Freistaat auf dem letzten Platz

Bayern, Berlin und das Bildungsrätsel: Ist das Schulsystem ungerecht? Studie wirft Fragen auf

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Kinder bildungs- und einkommensschwächerer Eltern haben es schwer, aufs Gymnasium zu kommen. Das betrifft laut einer Studie auch Bundesländer mit hohem Leistungsniveau.

In der vierten Klasse dreht sich vieles um den Übertritt auf die weiterführende Schule: Nicht alle Kinder haben dieselben Chancen auf eine Zukunft am Gymnasium. Das geht aus einer am Montag (13. Mai) veröffentlichten Untersuchung des Münchner Ifo-Instituts hervor. 

Schule ungerecht? Sozioökonomisch benachteiligte Kinder finden schwerer aufs Gymnasium

In welcher Schule das Kind landen wird, hat demnach statistisch betrachtet auch etwas mit dem Elternhaus zu tun. Die Studie vergleicht die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs für Kinder aus Familien, in denen die Eltern kein Abitur haben und das Haushaltseinkommen nicht im oberen Viertel liegt, mit der für Kinder aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil Abitur hat oder das Haushaltseinkommen im oberen Viertel angesiedelt ist. 

Bundesweit ist es weniger als halb so wahrscheinlich (44,6 Prozent), dass Kinder aus eher benachteiligten Verhältnissen ein Gymnasium besuchen wie Kinder aus eher günstigen Verhältnissen. 

Wer auf das Gymnasium geht, hat in seiner Karriere Vorteile: Hauptschüler finden schwerer eine Ausbildung als Abiturienten. Später im Job verdienen Menschen mit Abitur laut ifo-Studie im Durchschnitt monatlich netto 42 Prozent mehr als ohne Abitur.

Je nach Bundesland ist die Chancenungleichheit unterschiedlich groß.

Fragen ans Schulsystem: Berlin am gerechtesten, Bayern am ungerechtesten?

In Sachen Bildungschancen belegt Bayern den letzten Platz unter den 16 Bundesländern. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder aus bildungs- und einkommensschwächeren Haushalten ein Gymnasium besuchen, liegt nur bei 38,1 Prozent. Das Elternhaus hat somit in Bayern den größten Einfluss darauf, ob es das Kind aufs Gymnasium schafft oder nicht. In Berlin dagegen haben Schülerinnen und Schüler der Studie zufolge noch am ehesten dieselben Chancen. Das relative Chancenverhältnis liegt bei 53,8 Prozent.

Dem Bildungsmonitor 2023 der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) zufolge hat Bayern nach Sachsen das zweitbeste Bildungssystem, Berlin dagegen (vor Bremen) das zweitschlechteste. Rund 85 Prozent der Neuntklässler am Gymnasium in Bayern erreichen laut IQB Bildungstrend 2022 die Regelstandards im Deutschunterricht, die sie für einen mittleren Schulabschluss bräuchten. In Berlin sind es nur rund 62 Prozent.

Haben Länder mit hohem Schul-Leistungsniveau „automatisch geringere Chancengleichheit“?

Sind die Leistungen der Schüler also schlechter, wenn Kinder dieselben Chancen haben? Die Ifo-Untersuchung kann zum Leistungsniveau keine Angaben machen. Dass sich die Unterschiede zwischen Berlin und Bayern so erklären lassen, kann Ludger Wößmann deshalb nicht ausschließen. Wößmann ist Bildungsökonom am Ifo-Institut. In der Forschung ergebe sich jedoch, etwa im internationalen Vergleich, ein anderes Bild.

„Es ist nicht so, dass Länder, die insgesamt ein höheres Leistungsniveau haben, automatisch geringere Chancengleichheit haben. Es ist häufig so, dass Länder, die gut dastehen, Kindern, die von zu Hause aus nicht unterstützt werden, möglichst viel Unterstützung innerhalb des Schulsystems geben“, sagte Wößmann auf der Pressekonferenz zur neuen Studie in Berlin.

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Hamburg könnte zeigen, dass gute Leistungen und viel Chancengleichheit an Schulen möglich sind

Ein Beispiel ist Hamburg: Das Bundesland liegt in der Ifo-Untersuchung zwar hinter Berlin, aber mit 47,1 Prozent Chancen aufs Gymnasium für Kinder weniger privilegierter Eltern spürbar vor Bayern. Bundesweit belegt es damit den sechsten Platz in Sachen Bildungschancen. Bei den schulischen Leistungen steht Hamburg aber ebenfalls nicht schlecht da. Zum Beispiel lesen Schüler laut INSM-Bildungsmonitor 2023 in Hamburg am drittbesten.

Wie schafft es Hamburg, in beiden Bereichen gut zu sein? Eine Erklärung könnte sein, dass sich das Bundesland besonders für die Sprachförderung von Schülern einsetzt. Bereits viereinhalbjährige Kinder müssen in der Kita einen Test ablegen. Je nach Ergebnis muss das Kind gegebenenfalls eine Vorschule besuchen und dort die deutsche Sprache lernen. An dem Programm nehmen insbesondere Kinder mit schwächerem sozioökonomischen Hintergrund teil.

Chancengleichheit bedeute immer eine „große Herausforderung“ für Lehrkräfte, egal in welchem Bundesland, sagt Wößmann auf Nachfrage von BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Denn Kinder aus bessergestellten Familien bekämen mehr Unterstützung: „Lehrkräfte müssen versuchen, Kinder, bei denen nicht die ganze Zeit jemand kontrolliert, ob die Hausaufgaben gemacht sind, stark zu fördern“, meint der Forscher.

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