VonJakob Kochschließen
Mitten in der Hitzewelle rechnet Meteorologe Jörg Kachelmann schonungslos mit weit verbreiteten Ratschlägen ab. Doch seine Thesen ernten Kritik.
Frankfurt – Deutschland schwitzt unter extremer Hitze. Das nimmt Meteorologe Jörg Kachelmann zum Anlass, schonungslos mit vermeintlich hilfreichen Tipps abzurechnen – er erklärt, warum manche davon sogar tödlich enden können. Und so macht der bekannte Wetterexperte seinem Ärger über weit verbreitete Hitze-Mythen deutlich Luft: „Diese Hitzetipps kosten halt viele Menschenleben und das macht mich ein bisschen traurig“, erklärt Kachelmann gegenüber Bild. Besonders ältere Menschen seien gefährdet, wenn sie falschen Ratschlägen folgen würden.
Kachelmann warnt vor tödlichen Hitze-Ratschlägen nach DWD-Warnung
Der gefährlichste Mythos betrifft geschlossene Fenster. „Dass die Fenster um jeden Preis geschlossen bleiben müssen!“, kritisiert der Meteorologe scharf. Viele Medien und sogar Behörden würden diesen Rat verbreiten – mit fatalen Folgen. „Das ist das, was die Leute umbringt“, warnt Kachelmann eindringlich. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte für Mittwoch „extreme Hitze“ als amtliche Warnung herausgegeben.
Umweltmediziner Hutter zerlegt Kachelmanns Hitze-These
Auch die Angst vor Zugluft entpuppe sich als unbegründet. „Durchzug ist nichts anderes als Wind“, erklärt auch Kachelmann und verweist auf die Kanaren, wo der Nordostpassat permanent weht, ohne die Bewohner zu schädigen.
Das sehen allerdings nicht alle so: Umweltmediziner Hans-Peter Hutter widerspricht dieser These. „Es gibt Leute, die kennen sich aus mit Innenraumklimatologie – und er kennt sich offensichtlich nicht aus“, sagte Hutter im österreichischen Fernsehen bei PULS 24. Der Umweltmediziner sagt: Hitze von draußen sei viel gesundheitsschädlicher als abgestandene Raumluft. Er rät zur Lüftung von nicht länger als drei Minuten – weiteres Lüften „lädt die Hitze ein, zu mir zu kommen“, so Hutter.
Aufhängen nasser Handtücher bei Hitze: Kachelmann fällt vernichtendes Urteil
Noch drastischer fällt Kachelmanns Urteil über einen anderen weit verbreiteten Tipp aus. Das Aufhängen nasser Handtücher bezeichnet er als „aktive Sterbehilfe“. Der Grund: In geschlossenen Räumen steigt die Luftfeuchtigkeit dadurch dramatisch an, was für den Körper noch belastender wird als trockene Hitze. „Menschen überleben wunderbar trockene 40 Grad in der Wüste, aber nicht 28 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit und völliger Windstille“, erklärt der Experte die Gefahr. Feuerwehrleute würden von „komplett nassen Wänden“ berichten, wenn sie verstorbene Personen in überhitzten Wohnungen finden.
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Experten nennen weitere Hitze-Mythen in Deutschland
Auch andere Experten bestätigen die Problematik falscher Hitze-Tipps. Laut der Westfälischen Rundschau führt eiskaltes Duschen Experten zufolge zu gegenteiligen Effekten: Die Gefäße ziehen sich zusammen, der Kreislauf wird angeregt und man schwitzt anschließend umso mehr. Weiterer Mythos: Der Glaube, weniger trinken würde gegen Schwitzen helfen, sei besonders riskant. „Schwitzen ist die Klimaanlage des Körpers. Wir sollten nicht einmal darüber nachdenken, sie aufhalten zu wollen“, warnt Claudia Traidl-Hoffmann von der Universität Augsburg in der Süddeutsche Zeitung.
Meteorologe Kachelmann jedenfalls sieht sich in einer Mission: „Ich kann nicht einfach zugucken und werde das wahrscheinlich bis zum bitteren Ende durchziehen.“ Sein Ziel sei es, „ein paar Omas und Opas zu retten“. Denn als Meteorologe habe man nicht oft die Chance, direkt Leben zu retten – und genau das will er mit seiner Aufklärung erreichen. Die Wetter-Prognose für die kommenden Tage verheißt nichts Gutes, sagt Diplom-Meteorologe Dominik Jung.
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