichte und die erneuten Ermittlungen empört. „Sie können nicht die Verantwortung für alles auf die Familie abschieben“, kritisierte er in Bezug auf die erneuten Vorwürfe gegen den verstorbenen Onkel. Er hatte im Vermisstenfall bereits Verdächtigungen gegen den Ex-Papst geäußert.

Pietro Orlandi will die Wahrheit wissen: Was ist mit seiner Schwester geschehen, als sie am 22. Juni 1983 aus dem Vatikan verschwand?

Laura Sgro, die Anwältin von Orlandi, betonte, dass die italienischen Behörden den Verdacht gegen den Onkel bereits vor 40 Jahren ohne Ergebnis untersucht hätten. Es sei keineswegs eine neue Entwicklung.

Rätsel um Emanuela Orlandi: Vatikan-Sprecher äußert sich zu den Vorwürfen des Bruders

Zudem warf Orlandi dem Vatikan vor, das Beichtgeheimnis verletzt zu haben. Daraufhin äußerte sich der Vatikan-Pressesprecher Matteo Bruni. Er betonte in einer veröffentlichten Erklärung, dass die vatikanische Staatsanwaltschaft mit den italienischen Behörden zusammenarbeite und die Unterlagen streng vertraulich weitergegeben habe.

Der Vatikan sei – wie die Familie Orlandi – daran interessiert, die Wahrheit über das Verschwinden von Emanuela ans Licht zu bringen; daher sei es wünschenswert, dass in alle Richtungen ermittelt werde, so Bruni weiter.

Der Fall der vermissten Emanuela Orlandi hält den Vatikan seit 40 Jahren in Atem

Seit über vier Jahrzehnten beschäftigt der Fall der vermissten Emanuela Orlandi den Vatikan und zieht Aufmerksamkeit über die Grenzen Italiens hinaus auf sich. Am 22. Juni 1983 kehrte die Tochter eines Vatikan-Mitarbeiters nicht von ihrem Musikunterricht in Rom zurück. Seitdem halten sich hartnäckige Gerüchte und Verschwörungstheorien über ihren Verbleib, die zuletzt durch eine Netflix-Serie angeheizt wurden. Die italienische Staatsanwaltschaft hat den Fall im April 2023 wieder aufgenommen und verspricht Ermittlungen „ohne Rücksicht“.

In der Vatikan-Bibliothek wurde vor wenigen Monaten ein 1750 Jahre altes Schriftstück entdeckt, es ist das einzig bekannte Überbleibsel einer vierten Bibel-Handschrift.

Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteur Moritz Bletzinger sorgfältig überprüft.

Rubriklistenbild: © Andrew Medichini/picture alliance/dpa/AP

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