„War schon immer so“: Ist unser Gefühl falsch? So hat sich das Wetter seit 1970 wirklich verändert
VonChristoph Gschoßmann
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Warme Sommer – die gab es auch früher schon, oder? Die Wetterdaten aus den letzten Jahrzehnten zeigen, was sich seit 1970 wirklich getan hat.
München – Wie ist Ihr Gefühl: Waren die Sommer früher genauso heiß wie aktuell? Waren die Flüsse ab und an nicht auch mal ausgetrocknet? Gab es im Winter wirklich mehr Schnee und Frost? Gefühle sind im Gegensatz zu harten Fakten nicht gerade verlässlich. Der Deutsche Wetter-Dienst (DWD) sammelt seit Jahrzehnten genaue Zahlen zu Temperatur und Niederschlag. Durch diese große Menge an Daten lässt sich eine genaue Aussage darüber treffen, inwieweit sich unser Wetter seit dem Jahr 1970 wirklich verändert hat – im Gegensatz zu Volksweisheiten oder Allgemeinplätzen. Selbst über das Wetter im Jahr 2070 kann man anhand der Zahlen Voraussagen treffen.
So hat sich die Durchschnitts-Temperaturen im Winter geändert
Im Moment steckt Deutschland mitten im Wintereinbruch. Wie sahen die Winter damals aus? Fakt ist, dass während der Wintermonate (Anfang Dezember bis Ende Februar) ein Anstieg der Durchschnittstemperatur zu beobachten ist. In den 70ern wurden hierzulande nur in einem Winter (1974/75) mehr als drei Grad erreicht. Im Gegensatz dazu geschah das seit 2013 schon vier Mal. Nach Angaben des DWD gab es zum Jahreswechsel 2022/23 den zwölften zu warmen Winter in Folge. Ändern wir unsere Klimapolitik nicht, sind um das Jahr 2070 mittlere Wintertemperaturen von etwa 5 Grad nicht ausgeschlossen. Dann können wir uns wohl dauerhaft von Weißen Weihnachten verabschieden, wie wir sie dieses Jahr wohl mal wieder bekommen.
Wetter-Daten widerlegen Mythen: Durchschnitts-Temperaturen im Sommer
Der EU-Klimawandeldienst Copernicus berichtete jüngst, dass der Juli 2023 der global heißeste Monat seit vielen Jahrtausenden war. Insgesamt steigen die Temperaturen: Eine durchschnittliche Lufttemperatur von mindestens 18 Grad wurde in den Sommern der 1970er Jahre (Tage und Nächte zwischen 1. Juni und 31. August) kein einziges Mal erreicht. In den Sommermonaten zwischen 2013 und 2022 lag der Schnitt schon fünf Mal über 18 Grad - 2018, 2019 und 2022 sogar bei mehr als 19 Grad. Laut der DWD-Szenarien geht das auch so weiter: Wenn der Kampf gegen die Erderhitzung global nicht intensiviert wird, könnten ab 2070 jeden Sommer hierzulande mittlere Durchschnittstemperaturen von um die 20 Grad erreicht werden.
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Immer mehr Tage über 40 Grad Celsius: Künftig jedes Jahr möglich
Auch einzelne Ausreißer der Temperatur nach oben gibt es mittlerweile deutlich mehr. Nie im gesamten Jahrzehnt der 1970er kletterten in Deutschland die Temperaturen auf 40 Grad. Dieser Wert wurde erstmals 1983 an zwei Wetterstationen gemessen. Seit 2013 wiederum zeigten mehr als 30 Stationen hierzulande diesen Wert an (in den Hitzewellen 2015, 2019 und 2022). Dieser bedenkliche Trend geht wohl auch weiter: Experten gehen davon aus, dass in wenigen Jahrzehnten in jedem Sommer irgendwo in Deutschland solch eine Temperatur erreicht werden könnte.
„Tropennächte“ mit mindestens 20 Grad Celsius: So hat sich das Wetter verändert
In den 70ern gab es deutschlandweit im Schnitt rund 0,13 dieser warmen Nächte pro Jahr. In den zehn Jahren zwischen 2013 und 2022 wiederum lag der Wert bei mehr als 0,5. Um 2070 prognostiziert der DWD, dass es im Mittel zwischen 3 und 9 Tropennächte geben könnte – falls der Klimawandel sich ungebremst fortsetzt.
Frosttage: 24 Stunden lang unter 0 Grad Celsius gibt es immer seltener
Auch sind zuletzt die Tage, an denen durchgehend Frost herrscht, merklich zurückgegangen. In den gesamten 1970er Jahren gab es dem Wetterdienst zufolge jährlich im Mittel 17,8 Tage, an denen die Temperaturen nicht auf über null Grad kletterten. Dagegen waren es zwischen 2013 und 2022 nur 12,6 Tage. Es ist davon auszugehen, dass die Anzahl der Eistage bis 2070 weiter abfällt auf dann teils weit weniger als 10 pro Jahr.
Kaum Änderungen bei der Niederschlagsmenge
Was Niederschlag angeht, hat sich seit 1970 wenig getan. Die jährliche absolute Menge an Regen und Schnee verändert sich seit Jahrzehnten nur minimal. Auch für die Zukunft prognostiziert der DWD einen vieljährigen Mittelwert in Deutschland von reichlich 800 Millimetern. Nur die Verteilung verschiebt sich: Im Winter gibt es mehr, im Sommer weniger Regen. „Starkregen hat tendenziell zugenommen“, äußert der DWD-Agrarmeteorologe Andreas Brömser. „Und wir gehen davon aus, dass er weiter zunehmen wird, weil die Atmosphäre bei steigender Temperatur mehr Wasser aufnehmen kann.“
Dürren hingegen treten immer häufiger auf. Doch sei abzuwarten, ob es sich dabei um eine längerfristige Entwicklung oder eine Schwankung von ein paar Jahren handle, so Meteorologe Brömser vom DWD. Dem Dürremonitor des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung zufolge gab es auch im Deutschland der 1970er Jahre Zeiten, in denen die Böden bis in zwei Meter Tiefe sehr trocken waren, etwa 1976 im Norden und Westen Deutschlands. Allerdings habe sich die betroffene Fläche und die Intensität vergrößert. (cgsc mit dpa)