VonCarolin Gehrmannschließen
Tropenkrankheiten könnten sich durch die Klimaerwärmung bald auch bei uns ausbreiten, warnt RKI-Chef Wieler. Kommen durch Mücken und Zecken nun bald Malaria und Zika zu uns?
Bremen – Es wird immer wärmer auf der Erde und damit auch bei uns in Mitteleuropa. Temperaturen weit über 30 Grad – auch im Norden längst keine Seltenheit mehr. Ein Klima, bei dem sich Mücken und Zecken besonders wohlfühlen. Laut dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, wird das dazu führen, dass sich in Zukunft gefährliche Infektionskrankheiten bei uns ausbreiten, die bislang nur in tropischen Regionen auftreten.
Laut Wieler können „viele Mücken- und Zeckenarten virale, bakterielle und parasitäre Infektionserreger übertragen“. Dies seien insbesondere das Zika-, Dengue- oder das West-Nil-Virus sowie die Frühsommer-Meningoenzephalitis. Der Experte hält sogar eine Rückkehr der Malaria in Europa für möglich.
RKI-Chef Wieler warnt: Rückkehr der Malaria ist möglich
Dabei ist nicht nur ausschlaggebend, dass sich Mücken bei warmem und feuchtem Wetter besonders gut vermehren und sich dadurch ihr Lebensraum in Europa immer weiter ausdehnt. Nein, die höheren Temperaturen spielen auch eine wichtige Rolle bei der Virusübertragung für Krankheiten wie Malaria, vor denen RKI-Chef Wieler warnt, da die Vermehrung von Viren in den Mücken temperaturabhängig sei. Bei warmem Wetter können sich die Viren also besser in den Tieren vermehren.
Je stärker also die Temperaturen bei uns dauerhaft ansteigen, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit von Infektionen durch Mückenstiche. Ein sehr kalter Winter schützt vor einer Mückenplage übrigens nicht, wie der Bayrische Rundfunk (BR) berichtet. Mücken verfügten über einen eingebauten „Frostschutz“ und könnten Minusgrade überleben. Entscheidend sei die Witterung im Frühling.
Gefahr nicht nur durch invasive Arten wie die Tigermücke – auch heimische Mücken sind Virusträger
So einfach wird man die Bedrohung durch die Tiere also nicht wieder los – vor allem, weil die Gefahr laut BR auch nicht allein von invasiven, also eingeschleppten, Arten wie der Asiatischen Tigermücke ausgeht, sondern auch von den heimischen Mückenarten. So konnte laut NDR das West-Nil-Virus bereits in der in Deutschland heimischen Mückenart Culex pipiens nachgewiesen werden, wahrscheinlich durch Zugvögel, die das Virus mitgebracht haben.
Krankheiten, die von Insekten übertragen werden:
West-Nil-Virus: Wird von der heimischen Stechmücke übertragen; Krankheit verläuft oft symptomlos, nur 1 von 100 Infizierten erkrankt laut RKI schwer; Symptome treten sehr plötzlich auf und ähneln einer Grippe: Schüttelfrost, Kopf- und Rückenschmerzen, Abgeschlagenheit, geschwollene Lymphknoten; Komplikationen: gutartige Hirnhautentzündung (Meningitis) oder Gehirnentzündung (Enzephalitis)
Zika: Übertragung durch Aedes-Mücken, vor allem die Gelbfiebermücke (Aedes aegypti), die in den Tropen und Teilen der Subtropen verbreitet ist; Infektionen verlaufen laut RKI meist symptomlos; mögliche Symptome sind Hautausschlag, Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen, Bindehautentzündung und Fieber; mögliche Komplikationen: in seltenen Fällen neurologische Komplikationen; Risiko vor allem für Schwangere: Infektion kann zu Fehlbildungen beim Fötus führen (z.B. Mikrozephalie); in Südfrankreich wurden laut NDR bereits Ansteckungen durch heimische Mücken nachgewiesen.
Dengue: Übertragung durch Stechmücken, vor allem die Gelbfiebermücke und die Asiatische Tigermücke; weltweit ca. 400 Millionen Ansteckungen jährlich; Krankheit verläuft meist symptomlos, kleiner Teil erkrankt schwer; Symptome: starke Bauchschmerzen, anhaltendes Erbrechen, schnelle Atmung, blutende Schleimhäute, Bluterbrechen, Erschöpfung, Unruhe. mögliche Komplikationen: Schocksymptomatik.
Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME): Die Krankheit wird durch das Virus des Genus Flavivirus in der Familie der Flaviviridae verursacht; Überträger in Deutschland ist die Zecke Ixodes ricinus; durch einen Stich gelangen die Viren in die Blutbahn des Menschen und können dort die Krankheit auslösen; kommt in vielen europäischen Ländern, in Russland und in Asien vor; Symptome: zunächst unspezifische, grippeähnliche Beschwerden; bei Komplikationen können im Verlauf neurologische Ausfälle dazukommen, die dauerhaft sein können.
Malaria: Erreger werden durch Stich der blutsaugenden weiblichen Stechmücke der Gattung Anopheles übertragen; laut RKI ist Malaria weltweit eine der bedeutendsten Infektionskrankheiten; tritt in tropischen und subtropischen Regionen aller Kontinente – außer Australien – in etwa 100 Ländern endemisch auf; weltweit erkranken ca. 200 Millionen Menschen, ca. 600.000, davon ca. 75% Kinder unter fünf Jahren, sterben daran. Symptome: zu Beginn meist uncharakteristische Beschwerden wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie allgemeines Krankheitsgefühl, dann sehr hohes Fieber; es kann über Jahre hinweg immer wieder zu Krankheitsschüben kommen. Bei der Malaria tropica könne es schwere Komplikationen wie Krampfanfälle, Koma und akutes Nierenversagen auftreten.
Lästig sind Insektenstiche allemal, aber zukünftig könnten sie auch noch gefährlich für die Gesundheit sein. Das Robert-Koch-Institut wolle daher zukünftig einen Schwerpunkt darauf legen, die Ärzteschaft hierzulande auf diese Krankheiten zu sensibilisieren, wie Wieler betonte.
FDP-Gesundheitsexperte will tropische Krankheiten durch Innovation und Forschung aufhalten
Der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Andrew Ullmann, sieht die Gefahr, die künftig von Zecken und Mücken ausgehen könnte, ähnlich wie Wieler. Auch er glaubt, dass sich in Deutschland bald Krankheiten ausbreiten werden, „die in unseren klimatischen Regionen bisher unbekannt waren“, wie er gegenüber der Funke Mediengruppe sagte.
Auf diese Entwicklung müsse man entsprechend reagieren – und zwar mit „Forschungs- und Innovationsinitiativen, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ausbreitung von Krankheitserregern besser zu verstehen und wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen.“ Eine grundsätzlich wissenschafts- und forschungsfeindliche Haltung ist bei dieser notwendigen Anstrengung kontraproduktiv und laut Ullmann sogar eine Gefahr.
Bis von Medizin und Politik eine wirkungsvolle Strategie gegen die Gefahr durch virenübertragende Mücken gefunden wurde, wird es also noch ein wenig dauern. Bis dahin bleibt wohl nur, sich die Plagegeister mit Hausmitteln vom Leib zu halten, um sich vor juckenden Stichen und möglichen Infektionen zu schützen.
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