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Mit ihnen will die queere Community Toleranz und Vielfalt würdigen, doch in diesem Jahr schwebt die Angst vor Gewalt über allen Christopher Street Days.
Die Christopher Street Day-Saison steuert mit den größten Demonstrationen auf ihren Höhepunkt im Sommer hin, insgesamt rund 160 Pride-Paraden und Veranstaltungen gibt es in diesem Jahr. Die queere Gruppe der Bundestagsverwaltung darf am 26. Juli nicht beim Berliner Christopher Street Day mitlaufen. Grüne und Linke protestieren gegen die Entscheidung in zwei Briefen an Parlamentspräsidentin Julia Klöckner (CDU).
Gleichzeitig war die Angst vor den CSDs selten so groß wie jetzt in der Community. Immer mehr queere Menschen fragen sich, ob sie noch mutig genug sind, bei einer Demonstration für LGBTIQ+-Gleichberechtigung mitzulaufen. Am Dienstag (17. Juni) wurde bekannt, dass der CSD in Regensburg wegen einer „abstrakten Gefährdungslage“ anders stattfindet als zunächst geplant. Im Harz in Sachsen-Anhalt steht ein 20-jähriger Mann im Verdacht, einen Angriff mit Waffen auf den CSD in Wernigerode Anfang Juni angedroht zu haben. Zuvor musste bereits der CSD Gelsenkirchen aufgrund einer „abstrakten Gefahrenlage“ abgesagt werden.
„Besorgniserregende Entwicklung“: Rechtsextremisten und Islamisten
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach im Juni bei der Vorstellung des neuen Verfassungsschutzberichts im Hinblick auf Angriffe auf queere Menschen von einer „besorgniserregende Entwicklung“. Das Fazit des Verfassungsschutzes: „Auf Basis ihrer Weltanschauung lehnen Rechtsextremisten Diversität im Hinblick auf sexuelle Orientierung sowie entsprechende Partnerschafts- und Familienmodelle größtenteils ab. Sie sehen Heterosexualität und die Vorstellung einer damit verbundenen ‚traditionellen Kernfamilie‘ als alternativlos und biologisch ‚natürlich‘ an“. In puncto Islamismus wird festgehalten: „Gegen die LSBTIQ-Gemeinschaft gerichtete Äußerungen sind im Islamismus weit verbreitet und scheinen aktuell – in Wechselwirkung zu der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit für das Thema – noch einmal an Bedeutung zu gewinnen“.
Bereits im vergangenen Jahr wurde in islamistischen Kreisen in Deutschland offen dazu aufgerufen, Anschläge auf CSDs durchzuführen. Mit Blick auf 2025 betont der Verfassungsschutz: „Es ist davon auszugehen, dass islamistische Internetpropaganda gegen Menschen mit anderen geschlechtlichen und sexuellen Identitäten in Deutschland zu Gewalt bis hin zu terroristischen Anschlägen führen kann.“ Die sozialen Medien wirken dabei als Brandbeschleuniger einerseits und bestens funktionierende Radikalisierungsmöglichkeit von jungen Menschen andererseits.
Dazu passend die neusten Daten zur Hasskriminalität – erneut stieg diese gegenüber LGBTIQ+-Menschen an, binnen eines Jahres um 24 Prozent auf fast 3.000 Straftaten. Zu beachten ist dabei: 90 Prozent aller Angriffe werden nie bei der Polizei angezeigt. Rechnet man diese mit dazu, gibt es in Deutschland pro Jahr fast 30.000 Attacken auf Lesben, Schwule, trans* und queere Menschen – rund 82 Fälle jeden Tag.
„Sieht sich ständig um“: Queere Menschen berichten von ihren Gedanken bei den CSDs
„Ich laufe dieses Jahr nach wie vor bei einigen großen CSDs mit, ich bin in München, Berlin, Köln und Hamburg mit dabei, aber nach den ersten Prides im Mai merke ich inzwischen bereits, dass das Gefühl von Freude immer mehr verschwindet. Und das nicht nur bei mir so“, sagt André (29), ein schwuler Aktivist aus Berlin, der bisher jährlich rund fünfzehn CSDs besucht hat. „Da ist die ständige Angst, dass etwas passieren könnte. Man sieht sich ständig um, checkt seine Umgebung dauernd aus, ist durchwegs in dieser Habt-Acht-Stellung. Ich trage seit diesem Jahr ständig einen Pfefferspray mit mir herum. Und manchmal denke ich mir, all die gewalttätigen Hater da draußen haben schon gewonnen. Unsere Lebensfreude und unser Mut sind weg.“
Ähnlich sehen das auch trans* Frau Maria (31) und ihre beste Freundin Bettina (28), die nahe München und Frankfurt leben. „Bis letztes Jahr haben wir immer so eine kleine Tour unternommen, haben mehrere CSDs besucht, auch gerne kleine Pride-Paraden, um diese bewusst zu unterstützen. Dann sind die Angriffe auf CSDs in Ostdeutschland 2024 passiert. Wir schauen uns jetzt einmal an, wie die Parade Ende Juni in München abläuft, dann entscheiden wir weiter. Ich merke nur, die Angst ist ein ständiger Begleiter, nicht nur während der Demonstration, auch davor und danach – der Weg zur Pride wird zu einem Spießrutenlauf“, so Maria.
Und Bettina ergänzt: „Mit Beleidigungen und Beschimpfungen habe ich als Lesbe jahrelang leben können und konterte diese stets frech, doch jetzt geht es nicht mehr darum, ob mich jemand beleidigt oder vielleicht mal bespuckt, sondern um die simple Frage: Überlebe ich den CSD? Und es sieht aktuell nicht danach aus, als ob sich an dieser Lage demnächst irgendwas verbessern wird, eher im Gegenteil. Ich will für die Community Flagge zeigen, ich will es aber auch überleben!“
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