VonMarcus Giebelschließen
Spanien gilt als beliebtestes Urlaubsland der Deutschen. Doch den Einheimischen wird es langsam zu bunt mit den Touristen.
Barcelona – Es wird vielen einfach zu viel in Spanien. Etwa in Barcelona. Aber auch anderswo auf der iberischen Halbinsel. Diese Urlauber! Sie wurden als Wurzel allen Übels auserkoren. Die Abneigung gegen Touristen scheint heftige Ausmaße angenommen zu haben und sich auch auf höchst bedenkliche Weise auszudrücken.
Laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) macht im Land, das als beliebtestes ausländisches Reiseziel der Deutschen gilt, dieser Tage das Wort „Turismofobia“ – also: Tourismusphobie – immer mehr die Runde. Demnach würde in Katalonien, in Galacien, auf Mallorca und auf den Kanaren die Ablehnung gegen den Massentourismus immer offener zur Schau getragen. Auch mal unter Anwendung von Gewalt. Wenn die Wut endgültig die Oberhand gewonnen hat.
Spanien und der Tourismus: Gruppe stellt falsche Warnschilder am Strand auf
Die Agentur berichtet von Protestkundgebungen der Anwohner. Aber auch anderen Aktionen. So habe sich eine Gruppe namens Caterva auf Mallorca den Spaß erlaubt, an der Ostküste ausländische Touristen vom Strand zu verscheuchen, indem sie täuschend echt aussehende Warnschilder aufstellte. Auf diesen war zu lesen, es herrsche ein Badeverbot – wahlweise wegen gefährlicher Quallen im Meer oder der Gefahr von Steinschlag. Die Aktivisten waren schlicht und einfach der Meinung, sie müssten gegen die „Enteignung“ der Strände durch die Urlauber vorgehen.
Aquests dies hem dut a terme una acció de denúncia contra la #massificació turística a les cales de #Manacor. Amb una mica d’humor, hem penjat uns quants cartells que podeu veure a les fotos. Des de Cala Morlanda fins a Cala Bota pic.twitter.com/zy1abLDbwV
— Caterva (@Caterva_mnc) August 11, 2023
Einen Schilderstreich spielten auch Anwohner des Viertels El Carmel in Barcelona unweit vom Park Güell den Touristen. Sie drehten die Schilder, die den Weg zu den alten Bunkern auf dem Hügel Turo de la Rovira wiesen, einfach um, und führten Ortsunkundige damit in die Irre. Auf dem Aussichtspunkt über der Stadt hatten sich in den vergangenen Jahren neben Sonnenuntergangs- und Picknickfans auch Tiktoker, Instagramer und Sauftouristen versammelt und den Abend bei lauter DJ-Musik begangen, heißt es.
Die dpa verweist auf Berichte, wonach es zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen Anwohnern und Touristen gekommen sei. Zwar beschloss die Stadt wegen der zunehmenden Spannungen bereits im Mai eine Schließung der Anlagen zwischen 19.30 Uhr und 9 Uhr. Doch Nachbarn klagten demnach, diese Regelung sei oft missachtet worden.
Spanierin giftet gegen Touristen: „Am besten die Grenzen dichtmachen“
In Barcelona scheint sich ohnehin enormer Frust angestaut zu haben. So zitiert die dpa eine Frau in den Achtzigern, die nahe des erwähnten Park Güell giftete: „Man sollte sie alle zum Teufel jagen, am besten die Grenzen dichtmachen! Die Engländer und die Deutschen sind die schlimmsten, die machen uns das Leben zur Hölle hier.“ In ihrem Hass hatte sie demnach zuvor eine Gruppe junger Touristen beschimpft, weil diese ihr auf einem engen Bürgersteig keinen Platz gemacht hatten.
Doch allein ist sie mit ihrer Meinung an diesem Ort keineswegs. Laut dem Agenturbericht ließ sich ein älterer Herr unter dem Johlen seiner Freunde zu dieser geschmacklosen Warnung hinreißen: „Von meinem Balkon spucke ich auf das Gesindel.“
Genervt ist auch die von der dpa ebenfalls zitierte Carina. Sie hat sich allerdings unter Kontrolle, beschwert sich auf dem Weg zu ihrer Arbeit im Krankenhaus: „Es ist der Lärm, der Schmutz. Aber nicht nur hier. Ich habe die ganze Stadt noch nie so schmutzig gesehen. Und dann das schlechte Benehmen der Touristen. Vor unserer Haustür sitzen immer Leute und versperren den Weg.“
Eine junge Juwelendesignerin namens Sandra hat dagegen kapituliert. Sie habe das Haus verkauft und ziehe mit ihrem Partner weg. Das Ziel: ein ruhiger Strand.
Barcelonas Einwohner contra Touristen: „Wir sind Fremde im eigenen Haus“
In dem Künstlerviertel Vila de Gracia kann man die Meinung über die Urlauber laut dpa direkt lesen. Demnach würden an Wänden, Garagentoren, Hinweistafeln und sogar Denkmälern in großen Lettern die Worte „TOURISTS GO HOME“ geschrieben stehen. Fast an jeder zweiten Straßenecke prange diese unmissverständliche Aufforderung. Hinzu kommen Sprüche gegen Tourismus auf kleinen gelben Aufklebern und auf großen Bannern. Laut Ester vom Nachbarschaftsverband Verdi del Mig handele es sich keinesfalls um eine Minderheitenmeinung: „Wir alle denken gleich.“
Gegenüber dem dpa-Reporter hätten sich andere Einheimische beschwert. „Wir können beim Fest nicht mehr wie früher auf der Straße tanzen“, kritisieren sie. Oder: „Es wird hier nur noch Englisch gesprochen.“ Dazu die Feststellung: „Wir sind Fremde im eigenen Haus.“ Eine junge Frau klagte demnach sogar: „Viele Besucher betrinken sich und werden übergriffig.“
Nicht nur in Barcelona, sondern auch im galicischen Santiago de Compostela – berühmtes Ziel des Jakobswegs – häufen sich laut der Agentur Klagen über Besucher. Diese würden im besten Ballermann-Stil bis frühmorgens betrunken und grölend durch die Straßen ziehen, außerdem im Freien schlafen und auch ihre Notdurft verrichten.
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Tourismus in Spanien: „Tourismusphobie auf Kanaren wird besorgniserregend“
Politik und Wirtschaft stehen vor einer Herausforderung. Zwar werde das Thema nicht heruntergespielt, jedoch gingen die Meinungen bezüglich der Gründe und Lösungen auseinander. „Die Tourismusphobie auf den Kanaren wird langsam besorgniserregend“, zitiert die dpa die neue regionale Tourismusministerin Jessica de Leon. Sie ist demnach jedoch auch der Meinung, dass die Polemik von interessierter Seite genährt werde.
Zu Wort kommt auch der in Barcelona für Wirtschaftsförderung zuständige Stadtrat Jordi Valls, der im Interview mit der Zeitung La Vanguardia zugab: „Gibt es eine Grenze für den Tourismus in Barcelona? Ja, die gibt es. Haben wir diese Grenze erreicht? Wahrscheinlich.“
Wie die dpa weiter berichtet, steuert Spanien in diesem Jahr nach Schätzung zuständiger Stellen auf einen neuen Tourismusrekord zu. 85 Millionen ausländische Besucher werden erwartet, das wären 1,3 Millionen mehr als im Jahr 2019, als der bisherige Höchstwert gemessen wurde.
Womöglich wird es Zeit für ein Umdenken in der Tourismusbranche. Hierzu zitiert die dpa den Präsidenten des Hotelierverbandes der Playa de Palma auf Mallorca, Pedro Marin. Der sprach in der Zeitung Ultima Hora von „Vergewaltigungen, Messerstechereien, Diebstähle, Drogen… ein Desaster“.
Demnach versicherte er, es ginge ihm und seinen Kollegen darum, „einigermaßen gute Touristen“ auf die Insel zu holen. Allerdings werde auch die Polizei gebraucht. Und mehr „harte Hand“. (mg, mit dpa)

