VonJana Stäbenerschließen
Seit drei Jahren können sich Betroffene von sexualisierter Gewalt auch digital an die bundesweite Beratungsstelle wenden. Die Nachfrage ist „überwältigend“.
Das Hilfe-Telefon „Sexueller Missbrauch“ feiert zehnjährigen Geburtstag. Seit 2014 können sich Betroffene von sexualisierter Gewalt im Kindes- und Jugendalter oder Beobachter dieser Gewalt anonym und kostenfrei unter der 0800 22 55 530 beraten lassen. Seit 2021 gibt es zusätzlich zur Telefon-Hotline eine datenschutzkonforme Online-Plattform, auf der sich jeder mit einem Nutzernamen und Passwort anmelden und E-Mails schreiben kann.
Bevor es die Online-Plattform gab, erreichten die bundesweite Beratungsstelle etwa 30 E-Mail-Anfragen im Monat. Heute seien es um die 300. „Es hat nur ein halbes Jahr gedauert, bis sich die Zahl nahezu verzehnfacht hat“, sagt Tanja von Bodelschwingh, Leiterin der Online-Beratung bei der Nationalen Informations- und Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend (NINA), BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.
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Hilfetelefon sexueller Missbrauch: „Damit haben wir nicht gerechnet“
„Wir hatten die Hoffnung, dass wir mehr Jugendliche erreichen. Aber dass sich auch so viele Erwachsene melden, damit haben wir nicht gerechnet. Da waren wir naiv“, sagt die Leiterin der Online-Beratung. Etwa die Hälfte aller E-Mails komme von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen unter 30. „Anzurufen ist für sie häufig erstmal keine Option: Erstens, weil sie im Alltag auch sonst nicht viel telefonieren und zweitens, weil es für sie eine große Herausforderung ist, das, was ihnen passiert ist, auszusprechen“, sagt von Bodelschwingh.
Während junge Menschen ihr Mobiltelefon vor zehn Jahren noch zum Telefonieren nutzten, verwenden sie es heute eher für Social Media, zeigt auch die JIM-Studie von 2023. Sie sei gespannt, ob Schreiben in der Beratung noch mehr werde und ob Betroffene in zehn Jahren sogar Sprachnachrichten schicken, sagt von Bodelschwingh BuzzFeed News Deutschland. Sie glaube aber nicht, dass das Telefonieren gänzlich verschwinden werde, denn die Zahl der Anrufe beim Hilfetelefon für sexuellen Missbrauch steige weiterhin. Allgemein erreichen sie immer mehr Beratungsanfragen.
Das liege nicht unbedingt daran, dass sexualisierte Gewalt zunehme, sondern könne auch dafür sprechen, dass die Menschen sensibilisierter seien oder die Beratung bekannter geworden ist. Die Online-Beratung sei ein weiterer Zugang hierzu. „Wir waren überwältigt. Die E-Mail-Funktion hat einen Bedarf aufgedeckt, von dem wir in der Dimension nichts geahnt haben.“
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Sozialpädagogin sieht in „Online-Beratung eine gute Brücke“
Der Vorteil der E-Mails sei, dass die Berater und Beraterinnen länger Zeit hätten, um mit den Betroffenen eine Beziehung aufzubauen. Manchmal wechselten sie auch in den Messenger, eine Funktion, die bei jungen Menschen besonders beliebt sei und die sie gerne ausbauen würden, wenn sie mehr Mitarbeitende hätten. Oder sie verabredeten sich zu einem späteren Zeitpunkt für ein Telefonat oder eine Beratung vor Ort.
„Mit den E-Mails erreichen uns auch Menschen, die komplex traumatisiert sind“, sagt von Bodelschwingh BuzzFeed News Deutschland. „Viele, die uns schreiben, haben schwerwiegende Dinge erlebt.“ Wenn diese Personen direkt anrufen, komme es meist zu „Schweigeanrufen“. Damit das nicht passiere, sei die „Online-Beratung eine gute Brücke“.
Was auch eine Rolle spiele, sei die Zeit. „Eine E-Mail zu schreiben geht auch spätabends, wenn das Kind im Bett ist“, sagt die Sozialpädagogin. Viele Fachkräfte wie Sporttrainerinnen oder Erzieher meldeten sich lieber schriftlich, weil sie den Betroffenen keine Zeit am Telefon wegnehmen wollten. Für das Team der Beratungsstelle komme das zeitlich auf dasselbe raus. „Jeder soll und darf gerne anrufen – egal ob betroffen oder nicht“, sagt von Bodelschwingh. „Wer lieber schreibt, bleibt bei der E-Mail-Funktion!“
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