Experten können nur vermuten

Rätsel um Übersterblichkeit: Statistisches Bundesamt kann aktuelle Sterbefallzahlen nicht erklären

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Statistiken zeigen eine Übersterblichkeit von neun Prozent – Gründe noch unklar.
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Die aktuellen Sterbefallzahlen sind höher als in den Jahren zuvor. Das Statistische Bundesamt gibt für September eine Übersterblichkeit von neun Prozent an. Woran das liegt, ist unklar.

Wiesbaden – Die Corona-Todeszahlen waren im September 2022 geringer als in den vorherigen Sommermonaten. Trotzdem verzeichnen die Statistiken eine Übersterblichkeit von neun Prozent. Das sind 6677 Todesfälle mehr als der September-Durchschnitt von 2018 bis 2021. Das Statistische Bundesamt äußert sich in der Pressemitteilung vom 11. Oktober 2022 zu den Zahlen: „Hitzewellen, die in den Vormonaten in zeitlichem Zusammenhang mit den erhöhten Sterbefallzahlen standen, gab es im September nicht.“ Andere Faktoren lassen sich noch nicht einschätzen.

Übersterblichkeit: Vergleich von Sterbefallzahlen nicht immer verlässlich

Sterbefallzahlen können fluktuieren und lassen sich nicht immer verlässlich mit den Vorjahren vergleichen. „Zum Beispiel werden ja hier die Todeszahlen aus einem Mittelwert von zwei Jahren ohne und zwei Jahren mit Pandemie verglichen: Ein Mittelwert daraus ist sicherlich nicht repräsentativ für den Vergleich“, sagte Epidemiologe Klaus Stöhr gegenüber bild.de. Für eine verlässlichere Tendenz braucht es einen längeren Vergleichszeitraum.

Hohe Sterbefallzahlen: Mangelnde Vorsorge als möglicher Grund

Den Behörden ist klar, dass die überdurchschnittliche Sterbefallzahl im September nicht durch einen Faktor erklärt werden kann. Eine Theorie ist jedoch die hohe Anzahl an verschobenen Vorsorgeuntersuchungen wegen der Corona-Einschränkungen. Eine Studie der Gesundheitsbehörde in Großbritannien schließt auf eine Verbindung von Terminabsagen während der Corona-Pandemie und einer verschlechterten Gesundheit der Patienten.

Das vermutet man auch in Deutschland. „Dass die mangelnde Vorsorge während der überzogenen Lockdowns während der Pandemie auch eine Rolle bei den erhöhten Todesfällen spielen, haben Studien bereits belegt“, sagte Stöhr. Es fehlen jedoch Daten aus Deutschland, um den Anteil genau zu definieren. Andere Atemwegserkrankungen mit aktuell vermehrter Verbreitung hält Stöhr für unwahrscheinlich.

Erhöhte Sterbefallrate: Einschätzung erst 2023 möglich

Laut Statistischem Bundesamt weisen in Europa aktuell nur Deutschland und Spanien eine erhöhte Sterbefallrate auf. Die Gründe können nur gemutmaßt werden. Genauere Antworten zur Übersterblichkeit können erst mit der Todesursachenstatistik genannt werden. Die Auswertung wird allerdings erst im kommenden Jahr veröffentlicht.

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