In Abwehrhaltung

Selbsttest: Das passiert, wenn ich als Frau „oben ohne“ im Freibad bin

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Frauen dürfen in mehreren deutschen Städten oberkörperfrei baden. Nur wenige nutzen das Angebot. Unsere Autorin hat einen Versuch gestartet.

26 Grad, die Sonne scheint: perfekte Voraussetzungen, um baden zu gehen. An einem Mittwoch gegen 16 Uhr betrete ich das Humboldthain Sommerbad in Berlin-Wedding. Ich will herausfinden, wie es sich für Frauen anfühlt, in einem öffentlichen Freibad oberkörperfrei zu sein. Ein Junge springt mit Getöse vom Beckenrand. An der Rutsche steht ein Haufen pubertierender Jugendlicher Schlange. Ich sehe viele freie Oberkörper, aber nicht von Frauen.

Eine Beschwerde führt zu neuen Oben-ohne-Regeln in Berliner Bädern

Ich bin hier, um in die Fußstapfen einer Frau zu treten, die im Dezember 2022 in einem Hallenbad in Berlin-Kaulsdorf „oben ohne“ schwimmen wollte. Das Aufsichtspersonal hatte sie aufgefordert, ihre Brüste zu bedecken. Als sie sich weigerte, wurde sie des Bades verwiesen. Daraufhin legte die damals 33-Jährige Beschwerde bei der für das Antidiskriminierungsgesetz des Landes Berlin (LADG) zuständigen Ombudsstelle ein – mit Erfolg.

Die Berliner Bäderbetriebe äußerten sich zu dem Vorfall im März 2023. In der Haus- und Badeordnung gebe es seit vielen Jahren keine geschlechtsspezifischen Vorschriften. Manche Mitarbeitende in den Bädern hätten die Pflicht zu „handelsüblicher Badekleidung“ bisher nur so ausgelegt, dass Frauen Bikini-Oberteile oder Badeanzüge tragen. Für die Zukunft heiße es nun aber offiziell: „Das Schwimmen ‚oben ohne‘ ist für alle Personen gleichermaßen erlaubt.“

Neben Berlin ist „Oben ohne“-Schwimmen für Frauen mittlerweile in Göttingen, Siegen, Köln, Hannover und München erlaubt. Seit diesem Jahr gilt das auch in Frankfurt. In Hamburg dürfen Frauen in zwei Schwimmbändern an jeweils einem Tag in der Woche schwimmen, ohne ihre Brüste zu bedecken.

Das Sommerbad Humboldthain in Berlin-Wedding (2021).

Als ich die Blicke der Männer spüre, bekomme ich Gänsehaut

Ein Jahr später stehe ich vor den Liegewiesen hinter dem Berliner Schwimmbecken. Wo ist der beste Platz, um mich oberkörperfrei hinzulegen? Mein Blick schweift durch die Menge. Ganz vorne drängen sich Menschen dicht aneinander. Links von mir sitzen zwei Männer auf ihren Handtüchern. Als ich vorbeilaufe, spüre ich ihre Blicke auf meinem kurzen Kleid. Obwohl es warm ist, bekomme ich Gänsehaut.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich öffentlich „oben ohne“ sonne. Als ich noch Studentin war, versuchte ich einmal ohne Oberteil am FKK-Strand eines Badesees zu entspannen. Plötzlich merkte ich, wie ein Mann in meiner Nähe masturbierte. Zum Glück waren damals meine Freundinnen dabei. Heute bin ich alleine.

Positive Überraschung beim „Oben ohne“ im Freibad sonnen

Ich bahne mir meinen Weg durch die Badegäste. Am Ende der Wiese steht ein meterhoher Zaun, dort endet das Freibad. Davor ist es ruhiger. Ein Vater spielt mit seinem Sohn Volleyball, mehrere Frauen lesen Bücher. Ich lege mich in der Nähe des Spielplatzes unter einen Baum. Hier fühle ich mich sicher. Ich brauche ein paar Minuten, bis ich mich traue – dann ziehe ich mein Bikini-Unterteil an, kein Oberteil.

Ich schaue nach rechts, nach links. Niemand starrt. Die meiste Zeit presse ich meinen Bauch auf das Handtuch, mein Handy als Schutzschild in meiner Hand. Bis auf meine eigene Paranoia, gibt es keinen Grund zur Beunruhigung. Ich bin positiv überrascht.

Unsere Autorin bei ihrem Experiment im Freibad.

Die Angst vor Belästigung ist größer als der Wunsch, oberkörperfrei zu sein

Nach etwa einer Stunde kann ich meine volle Blase nicht mehr ignorieren. Das Problem: Um zu den Toilettenhäusern zu kommen, müsste ich an mehreren Männergruppen vorbeilaufen. Was dann passiert, können sich Männer, die sich mit Selbstverständlichkeit oberkörperfrei bewegen, nur schwer vorstellen: Durch meine jahrelange Erfahrung mit „Catcalling“ bis hin zu körperlichen Übergriffen, erstarre ich. Mein Körper geht in Abwehrhaltung.

Mit meinem unwohlen Gefühl bin ich nicht alleine. Eine Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Norstat im Auftrag von Playboy durchführte, zeigt, dass mehr Männer (71 Prozent) als Frauen (45 Prozent) ein geschlechterübergreifendes „Oben ohne“-Schwimmen befürworten. Das Hauptargument dagegen ist die Sorge vor einem Anstieg sexueller Belästigungen.

Den Bikini doch lieber anziehen? „Oben ohne“ halten es nicht viele Frauen im Freibad aus.

Dies ist ein Artikel von BuzzFeed News Deutschland. Wir sind ein Teil des IPPEN.MEDIA-Netzwerkes. Hier gibt es alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschand.

Trotz „Oben ohne“-Angebot: Die meisten Frauen schwimmen lieber mit bedeckter Brust

Nach Angaben der Berliner Bäderbetriebe hat sich seit dem „Oben ohne“-Angebot „am Verhalten der weiblichen Gäste nichts verändert“. Ins Wasser trauen sich die wenigsten Frauen „oben ohne“, teilt die Sprecherin Martina van der Wehr BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA mit.

„Die überwiegende Zahl der Frauen zieht es weiterhin vor, mit bedeckter Brust zu schwimmen. In der Regel wird dies eher in Sommerbädern zum Sonnenbaden auf der Liegewiese genutzt.“ Den Berliner Bäderbetrieben sind auf Nachfrage keine sexuellen Belästigungen bekannt, die mit „Oben ohne“-Schwimmen in Verbindung stehen.

Trotzdem ziehe auch ich „oben mit“ schwimmen vor. Um auf Toilette zu gehen, trage ich letztlich ein Bikini-Oberteil. Auf dem Weg dahin fallen mir zwei Frauen auf: Sie liegen auf dem Rücken, nur untenrum bekleidet, und sonnen sich. Ich bin nicht alleine.

Rubriklistenbild: © Monika Skolimowska/ dpa

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