Erste Hilfe am Kiosk

Lauterbach will bundesweit 1000 Gesundheitskioske – scheitert der Plan an der Finanzierung?

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Kühnes Vorhaben von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD): Bundesweit sollen 1000 Gesundheitskioske entstehen. Doch verläuft längst nicht alles nach Plan.

Berlin – Bereits Ende August 2022 hatte die Politik in Form der Bundesregierung etwa 1000 sogenannte Gesundheitskioske angekündigt. Mit ihnen soll eine bessere medizinische Versorgung in sozial benachteiligten Regionen in ganz Deutschland erreicht werden. Vorgestellt wurden die Pläne damals von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD).

Kritiker bemängelten vor allem die geplante Finanzierung dieser Gesundheitskioske. Und Mitte Dezember 2022 ist klar: Das grundsätzlich lobenswerte Vorhaben stößt auf Stolpersteine. Doch der Reihe nach.

Karl Lauterbach (SPD) plant 1000 Gesundheitskioske für Deutschland – Knackpunkt Finanzierung

Die von der Bundesregierung forcierte Idee der Gesundheitskioske soll ein niedrigschwelliges Beratungsangebot zu gesundheitlichen Themen bieten. Es soll letztendlich dazu beitragen, dass weniger Menschen in Deutschland in Arztpraxen oder Krankenhäusern behandelt werden müssen. In den Gesundheitskiosken können Patienten dann einfache Behandlungen vornehmen lassen, darunter Blutdruckmessen oder Verbandswechsel.

1000 Gesundheitskioske will Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bis Ende 2023 in ganz Deutschland installieren. Scheitert das Projekt an der Finanzierung?

Bis Ende 2023 soll es bundesweit 1000 Gesundheitskioske geben, so Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Geplant sei, dass Kommunen Gesundheitskioske in Stadtteilen gründen, die durch Armut geprägt sind und diese gemeinsam mit den Krankenkassen finanzieren. Gemäß den Eckpunkten von Lauterbachs Gesundheitsinitiative soll die öffentliche Hand 20 Prozent der Ausgaben tragen, berichtet tagesschau.de. Die gesetzlichen Krankenkassen sollen indes dazu verpflichtet werden, 74,5 Prozent zu übernehmen, die privaten Krankenversicherungen wiederum die verbleibenden 5,5 Prozent.

Thüringen verfügt bereits über ersten Gesundheitskiosk – der nichts mit Lauterbachs Projekt zu tun hat

Soweit die Pläne für die nähere Zukunft. In der Gegenwart ist bereits ein Gesundheitskiosk existent, und zwar in Thüringen. In der 400-Seelen-Gemeinde Urleben hat der erste Gesundheitskiosk seiner Art Anfang November 2022 eröffnet. Bis auf den Namen hat das Thüringer Projekt jedoch nichts mit dem großen Vorhaben vom Lauterbach zu tun. Das Projekt „Agathe“ in Thüringen wurde von der Stiftung „Landleben“ auf den Weg gebracht. Teilweise mit Fördermitteln, teilweise mit Geldern der Stiftung, werden Gesundheitskioske neu errichtet. Die älter werdende Bevölkerung soll ins gesellschaftliche Leben integriert werden.

Bislang gibt es hierfür ein Gebäude, das nun immer stärker mit Leben gefüllt werden muss. Das hängt in Teilen aber auch davon ab, wofür sich Geld und Personal auftreiben lässt. Lauterbach hatte indes eine etwas andere Idee vor Augen, als er von seinen geplanten 1000 Gesundheitskiosken sprach. Für den Sozialdemokraten ist das Pilotprojekt im Hamburger Stadtteil Billstedt, das er im Sommer besucht hatte, zukunftsweisend für das deutsche Gesundheitswesen. Das hat Gründe.

Gesundheitskiosk in Hamburg-Billstedt als Modellprojekt: Unbürokratische und mehrsprachige Behandlung

Der Gesundheitskiosk in Hamburg-Billstedt wurde bereits 2017 als Modellprojekt gestartet. Hier werden Termine für Fachärzte vermittelt, es gibt Suchberatung sowie Sprechstunden für die seelische Gesundheit. Das alles findet möglichst unbürokratisch statt und vor allem oftmals mehrsprachig. Denn in Billstedt ist der Ausländeranteil mit etwa 27 Prozent überdurchschnittlich hoch. Laut tagesschau.de würde jeder Fünfte, der hier lebt, Hartz IV beziehen.

In Deutschland darf weder der Geldbeutel noch der Wohnort über die Behandlung von Patientinnen und Patienten entscheiden.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bei seinem Besuch des Gesundheitskiosks in Hamburg-Billstedt im Sommer 2022

Der Stadtteil zähle zu den ärmsten in Hamburg. Deswegen würde Fachärzte andere Standorte vorziehen. Auf diesem Wege entsteht ein Fachkräftemangel, die vorhandenen Ärzte werden noch stärker belastet. Solche Problematiken sollen Gesundheitskioske zumindest teilweise abfedern. Der Grundgedanke hinter der Idee: Wer die vorhandenen Angebote in Form der Gesundheitskioske wahrnimmt, wird seltener krank, braucht auch seltener einer Behandlung und muss auch nicht so häufig ins Krankenhaus. Gerade die speziellen Kioske könnten einen Unterschied machen, vor allem in strukturschwachen Gebieten, heißt es von Lauterbach.

Krankenkassen wollen nicht den Großteil der Finanzierung der Gesundheitskioske stemmen

Der größte Knackpunkt bei der Umsetzung der 1000 geplanten Gesundheitskioske in ganz Deutschland könnte am Ende die Finanzierung sein. Die eingangs skizzierte Kostenverteilung droht in der Praxis zu scheitern. Aus dem Modellversuch in Hamburg haben sich die Techniker Krankenkasse, die DAK und die Barmer mittlerweile zurückgezogen. Ihre Befürchtung: die Entstehung teurer Doppelstrukturen. Aber auch, dass knappes medizinisches Personal dann in Krankenhäusern oder Praxen fehlt. Obendrein wollen die Kassen nicht für Angebote aufkommen, die nur entfernt mit Gesundheit zu tun haben.

Manch ein Beobachter vermutet dahinter ein deutliches Warnsignal an Lauterbach. Schließlich stören sich die Kassen daran, dass sie den Großteil des Gesundheitskiosk-Budgets bezahlen sollen. Öffentlich schweigen die Kassen hierzu aber bislang. Hinter vorgehaltener Hand sei aber von „Fehlverwendung von Versichertenbeiträgen“ die Rede. Das letzte Wort scheint in dieser Angelegenheit definitiv noch nicht gesprochen zu sein.

Rubriklistenbild: © Marcus Brandt/dpa/Archivbild

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