VonChristina Denkschließen
Die „New York Times“ schwärmt in ihrem neuen Magazin von österreichischen Miet-Konzepten. Die Bewohner dort sehen das teils anders. Was genau steckt dahinter?
New York/Wien – Der Star des neuen New York Times Magazine? Das sind riesige Hochhäuser mit gelben Balkonen und einem Swimmingpool auf dem Dach – mitten in Wien. „Stellen Sie sich das Paradies eines Mieters vor. Es könnte wie Wien aussehen“, lautet der Artikel. Eine Ode an den Wohnungsmarkt der Hauptstadt von Österreich also.
Doch ist der Wiener Wohnungsmarkt wirklich das Nonplusultra? Viele Bewohner sehen das anders. Und: Was kann sich Deutschland womöglich noch von seinem Nachbarland abschauen?
„Paradies für Mieter“: New York Times schwärmt von außergewöhnlicher Siedlung in Österreich
Der Wohnungsmarkt in den USA ist turbulent. Immobilienspekulationen in Amerika treiben die Preise aktuell in die Höhe. Da hat die New York Times Richtung Europa geschaut – um genau zu sein, Richtung Wien. Sie schwärmt von den Gemeindebauten Alterlaa und Karl-Marx-Hof, den günstigen Mietpreisen und dem Zusammenhalt der Bewohner.
Anders als in New York, wo die Menschen teilweise fast 40 Prozent des Einkommens für Miete ausgäben, zahlten die Bewohner Wiens in den Gemeindebauten nur etwa vier bis acht Prozent. Die Mieten seien gedeckelt und dürften nicht über Inflationsniveau angehoben werden. Während in den USA außerdem nur den Ärmsten Sozialwohnungen zuständen, qualifizierten sich in Wien ganze 80 Prozent der Bevölkerung dafür.
Der Grundgedanke: Soziale Durchmischung, Niedrigverdiener sollen nicht ausgegrenzt werden. „Wahrscheinlich hat keine andere entwickelte Stadt mehr getan, um die Bewohner vor der Kommerzialisierung des Wohnens zu schützen“, lobt die New York Times die Hauptstadt.
„Paradies für Mieter“: Wiens Bewohner zweifeln am idealen Wohnungsmarkt – „Das stimmt nicht“
Wie viel steckt dahinter? „Das stimmt nicht“, kommentiert prompt eine Wiener Nutzerin auf Instagram. Die Renten seien hoch und die Konditionen für soziales Wohnen schwer zu erfüllen. Auch vom Forschungsinstitut Agenda Austria, österreichischen Magazinen wie Der Standard und einer Studie des Empirica Insituts von 2019 kommt Kritik.
Was sich laut den Portalen nicht leugnen lässt: Der Wiener Wohnungsmarkt sei vor allem für Menschen mit niedrigem Einkommen ein Segen. Auf dem freien Markt jedoch seien die Mieten ebenfalls explodiert und befristete Mietverträge die Regel. Junge Menschen und Neuankömmlinge in Wien hätten es schwer, einen Platz in sozialen Wohnprojekten zu ergattern, die Wartelisten seien lang.
Und auch, dass die gesellschaftliche Durchmischung komplett funktioniert, wie im Modell, wird angezweifelt. Es sei unwahrscheinlich, dass sich tatsächlich der Mediziner abends im Hof mit beispielsweise dem Handwerker treffe. Der Wiener Wohnungsmarkt: Er sehe vor allem im Vergleich zu „der katastrophalen Wohnsituation in anderen Städten“ gut aus, so die Magazine. Die Grundkonzepte des Wiener Mietmarktes.
Niedrige Mieten: Können die USA oder Deutschland dennoch etwas von Wien lernen?
Ob Deutschland oder die USA sich in Sachen Mieten Wien gänzlich zum Vorbild nehmen sollten, ist umstritten. Einige Aspekte dürften aber als Vorbild Sinn ergeben. Verena Bentele, die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschlands, schrieb bereits 2018 bei der Frankfurter Rundschau: Wien habe seinen städtischen Wohnungsbestand nie privatisiert und baue kontinuierlich neue Wohnungen.
Das trage dazu bei, dass es in Wien mehr bezahlbaren Wohnraum gebe. Anstatt teure Mieten zu bezuschussen, könnte Deutschland ebenfalls günstigen Wohnraum finanzieren, schreibt daher der Spiegel. Und auch die Mittelschicht in Sozialwohnungen miteinzubeziehen, funktioniert zumindest so weit, dass es nirgendwo durchgehende Problemviertel gibt. In München wurde zuletzt über ein neues Mieter-Gesetz diskutiert. (chd)
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