Nach Geburt ihrer Tochter

„Bittere Erkenntnis“: Ex-Tagesthemen-Moderatorin Aline Abboud spricht über Elternzeit

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Die ehemalige Tagesthemen-Moderatorin Aline Abboud hat ein Buch über den Libanon geschrieben.
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Aline Abboud hat als Moderatorin bei den Tagesthemen aufgehört. Nun spricht sie über ihre Erfahrungen als Mutter, über Gleichstellung und ihr neues Buch.

Vor etwa einem Jahr moderierte eine hochschwangere Aline Abboud die Tagesthemen. „Ich verabschiede mich in die Babypause und tausche jetzt den Tagesthemen-Tisch mit dem Wickeltisch“, sagte sie am Ende der Sendung. Damals ahnte das Publikum noch nicht, dass es ihr letzter Auftritt bei den Tagesthemen sein sollte.

Ende November gab Aline Abboud über ihren Instagram-Account bekannt, dass sie nach ihrer Elternzeit nicht zu den Tagesthemen zurückkehren wird. Mit BuzzFeed News von IPPEN.MEDIA sprach die Journalistin jetzt über ihre Erfahrungen als junge Mutter, die Gleichstellung von Frauen und ihr neues Buch.

Das Aus bei den Tagesthemen mag Fans überrascht haben. Aline Abboud hat sich aus familiären Gründen dafür entschieden. „Ich habe vor den Tagesthemen schon fünf Jahre beim ZDF in Mainz gearbeitet und bin zwischen Mainz und Berlin gependelt. Das empfand ich auch damals schon als Herausforderung, weil ich nach der Arbeit nur ins Hotel, die WG kam und meine ganze Familie in Berlin ist“, sagt sie BuzzFeed News. „Ich glaube, jeder, der mal gependelt ist, kann das nachvollziehen, weil es eine ständige innere Unruhe ist, wieder losfahren zu müssen, die man nicht wegkriegt.“

„Diese Frage löste natürlich Druck aus“: Aline Abboud über ihre Zeit nach den Tagesthemen

Bevor sie Mutter geworden sei, habe sie auch schon die Lage von Frauen in Bezug auf Gleichstellung verstanden und hinterfragt. „Aber klar, sobald ich selbst Mutter wurde, habe ich gemerkt, wie schwierig und kompliziert es wirklich ist“, sagt Aline Abboud. Sie habe den Vorteil, dass ihre Eltern in der Nähe seien. Das sei nicht selbstverständlich. Aber als Eltern merke man, dass man finanziell an seine Grenzen komme. „Ich bin froh, dass es das Elterngeld gibt, auch wenn es natürlich mehr sein könnte. Gerade wenn die Familie nicht so viel Geld hat, der Partner nicht wohlhabend ist oder man vorher noch ein ordentliches finanzielles Polster aufgebaut hat.“

Auch die Erwartungen an Mütter thematisiert Aline Abboud. „Wenn eine Frau selbstständig ist und dann noch in der Öffentlichkeit steht, wird immer viel nachgefragt. ‚Wann fängst du wieder an zu arbeiten? Wann gehst du zurück?‘ Auch nach der Geburt kam natürlich ständig diese Frage“, sagt sie. „Und wenn man dann arbeitet, kriegt man zu hören: ‚Oha, ist das nicht zu früh?‘ ‚Was ist mit dem Baby?‘“ Das sei grundsätzlich auch nicht schlimm. Aber diese Frage löse natürlich Druck aus. „Gerade, wenn eine Frau denkt: ‚Wie lange kann ich mir erlauben, zu Hause zu bleiben? Ich habe so viel, so lange geackert in den letzten Jahren. Warum darf ich nicht auch ein halbes oder ganzes Jahr etwas anderes machen und mich für mein Kind freuen und die Zeit genießen?‘“

Sie habe einige Tage nach zwei Monaten frei und vor der Kamera oder am Mikro gearbeitet, aber schnell gemerkt, dass es zu früh gewesen sei. Sowohl für sie als auch das Baby. „Zwischendurch habe ich auch noch mein Buch fertig geschrieben, in Nachtschichten während das Baby schlief. Und das ist die bittere Erkenntnis. Einerseits bin ich stolz darauf, es geschafft zu haben, aber wenn ich noch ein Kind bekomme, werde ich mir wahrscheinlich mindestens ein halbes Jahr wirklich Zeit nur für mich und mein Kind nehmen.“

Aline Abboud schreibt in ihrem Buch über ihre deutsche und libanesische Identität

Aline Abbouds Buch „Barfuß in Tetas Garten. Berlin, mein Libanon und ich“ ist Anfang Januar im Ullstein-Verlag erschienen. Sie schrieb es in der Elternzeit zu Ende. Oft saß sie mit ihrem Baby im Arm am Computer und tippte mit einem Finger. Abboud sagt: „Das Buch hat für mich eine ganz besondere Bedeutung, weil es nicht nur meine Geschichte ist, sondern auch ein Stück Familiengeschichte, das ich meiner Tochter hinterlassen möchte.“ Sie wolle zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund genauso Teil dieser Gesellschaft seien.

Abboud hat deutsche und libanesische Wurzeln. Beide Seiten prägen ihre Identität. „Ich bin sehr penibel, was die Zeit angeht, und kann wirklich stressen, wenn wir zu spät losgehen. Wenn man das jetzt als ein typisches deutsches Merkmal bezeichnet, dann ist das wahrscheinlich meine sehr deutsche Seite.“ Ihre libanesische Seite äußert sich in ihrer Lebensfreude. Wenn eine Party um 20 Uhr anfange, könne sie auch schon um 20 Uhr feiern. Deutsche seien manchmal ein bisschen steif.

„Ich habe Angst“: Aline Abboud in Sorge nach Potsdamer Geheimtreffen

Ausgerechnet zu der Zeit, als Aline Abboud ein Buch über ihre zweite Heimat schrieb, brach ein Krieg dort aus. „Ich fand das schrecklich, es war ein dauerhaftes Gefühl der Ohnmacht.“ Sie wusste nicht immer, wie es ihrer Familie ging, musste fürchten, dass sie jeden Moment getötet werden könnten. Abboud hat Freunde in Israel, weil sie dort 2016 für eine Nachrichtenagentur arbeitete. Sie hätten sich angerufen und nach ihren Familien erkundigt. „Daran sieht man, finde ich, zumindest an meinem Beispiel, an meinem Freundeskreis, dass die Menschen eigentlich nur in Frieden leben wollen und grundsätzlich Empathie füreinander haben.“

Doch auch die Lage in Deutschland hat sich im vergangenen Jahr zugespitzt. Rechtsruck und Extremisierung sind an Aline Abboud nicht spurlos vorbeigegangen. „Nach dem Potsdamer Geheimtreffen und dem Stichwort ‚Remigration‘ muss ich ganz ehrlich sagen: Als Mensch mit Migrationshintergrund, der sich nicht nur als Teil der deutschen Gesellschaft fühlt, sondern auch ist, habe ich mittlerweile Angst“, sagt sie. „Man hat keine Hoffnung mehr, dass sich die Situation in irgendeiner Weise bessern wird. Ich hätte das nie gedacht. Dass ich mal an einen Punkt komme, an dem ich Angst habe, hier zu leben.“

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