VonJennifer Köllenschließen
Eine neue US-Studie zeigt: Nach einer Impfung gegen Omikron ist man nicht gut vor Langzeitfolgen geschützt. Forscher empfehlen, weiter aufzupassen.
St. Louis (Missouri) – Long Covid gilt derzeit als neue Volkskrankheit. Acht bis zwölf Prozent der Menschen, welche gegen Corona geimpft sind und dennoch eine Durchbruchsinfektion bekommen, leiden später an Long Covid-Symptomen. Betroffene leiden unter Haarausfall, können sich nicht konzentrieren, sind ständig extrem müde. Viele kriegen noch nicht mal ihren Alltag hin, müssen aufhören, zu arbeiten. Das hat die Long Covid-Expertin Jördis Frommhold in einem Interview mit kreiszeitung.de erzählt.
Die Hoffnung, dass eine Corona-Impfung auch effektiv vor Long Covid schützt, wurde von US-Wissenschaftlern jetzt zerschlagen. Sie haben herausgefunden: Die Gefahr, nach Corona Long Covid zu bekommen, verringert sich nach einer Impfung nur gering.
Long Covid – Forscher warnen: Corona-Impfung schützt nicht vor Langzeitfolgen
Die Wissenschaftler aus St. Louis im US-Bundesstaat Missouri haben für ihre Studie Daten von 13 Millionen Veteranen analysiert. Die gute Nachricht: Bei Geimpften verringerte sich das Risiko, an einer Corona-Infektion zu sterben, um 34 Prozent.
Eine Impfung hilft also ebenso effektiv vor einem schweren Verlauf, als auch vor einem Tod wegen Corona. „Impfungen bleiben im Kampf gegen COVID-19 von entscheidender Bedeutung“, sagt der Erstautor Ziyad Al-Aly von der Washington University St. Louis. Doch leider schützt die Impfung nicht so gut gegen Langzeitfolgen wegen Corona. Oder auch: vor Long Covid.
Long Covid: Eine Corona-Impfung schützt nur zu 19 Prozent vor Langzeitfolgen
Schwere Long Covid-Symptome wie Lungenschäden (minus 49 Prozent) und Probleme mit der Blutgerinnung (minus 56 Prozent) konnten durch die Impfung zwar häufig verhindert werden – doch insgesamt schützen die Vakzine gegen Long Covid nur moderat, so der Studienautor Ziyad Al-Aly. Die Ergebnisse hätten gezeigt, dass sich die Gefahr von Long Covid nach einer Corona-Impfung nur um 19 Prozent reduziere.
Corona Impfungen würden das Risiko eines Krankenhausaufenthalts und des Sterberisikos wegen Corona verringern, so der Experte. „Aber Impfstoffe scheinen nur einen bescheidenen Schutz gegen Long Covid zu bieten.“ Sein Rat lautet daher: „Menschen, die sich von einer COVID-19-Durchbruchinfektion erholen, sollten ihre Gesundheit weiterhin überwachen und einen Arzt aufsuchen, wenn anhaltende Symptome die Durchführung täglicher Aktivitäten erschweren.“
Die Forscher stuften bei der Studie Patienten als vollständig geimpft ein, wenn sie zwei Dosen der Moderna- oder Biontech-Impfstoffs oder eine Dosis des Johnson & Johnson-Impfstoffs erhalten hatten. Zum Zeitpunkt der Untersuchung gab es noch keine Informationen darüber, ob Patienten Auffrischungsimpfungen erhalten hatten.
Long Covid: Omikron gilt als milde, aber Langzeitfolgen von Corona sind nach wie vor ein Problem – und werden bleiben
Auch, wenn die Omikron-Symptome, der Verlauf und die Inkubationszeit als milde gelten – unterschätzen sollte man eine Corona-Infektion deswegen auch als mehrfach Geimpfter nicht. Denn wer eine Durchbruchsinfektion bekommt, der kann auch nach Omikron an Long Covid erkranken. „Diese Menschen bekommen ein bis drei Monate nach Corona erneute Symptome. Symptome reichen von Haarausfall über extreme Müdigkeit (Fatigue) hin zu Leistungsabfall“, erklärt die deutsche Long-Covid-Expertin Jördis Frommhold. Im Interview mit kreizeitung.de berichtet Frommhold, dass auch viele junge Menschen von Long Covid betroffen sind.
„Viele leiden unter extremer Fatigue, sind also sehr müde und erschöpft, kommen kaum aus dem Bett“, sagt Frommhold. „Andere haben massive und schmerzhafte Gelenk- und Muskelbeschwerden oder Blutdruckentgleisungen. Oder aber, sie haben schwere kognitive Einschränkungen, können sich also nichts mehr merken. Ein Patient von mir lässt zum Beispiel jeden Tag den Schlüssel im Auto stecken. Vor kurzem kam eine Studie raus, die zeigt, dass Corona sogar das Hirn schrumpfen kann.“
Long Covid: Wie kann man sich vor den Corona-Langzeitfolgen schützen?
„Da Covid-19 wohl nicht verschwinden wird, sollten wir auch an langfristige Strategien dagegen denken“, sagt auch Al-Aly. „Auch um das Risiko von Long Covid zu verringern“. Die derzeitigen Impfstoffe seien nur ein Teil der Lösung. Das zeigt die Studie aus den USA. Was also tun?
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) empfiehlt mit Hinweis auf die Studienergebnisse, weiterhin freiwillig eine Maske zu tragen.
Diese Studie zu #LongCovid und Impfungen ist wichtig, auch wenn das Ergebnis ernüchtert. Das #LongCovid Risiko sinkt durch die Impfungen, aber nicht so stark wie erhofft. Daher ist die Vermeidung der Infektion durch freiwilliges Maskentragen weiter sinnvoll. https://t.co/ZcsUDTrHhi
— Prof. Karl Lauterbach (@Karl_Lauterbach) May 26, 2022
„Wenn man davon ausgeht, dass Covid-19 noch zehn Jahre lang bleibt, werden die Menschen wohl irgendwann der Masken und des Social Distancing überdrüssig“, sagt der Wissenschaftler Al-Aly auf der Webseite der Washington University School of Medicine of St. Louis „Da Covid-19 wohl nicht verschwinden wird, sollten wir auch an langfristige Strategien dagegen denken. Auch um das Risiko von Long Covid zu verringern“.
Diese Strategien könnten Impfstoffe sein, die über die Nase verabreicht würden. Impfungen gegen Long Covid könnten ein weiteres Mittel sein, um Menschen vor Long Covid zu schützen. Diese müssen aber erst entwickelt werden.
Long-Covid-Expertin Frommhold empfiehlt zum Schutz gegen Long Covid: „Wenn ich während der Erkrankung vorbeugend einige Dinge beachte, richtig atme und mich schone, dann kann ich selbst das Risiko verringern, Long Covid zu bekommen. Also: Schonen, bis man sich wirklich ganz normal fühlt. Long Covid ist auch ein Problem unserer Leistungsgesellschaft. Das rächt sich jetzt.“(jkö)
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