Anschlag

Nach Bahn-Sabotage: Experten vermuten Testlauf

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Zahlreiche Ausfälle: Reisende standen am Samstag in langen Schlangen im Hauptbahnhof Hamburg am Reisezentrum an.
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Unbekannte kappten gezielt zwei Bahnkabel – und stürzten damit Norddeutschland ins Bahn-Chaos. Experten vermuten hinter der Sabotage einen Testlauf.

Berlin – Wer durchtrennte die Bahnkabel in Berlin und Herne? Diese Frage beschäftigt nebst der Bundespolizei derzeit auch den deutschen Staatsschutz. Rund 48 Stunden nach der Sabotage-Aktion, die Norddeutschland am Samstag in ein Bahn-Chaos stürzte, gibt es neue Hinweise.

Demnach vermuten IT-Sicherheitsexperten, dass hinter dem Anschlag auf das Kabelnetzwerk der Deutschen Bahn um einen Testlauf handeln könnte. Ein Sprecher des Expertengremiums Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG Kritis) sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Es könnte nur ein Testdurchlauf gewesen sein, um die Auswirkungen einer solchen Sabotage zu sehen.“

Bahn-Sabotage ein Testlauf? „Hohes Maß an krimineller Energie“

Das gezielte Durchtrennen der Kabel in Berlin und Herne zeige, „dass es sich um koordiniertes Vorgehen handelt“, so der AG-Kritis-Sprecher und IT-Sicherheitsberater. Nicht nur hätten die Täter Kenntnisse über die Trassenführung sowie das GSM-R-System der Deutschen Bahn gehabt, sie hätten auch gewusst, welche Folgen so ein Ausfall haben würde. „Dies lässt auf jeden Fall auf ein hohes Maß an krimineller Energie und umfangreiche Vorbereitung schließen.“

Laut dem Experten sei es möglich, dass die Bahn-Aktion mit der mutmaßlichen Sabotage an den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 oder mit der Zerstörung der Krim-Brücke zusammenhänge. Ebenso denkbar: Dass die Unbekannten den Zeitpunkt explizit gewählt haben. An dem Tag liefen Großveranstaltungen wie die Bundesliga-Fußballspiele oder die AfD-Demonstration in Berlin.

Die AG Kritis registrierte vermehrt Cyberangriffe, etwa auf den Energiesektor, so der Sprecher. „Seit dem Ukraine-Krieg wird zudem immer deutlicher, dass bei kriegerischen Auseinandersetzungen vermehrt auf eine ‚hybride Kriegsführung‘, also traditionelle Operationen, die durch Cyberangriffe begleitet und unterstützt werden, gesetzt wird.“

War es Russland?„Momentan ist es noch eine Theorie“

Der Staatsschutz in Bochum geht im Fall der Bahn-Sabotage vom Wochenende von einer „politisch motivierten Tat“ aus. „Wir haben eine größere Ermittlungsgruppe beim Staatsschutz gebildet“, so ein Sprecher der Polizei. Darüber hinaus erhofft sie sich Hinweise aus der Bevölkerung zum fraglichen Zeitraum. So habe sich die Manipulation an den Kabeln am Samstagmorgen (8. Oktober 2022) gegen 2:30 Uhr ereignet. 

Russland hat schon ein Interesse daran.“

Terrorismus-Experte Peter Neumann über eine mögliche Verstrickung Russlands

Auch dass Russland hinter dem Sabotage-Akt steckt, scheint nicht ausgeschlossen. Laut dem Terrorismus- und Geopolitik-Experten Peter Neumann, sei ein Angriff Russlands auf die kritische Infrastruktur Deutschlands durchaus möglich. RTL sagte der Wissenschaftler: „Russland hat schon ein Interesse daran, in Europa Panik zu verursachen und zu signalisieren, dass es ganz heftig das Leben lahmlegen kann.“

Auch das Bundeskriminalamt (BKA) halte laut einem Bericht der Bild-Zeitung vom Sonntag eine staatliche Sabotage für denkbar. Doch, so Neumann: „Momentan ist es noch eine Theorie.“

Noch kein Bekennerschreiben aus dem linksextremen Spektrum

Dass die Tat aus dem linksextremen Spektrum heraus begangen wurde, darauf gebe es bislang keine Hinweise. Was dagegenspricht: In der Vergangenheit hatten Täter aus der linksextremistischen Szene Anschläge gegen die Bahn verübt, diese auch für sich reklamiert. Doch in dem aktuellen Fall liege auch rund 48 Stunden nach der Tat noch kein Bekennerschreiben vor, so die Polizei.

Unzählige Reisende waren am Wochenende an Bahnhöfen gestrandet. Im Norden war der Zugverkehr am Samstagvormittag für knapp drei Stunden komplett eingestellt worden. Im Lauf des Tages hatte die Bahn dann vermeldet, dass die Störungen behoben seien. Danach hatte sich der Zugverkehr nach und nach normalisiert.

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