Im Norden von Spanien werden seit Tagen winzige Plastik-Körner an den Stränden angespült. Während der Umweltskandal zum Wahlkampfthema wird, versuchen Freiwillige, den Sand von den Pellets zu befreien - eine Sisyphusarbeit.
Santiago de Compostela/Oviedo - An der nördlichen Atlantikküste von Spanien spült die Brandung seit Tagen Millionen kleiner Plastik-Körner an die Strände. Betroffen sind vor allem Strände in den Autonomen Gemeinschaften Galicien und Asturien, wo Freiwillige in einer Sisyphusarbeit versuchen, die einzelnen Granulatkörner aus Sand, Algen und Kies zu sieben. Derweil wächst in Spanien die Sorge, dass dieses Plastik in die Nahrungskette gelangen könnte.
Umweltskandal in Spanien: Sind die Plastik-Körner an den Stränden giftig?
Am Dienstag, 9. Januar, schlug nach der Region Galicien auch Asturien Alarm und aktivierte Stufe zwei im Protokoll über Meeresverschmutzung. Landesumweltminister Alejandro Calvo sprach von einem „generellen Vorkommen von Kunststoffpellets an allen Stränden“ Asturiens. Schon seit dem 5. Januar tauchen diese zur Herstellung von Plastik verwendeten Körnchen an den mitunter wilden und wunderschönen Küsten im Norden Spaniens auf, die wohl von einem Frachtschiff stammen, das vor Portugal einen Teil der Ladung verlor. Galiciens Landesregierung geht von 25 Tonnen Kügelchen aus, jedes einzelne kaum größer als ein Reiskorn.
Ohne Zweifel sind die winzigen Plastik-Körner an den Stränden ein Umweltskandal, aber sie sind auch ein Politikum. Denn in Galicien stehen am 18. Februar Landtagswahlen an. „Das Plastik ist nicht giftig“, sagte die galicische Umweltministerin Ánxeles Vázquez (PP) und schiebt nach. „Deswegen ist und bleibt es aber Plastik und muss von den Stränden weg“, meinte sie. Spaniens Umweltministerin Teresa Ribera warf der Kollegin vor, wegen der anstehenden Wahl den Unfall und die Folgen herunterzuspielen: „Diese Angelegenheit wäre man ganz anders angegangen, wenn wir hier nicht im Vorwahlkampf wären.“
Plastik an den Stränden erinnert an Prestige-Unglück: Auch Spaniens Fischer warnen
Man kann der PP-Ministerin Vázquez ihre leichtfertige Äußerung kaum verdenken, denn alles, was an die Küste Galiciens gespült wird, weckt Erinnerungen an die „Prestige“ – jene Katastrophe um den Öl-Tanker, der 2002 vor Galicien zerbrach und die nördliche Küste Spaniens mit Rohöl einsaute. Nun sieht man sie wieder, die Freiwilligen-Trupps, die Strände saubermachen. Diesmal befreien sie den Sand nicht von Öl, sondern von Plastik-Kügelchen. Auch ein Ding der Unmöglichkeit, Plastik-Körner an den Stränden von Sand, Algen und Kies mit Rechen, Schaufeln und Eimern zu trennen. Über adäquates Werkzeug verfügt niemand, und die Behörden in Spanien kommen nicht so recht in die Gänge. Wie vor 20 Jahren verstreicht viel Zeit.
Tatsächlich handelt es sich bei den Kügelchen um PET-Plastik aus der Polyester-Familie, das auch zur Herstellung von Trinkflaschen oder Gefäßen zur Aufbewahrung von Lebensmitteln dient. Ob giftig oder nicht, spielt eigentlich gar nicht die entscheidende Rolle. Denn Plastik ist nicht essbar. Und die Gefahr besteht darin, dass Fische und Vögel diese Körner mit Nahrung verwechseln und so Plastik in die Nahrungskette gelangt. Sogar die Fischer in Spanien warnen, Mikroplastik im Fisch ist nicht gerade förderlich fürs Geschäft.
Frachter verlor säckeweise Plastik - Körner werden seit Wochen an Spaniens Stränden angespült
Einen Verantwortlichen für das Malheur zu finden und gar zur Rechenschaft zu ziehen, dürfte schwerfallen. Das 300 Meter lange Frachtschiff namens „Toconao“ fährt unter der Flagge des afrikanischen Lands Liberia und im Auftrag einer Firma namens Polar 3 LTD von den Bermudainseln, die wiederum vom Columbia Ship Management aus Zypern vertreten wird. Dieses Schiff fuhr am 5. Dezember von Algeciras im Süden Spaniens gen Rotterdam und verlor in einem Sturm 20 Kilometer vor der Küste Galiciens in portugiesischen Gewässern sechs Container, in einem davon befanden sich 1.000 Säcke mit Plastik-Pellets à 25 Kilo.
Zweifel, woher das Plastik stammt, gibt es kaum. Am 13. Dezember spülten die Wellen am Strand von Espiñeirido in Galicien 53 Säcke an, mit der Beschriftung des polnischen Fabrikanten Bedeko Europe. Der Küstenschutz von Finisterre brauchte nicht lange, um auf den Frachter „Toconao“ zu stoßen. Seitdem ist fast ein Monat vergangen und das Unheil zog nicht von dannen. Diesen Montag, am 8. Januar, hat die spanische Staatsanwaltschaft für Umweltschutz Ermittlungen eingeleitet.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat die Körnchen im Naturpark A Illa de Arousa ausgemacht, in der Bucht von Vigo, in A Coruña, sie werden an Stränden der Autonomen Gemeinschaften Galicien, Asturien und Kantabrien angeschwemmt. Fraglich, ob die Plastikkörnchen in Spanien bleiben und vor der französischen Grenze haltmachen.
