Prognose für Europa: Welches Wetter-Signal für einen kalten, schneereichen Winter spricht
VonDominik Jung
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Eine meteorologische Einschätzung, wie die Großwetterlagen den kommenden Winter in Europa prägen könnten. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.
München – Mehrere großräumige Faktoren deuten auf ein mögliches Kältepotenzial im Winter 2025/26 hin – besonders im Norden und Osten Europas. Zentral ist der sogenannte Polarwirbel, ein Starkwindband in rund 30 Kilometern Höhe über der Arktis. Wenn dieser Wirbel instabil wird oder „auseinanderbricht“ (ein sogenanntes Sudden Stratospheric Warming), kann kalte Polarluft weit nach Süden ausbrechen. Solche Ereignisse führten in der Vergangenheit oft zu markanten Kältewellen in Europa.
Auch die derzeit leicht negative QBO – Quasi-Biennial Oscillation, also ein etwa zweijährlicher Wechsel der Windrichtung in der Tropenstratosphäre – kann solche Störungen begünstigen, indem sie den Polarwirbel schwächt. Hinzu kommt eine mögliche La Niña-Phase im tropischen Pazifik, bei der sich das Meerwasser dort abkühlt. Diese verändert die Luftströmungen weltweit und erhöht in manchen Wintern die Wahrscheinlichkeit für blockierende Hochdruckgebiete über dem Nordatlantik. Solche „Blockaden“ lenken die Westwinde ab und ermöglichen Kaltlufteinbrüche nach Europa.
So beeinflussen Großwetterlagen den Winter
Auch eine früh ausgedehnte Schneebedeckung in Sibirien spielt eine Rolle: Sie kühlt die Luftmassen dort stark ab, wodurch sich über dem Kontinent leichter Hochdruckgebiete bilden können, die Kaltluft nach Westen transportieren. Zusammenfassend gilt: Eine Kombination aus instabilem Polarwirbel, negativer QBO und La Niña-Einfluss kann regional kalte Phasen in Europa begünstigen.
Mehrere großräumige Muster deuten allerdings auf eher mildere Bedingungen hin. Entscheidend ist die North Atlantic Oscillation (NAO) – ein Schwanken des Luftdruckunterschieds zwischen Island und den Azoren. Ist sie positiv, zirkuliert kräftige Westströmung über den Atlantik nach Europa, die milde, feuchte Luft bringt. Modelle sehen derzeit eher eine positive NAO-Tendenz, was gegen einen ausgeprägten Kaltwinter spricht.
Tornados, Wüstenstürme, Zyklone: Wetterphänomene, die Sie kennen sollten
Hinzu kommt der Klimatrend: Europa erwärmt sich stärker als der globale Durchschnitt. Das schließt Kältephasen zwar nicht aus, schwächt sie aber in Dauer und Intensität ab. Auch das aktuelle Sonnenmaximum im elfjährigen Sonnenzyklus wirkt dämpfend auf extreme Kälte. In Zeiten starker Sonnenaktivität ist die Stratosphäre tendenziell stabiler, der Polarwirbel robuster – was großflächige Kälteausbrüche erschwert.
Das CFS-Modell der US-Wetterbehörde NOAA hat eine ganz klare Meinung zum kommenden Winter 2025/26: wärmer als im langjährigen Klimamittel - ein Mildwinter.
Saisonale Modellrechnungen von ECMWF und NOAA zeigen für weite Teile West- und Mitteleuropas unterdurchschnittliche Schneefallwahrscheinlichkeiten, während nur Skandinavien und das Baltikum leicht erhöhte Werte aufweisen. Kalte Luft allein reicht zudem nicht: Für Schnee braucht es gleichzeitig Feuchtigkeit. Trockene Hochdrucklagen bleiben oft frostig, aber schneearm.
Fazit: Unterschiedliche Wetter-Szenarien je nach Region
Insgesamt zeigen die aktuellen Analysen kein einheitlich kaltes Szenario für Europa. Wahrscheinlicher ist eine Zweiteilung: Nordeuropa könnte durch Blockadelagen und arktische Zuflüsse zeitweise kälter ausfallen, während West- und Mitteleuropa häufiger unter mildem Atlantikeinfluss stehen. Einzelne Kältephasen sind durchaus möglich, könnten aber kurzlebig bleiben.
Meteorologisch ergibt sich also ein ausgewogenes Bild: Einige Parameter – Polarwirbel, QBO, La Niña – liefern das Potenzial für Winterepisoden, andere wie positive NAO, Sonnenmaximum und Erwärmungstrend wirken dagegen. Der kommende Winter dürfte somit weder extrem mild noch außergewöhnlich streng verlaufen, sondern wechselhaft, mit regionalen Unterschieden. Der Begriff „Jahrhundertwinter“ bleibt aus wissenschaftlicher Sicht unbegründet – realistisch ist ein typischer europäischer Winter mit begrenzten Kältefenstern statt eines flächendeckenden Frostszenarios.