VonCarolin Gehrmannschließen
Er gehört vielfach zu Weihnachten wie die Kerzen am Baum oder die Klümpchen in der Bratensoße: ein handfester Familienstreit. Wie man ihn vermeiden kann und wozu Experten raten, wenn es doch zu Zoff kommt.
Bremen – Fröhliche Weihnacht überall? Die Weihnachtszeit gilt allgemein als etwas Schönes, Besinnliches. Es ist die Zeit, um das Jahr in Ruhe ausklingen zu lassen, am besten gemeinsam mit Familie und Freunden. Doch das „Fest der Liebe“ kann auch zur Belastung werden, wie eine repräsentative Umfrage von YouGov in Kooperation mit Statista zeigt. Demnach kommt es bei rund ein Viertel der Deutschen an Weihnachten zu Streit. Worum es dabei meistens geht und wie man Unfrieden unterm Weihnachtsbaum am geschicktesten vermeidet – ein Überblick.
Streit an Weihnachten: Laut Psychologen gehört Weihnachten zu den Ausnahmesituationen im Leben
Dass die „stille Nacht“ psychologisch gesehen zu den Ausnahmesituationen im Leben gehört und zu Streit an Weihnachten führen kann, ist bereits seit den 1960er Jahren wissenschaftlich erwiesen. Die US-Psychologen Thomas H. Holmes und Richard H. Rahes stellten im Jahr 1967 im Journal of Psychosomatic Research eine Liste der stressigsten Situationen im Leben vor, die Menschen sogar krank machen können. Darunter rangiert – wenn auch ziemlich weit hinten – neben Scheidung oder Verlust des Arbeitsplatzes auch das Weihnachtsfest.
Woher kommt das? Die meisten Menschen haben über die Feiertage doch frei und damit Zeit zum Entspannen – könnte man zumindest meinen. Laut Quarks, dem WDR-Wissenschaftsmagazin, sind diese Tage jedoch häufig mit jeder Menge Druck aufgeladen. Alles soll besonders und möglichst perfekt sein: die Wohnungs-Dekoration, das festliche Essen, der Baum. Dazu bekommt man oft Besuch oder ist selbst bei der Verwandtschaft zu Gast, man verlässt gezwungenermaßen seine Komfortzone. Das alles führt zwangsläufig zu Stress, schon im Vorfeld. Wer kennt es nicht? Bis auf den letzten Drücker hetzt man noch durch die – größtenteils überfüllten – Geschäfte, um diese oder jede Kleinigkeit noch schnell zu besorgen. Dass da Streit an Weihnachten nicht ausbleibt, ist fast unvermeidlich.
Organisation des Fests führt am häufigsten zu Streit – meist zwischen den Partnern
Gleichzeitig herrschen gerade zu Weihnachten so hohe Erwartungen wie sonst nur selten, was oft zu enormem Druck führt. Dabei gehen die Vorstellungen darüber, wie das Fest auszusehen hat, oft weit auseinander. Laut der Umfrage ist daher auch der Ablauf und die Organisation des Weihnachtsfestes, zum Beispiel die Frage, wer den Baum schmückt oder wer wann welches Essen zubereitet, der häufigste Grund für Unstimmigkeiten. Ein weiteres beliebtes Streitthema sind allerdings auch Beziehungsprobleme mit 25 Prozent. 36 Prozent gaben daher auch an, sich mit dem Partner oder der Partnerin zu streiten.
Doch auch mit Eltern gerät man zu Weihnachten aneinander (35 Prozent), außerdem mit Geschwistern (18 Prozent) und den eigenen Kindern (16 Prozent). Dabei geht es häufig um die Aufgabenverteilung während der Weihnachtstage, um (gefühlte) Benachteiligung oder Bevorzugung oder um das Weihnachtsessen (15 Prozent).
Weihnachten: Nicht nur Einsamkeit ist ein Problem, sondern auch, wenn Menschen zusammenkommen
Neben dem Problem, dass viele Menschen an den Feiertagen unter Einsamkeit leiden, scheint es aber auch durch das Zusammensein zu Schwierigkeiten zu kommen – allerdings sind diese anderer Art. Ungewohnte Umstände führen dazu, dass man stärker gereizt ist. Oft ist man bereits vorher schon erschöpft, weil man beispielsweise bis zum Schluss Stress im Job hatte oder von einer Weihnachtsfeier zur nächsten gehetzt ist, während man gleichzeitig versucht hat, rechtzeitig alle Geschenke zusammenzubekommen. Dazu ist auch gerade Erkältungszeit, viele sind oder waren krank und fühlen sich gerade nicht gut. Und so kommt es, dass man oft dünnhäutiger ist als sonst, wenn die „bucklige Verwandtschaft“ anrückt. Oft gehören dazu auch Menschen, die man nicht so häufig sieht und mit denen der Umgang deshalb nicht so eingespielt ist.
Die wichtigste Regel von Psychologinnen und Psychologen, um nicht schon vor Weihnachten in Stress zu verfallen, ist daher laut Quarks auch: Die Erwartungen herunterzuschrauben. Außerdem sollten sich alle Beteiligten möglichst frühzeitig zusammensetzen und besprechen, wie die Feiertage genau ablaufen sollen. Anfallende Aufgaben sollten im Vorfeld gerecht verteilt werden, damit nicht alles an einzelnen Personen hängenbleibt.
Streit an Weihnachten verhindern – Experten raten dazu, bestimmte Themen besser zu vermeiden
Dabei kann man auch gleich festlegen, welche Themen an Weihnachten besser ausgespart werden sollten, weil sie innerhalb der Familie klassischerweise zu Streit führen. Schwelende Konflikte innerhalb der Familie sollten besser nicht an der Festtafel gelöst werden. Das kann dann schnell dazu führen, dass die Stimmung hochkocht. Psychologen raten generell dazu, Reizthemen während der Feiertage lieber zu vermeiden, um Streit aus dem Weg zu gehen. Dazu können auch bestimmte politische Einstellungen von Familienmitgliedern gehören, die für andere problematisch sein können.
Laut Quarks sollte man innerhalb der Familie beispielsweise festlegen, dass bestimmte Reizthemen erst nach Silvester wieder besprochen werden. Zu den klassischen Streitthemen gehören an Weihnachten gehören aktuell zum Beispiel die Aktionen der „Letzten Generation“, gendergerechte Sprache oder auch vegetarische oder vegane Ernährung. Es kann dann auch helfen, mit der eigenen Meinung einmal hinter dem Berg zu halten, selbst wenn einem die Einstellung der Großtante oder des Onkels nicht passt. Vor allem, wenn man zu Gast ist, sollte man aus Respekt den Gastgebern gegenüber an Weihnachten nicht unbedingt Streit vom Zaun brechen und sich besser bewusst zurückhalten.
Tipps gegen Streit an Weihnachten – Was tun, wenn es doch knallt?
Wenn alle Vorkehrungen nichts genützt haben, und es doch zum großen Streit gekommen ist, dann sollte man besser erstmal etwas zeitlichen Abstand herstellen, ehe es zu einer Aussprache kommt. Denn es kann die Situation noch weiter verschärfen, wenn am Tisch unter Druck versucht wird, eine Lösung des Konflikts zu erzwingen. Besser ist es, sich erst einmal „abzukühlen“ und das Geschehene zu verarbeiten, ehe man noch einmal darüber redet. Dann kann man auch besser und objektiver beurteilen, welche Fehler zu dem Streit geführt haben und was man möglicherweise daraus lernen kann.
Experten weisen laut Quarks außerdem darauf hin, dass man auch immer die Möglichkeit hat, an Weihnachten sein ganz eigenes Programm zu verfolgen. Wem die Festtage mit der Familie nur Stress oder unangenehme Gefühle verursachen, der kann sich auch ganz aus dem familiären Weihnachtstrubel und den damit verbundenen Erwartungen herausziehen. Denn niemand ist dazu verpflichtet, Weihnachten so zu verbringen, wie es einem durch Traditionen und Gesellschaft häufig vorgeschrieben erscheint. Der Spiegel weist zudem darauf hin, dass es grundsätzlich immer hilfreich ist, trotz allem den Humor nicht zu verlieren. In vielen weihnachtlichen Komödien geht es schließlich innerhalb der Familie auch oft „heiß her“. Es handelt sich also um ein Problem, das viele betrifft – und über das viele deshalb gerne lachen.
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