Probleme im Apfel-Mekka

Umweltgifte im Urlaubsparadies: Pestizidbelastung bis in die Berge Südtirols nachgewiesen

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Die Apfelplantagen im Vinschgau sind Europas Obstgarten. Doch der pestizidintensive Anbau birgt ein Problem. Eine Studie liefert bedenkliche Ergebnisse.

Schlanders – Der Westen Südtirols ist eigentlich ein kleiner Garten Eden, ein Paradies auf Erden. Dort gibt es nicht nur schroffe Gebirgszüge, malerische Ortschaften und verwunschene Seen. Umringt von der Ortlergruppe, den Ötztaler Alpen verbirgt sich im Vinschgau auch das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Europas. Aus dem Tal kommt rund die Hälfte aller Äpfel Italiens und rund jeder zehnte Apfel, der in Europa kultiviert wird. Viele davon landen in deutschen Supermärkten.

Um dieser Rolle gerecht zu werden und sich Schädlinge vom Hals zu halten, setzen Südtiroler Landwirte im Apfelanbau im Jahresverlauf mehrfach Pestizide, also Pflanzenschutzmittel ein. Diese zum Teil toxischen Substanzen werden zwar auf den weitläufigen Apfelplantagen ausgebracht, verbreiten sich aber bis in hohe Lagen. Das hat eine nun veröffentlichte Studie der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) und der Universität für Bodenkultur in Wien (BOKU) gezeigt.

Weite Teile des Vinschgaus, einem Seitental Südtirols, sind gesäumt von Apfelplantagen.

Wissenschaftler nehmen Verbreitung von Pestiziden im Vinschgau unter die Lupe

Das Team um den Umweltwissenschaftler Carsten Brühl von der RPTU untersuchte elf sogenannte Höhentransekte entlang der Talachse, als Strecken vom Talboden bis auf die Berggipfel. Entlang dieser Strecken wurden an vier Tagen im Mai 2022 alle 300 Meter Proben genommen. An insgesamt 53 Standorten wurden so Pflanzenmaterial und Bodenproben gesammelt. „Aus ökotoxikologischer Sicht ist das Vinschgauer Tal besonders interessant, da man im Tal hochintensiven Anbau mit vielen Pestiziden hat und auf den Bergen empfindliche alpine Ökosysteme, die teilweise auch streng geschützt sind“, so Brühl.

Bisher waren selbst einige Fachleute davon ausgegangen, dass synthetische Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel im Wesentlichen in der Apfelanlage verbleiben und sich höchstens im näheren Umfeld breit machen könnten. Besorgniserregend genug: Auf Vinschgauer Spielplätzen sind etwa bereits mehrmals Pestizidrückstände nachgewiesen worden, wie unter anderem die Südtiroler Tageszeitung berichtete.

Das Südtiroler Apfelkonsortium weist jedoch auf Anfrage von IPPEN.MEDIA darauf hin, dass Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf öffentlichen Flächen im Zeitraum von 2018 bis 2022 deutlich abgenommen hätten, wie eine Studie des Südtiroler Sanitätsbetriebs in Zusammenarbeit mit dem Versuchszentrum Laimburg zeigte.

Pflanzenschutzmittel in Südtirol weit über Anbauflächen hinaus nachgewiesen

Dennoch: Studien der letzten Jahre hatten bereits gezeigt, dass sich Pestizide deutlich über die landwirtschaftlich genutzte Fläche hinaus ausbreiten und etwa Insekten in Naturschutzgebieten belasten können. Im Vinschgau wurde bereits vor einigen Jahren ein Rückgang von Schmetterlingen auf den Bergwiesen beobachtet, schreibt die BOKU Wien in einer Aussendung. Nun liefert die im Fachjournal Communications Earth & Environment publizierte Studie eine mögliche Erklärung dafür.

An insgesamt 53 Standorten nahmen die Forschenden Boden- und Pflanzenproben. Pestizide wurden auch in höheren Lagen nachgewiesen.

Anders als bisher gemeinhin angenommen seien die Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel im Vinschgau nicht nur in den Anlagen und der näheren Umgebung zu finden, berichten die Forschenden. Insgesamt würden die Pestizide in höheren Lagen und mit größerem Abstand zu den Anbaugebieten zwar abnehmen, aber selbst in Gebieten mit kaum Apfelanbau, wie dem oberen Vinschgau, wurden Pestizide nachgewiesen.

Fast 30 Pestizide nachgewiesen, darunter in entlegenen Bergtälern und auf Gipfeln

Insgesamt wiesen die Forschenden 27 Pestizide nach, davon zehn Insektizide, elf Fungizide und sechs Herbizide. Unter den gefundenen Substanzen war in rund der Hälfte der Proben auch das Insektizid Methoxyfenozid, das in Deutschland seit 2018 verboten ist. „Wir fanden die Mittel in entlegenen Bergtälern, auf den Gipfeln und in Nationalparks. Dort haben sie nichts verloren“, erklärte Brühl. Die Substanzen würden sich durch den zum Teil starken Wind und die Thermik im Tal weiter verbreiten, als bisher angenommen.

Wir fanden die Mittel in entlegenen Bergtälern, auf den Gipfeln und in Nationalparks. Dort haben sie nichts verloren.

Carsten Brühl, Umweltwissenschaftler RPTU

„Die Konzentrationen, die wir fanden, waren zwar nicht hoch, aber es ist erwiesen, dass Pestizide das Bodenleben schon bei sehr geringen Konzentrationen beeinträchtigen“, erklärte Mitautor Johann Zaller von BOKU Wien. Die Rede ist von sogenannten sublethalen, also nicht direkt tödlichen Effekten bei Organismen. Im Falle der Schmetterlinge könnten die Pestizide etwa eine verringerte Eiablage zur Folge haben.

Pestizid-Thematik in Südtirol: Forscher sehen „neue Dimension des Problems“

Wie genau die Pestizide in niedriger Konzentration auf die Natur einwirken, ist bisher aber noch weitestgehend unklar. Ebenso müsste noch geklärt werden, welche Wirkung Pflanzenschutzmittel im Zusammenspiel entfalten. Bei der Umweltrisikobewertung im Rahmen von Zulassungsverfahren würden Mischungen nicht berücksichtigt und die Stoffe nur einzeln betrachtet. „Mit der Realität der Anwendungen auf dem Acker oder in der Obstplantage und dem Verbleib in der Umwelt hat dies nichts zu tun“, so Brühl.

Die Studienautoren erachten es als notwendig, die Anbaupraxis im Vinschgau und anderen Regionen mit pestizidintensiver Landwirtschaft zu überdenken, sowie die Pestizidausbringung an sich zu optimieren. „Wir wissen aus früheren Studien, dass Kinderspielplätze in der Nähe der Apfelanlagen mit Pestiziden belastet sind. Zum Teil sogar übers ganze Jahr hindurch“, so Co-Autor und Pestizid-Kritiker Koen Hertoge, der selbst im Vinschgau lebt. Die jüngsten Ergebnisse würden eine „neue Dimension des Problems“ offenbaren, weil auch weit entfernte Gebiete mit Pestiziden belastet seien.

Politik müsse „Maßnahmen zum Schutz der Natur und der Gesundheit der Bevölkerung“ ergreifen

Die Forscher fordern auch eine drastische Reduzierung des Pestizideinsatzes. Das private Umweltinstitut München wertete erst 2023 die „Spritztagebücher“ von 681 Apfelbau-Betrieben aus der Südtiroler Region Vinschgau aus. Darin waren für 2017 nicht weniger als 590.000 Pestizideinsätze verzeichnet. Angesichts der Problematik sei die Südtiroler Landesregierung aufgefordert, „Maßnahmen zum Schutz der Natur und der Gesundheit der Bevölkerung“ zu ergreifen, meinte Hertoge.

Südtirols Politik hat sich in der Pestizid-Debatte jedoch zuvor nur wenig einsichtig gezeigt und auf Proteste von Umweltschützern und Pestizid-Gegnern sogar mit einer Klage geantwortet. Aus dem Büro des zuständigen Landesrates für Landwirtschaft, Luis Walcher, gab es auf Anfrage diesbezüglich bisher noch keine Rückmeldung.

Dachverband der Apfelbauern: „Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nur dann, wenn es notwendig ist.“

In einer Stellungnahme des Südtiroler Apfelkonsortiums wird darauf hingewiesen, „dass die Studie keine Überschreitung von gesetzlich erlaubten Höchstmengen feststellt.“ Darüber hinaus beschäftige sich der Dachverband schon lange mit der Reduzierung synthetischer Pflanzenschutzmittel und der damit verbundenen Verringerung von Abdrift.

„Die Bauern setzen Pflanzenschutzmittel nur dann ein, wenn es notwendig ist und andernfalls erhebliche Schäden an Früchten oder Bäumen zu erwarten sind“, heißt es vonseiten des Apfelkonsortiums. Und weiter: „Ein sparsamer Umgang mit Pflanzenschutzmitteln liegt im ureigenen Interesse der Bauern, da der Einsatz mit erheblichen Kosten und hohem Zeitaufwand verbunden ist.“ Vorrang haben im Pflanzenschutz des Südtiroler Obstanbaus laut dem Dachverband natürliche Methoden. (jm/dpa)

Rubriklistenbild: © Manfred2000/Jakob Wolfram/RPTU/Zoonar/Imago

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