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Parkinson-Erkrankung stoppen: Ein Diabetes-Medikament macht jetzt Hoffnung – „wäre eine Sensation“

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Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ein Diabetes-Medikament möglicherweise das Fortschreiten der Parkinson-Krankheit stoppen könnte.

Toulouse – Parkinson ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative chronische Erkrankung, so die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG). Etwa 400.000 Menschen in Deutschland sind davon betroffen. Doch nun machen Studien-Ergebnisse Hoffnung, dass ein neues Medikament die Krankheit effektiv ausbremsen könnte. Ein Wirkstoff zur Diabetes-Behandlung soll womöglich auch bei Parkinson helfen – so das Fazit einer im April 2024 veröffentlichten Forschungsarbeit.

Studie macht Hoffnung: Diabetes-Medikament bremst Parkinson aus

Die Wirksamkeit von Diabetes-Medikamenten bei Parkinson wird schon länger erforscht. Doch die im New England Journal of Medicine veröffentlichte klinische Studie unter der Leitung von Olivier Rascol vom Universitätsklinikum Toulouse und Wassilios Meissner vom Universitätsklinikum Bordeaux, ist die erste, die Anzeichen für eine tatsächliche Wirkung liefert. Untersucht wurde der Wirkstoff Lixisenatid bei Parkinson-Patientinnen und -Patienten.

Es stellte sich heraus, dass Lixisenatid das Fortschreiten der Symptome in einem geringen, aber signifikanten Umfang verlangsamt: Die Teilnehmenden, die den Wirkstoff erhielten, zeigten nach zwölf Monaten keine Verschlechterung ihrer Symptome, im Gegensatz zur Placebo-Gruppe. „Ließe sich Parkinson mit dieser Klasse von Medikamenten einfrieren, wäre das natürlich eine Sensation“, sagte Joseph Claßen, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen gegenüber IPPEN.MEDIA. „Es müssen jedoch weitere Studien folgen, unter anderem um zu klären, wie sich die Wirkung über mehrere Jahre hinweg entwickelt“, so Claßen.

Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ein Diabetes-Medikament möglicherweise das Fortschreiten der Parkinson-Krankheit stoppen könnte. (Symbolbild)

Diabetes-Medikament bremst Parkinson aus – keine Verschlechterung der Symptome

Die Studie, an der 156 Personen mit leichten bis mittelschweren Parkinson-Symptomen teilnahmen, ergab, dass diejenigen, die über ein Jahr Lixisenatid – allerdings unter Beibehaltung der laufenden Medikation – erhielten, keine Verschlechterung ihrer Symptome zeigten – im Gegensatz zu denjenigen in der Placebo-Gruppe. Allerdings beeinträchtigten bei vielen Personen, die das Medikament einnahmen, Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen die Gesundheit.

Symptome von Morbus Parkinson entwickeln sich oft schleichend:

  • Empfindungsstörungen wie Schmerz, Geruchsverlust, Kribbeln und Taubheitsgefühl
  • Psychische Erkrankungen wie depressive Zustände, Ängste und Impulskontrollstörungen
  • Zunehmende Vergesslichkeit und Gedächtnislücken
  • Schlafprobleme und Tagesmüdigkeit
  • Magen-Darm-Störungen
  • Blasenfunktionsstörungen
  • Sexuelle Beschwerden

Erfolg nachgewiesen, aber Wirkprinzip von Diabetes-Wirkstoff bei Parkinson noch unklar

Die genaue Wirkungsweise von Diabetes-Medikamenten bei Parkinson ist noch nicht vollständig verstanden. Es wird vermutet, dass der Wirkstoff Lixisenatid, ein GLP-1-Rezeptoragonist, Entzündungen reduziert, was möglicherweise zur Verbesserung der Symptome beiträgt.

Die Ergebnisse sind sehr wichtig. Ließe sich Parkinson mit dieser Klasse von Medikamenten einfrieren, wäre das natürlich eine Sensation.

Prof. Joseph Claßen, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen

Wirkstoff wie bei Abnehmspritze: Diabetes-Medikament soll auch bei Parkinson helfen

Der Wirkstoff gehört zur großen Gruppe ähnlicher Substanzen, die in letzter Zeit auch in „Abnehmspritzen“ (Semaglutid) zur Behandlung von Fettleibigkeit verwendet werden.

Parkinson beginnt oft mit subtilen Anzeichen wie Schlafstörungen und Riechstörungen. Im weiteren Verlauf treten Symptome wie Zittern, Steifheit der Muskeln und verlangsamte Bewegungen und Parkinson-Demenz auf. Die Behandlung erfolgt individuell und kann Medikamente, Physiotherapie und in einigen Fällen sogar chirurgische Eingriffe umfassen. Im Laborversuch wirkten auch Substanzen im Espresso gegen Parkinson, genauer gesagt, gegen typische Prozesse neurodegenerativer Erkrankungen.

„Wäre natürlich eine Sensation“: Experten vorsichtig begeistert über Parkinson-Studie

Joseph Claßen betont die Bedeutung dieser Entdeckung: „Die Ergebnisse sind sehr wichtig, jedoch ist die Studiendauer zu kurz, um die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit sicher nachzuweisen.“

Obwohl Parkinson bisher nicht heilbar ist, kann die Krankheit mit geeigneten Behandlungsmethoden oft über Jahre hinweg gut kontrolliert werden, wie das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE) erklärt. Die medikamentöse Therapie spielt dabei eine entscheidende Rolle, aber auch körperliche Aktivität, wie Sport, kann dazu beitragen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.

Parkinson frühzeitig erkennen: 13 Symptome können die Erkrankung zum Teil schon Jahre vorher ankündigen

Wenn Betroffene bestimmte Düfte nicht mehr riechen, kann dies eine Begleiterscheinung einer Corona-Infektion oder ein sehr frühes Warnzeichen einer angehenden Parkinon-Erkrankung sein.
Die eingeschränkte Wahrnehmung des Geruchs von Gewürzen, insbesondere Oregano, gilt als ein typisches, erstes Frühsymptom einer Parkinson-Erkrankung. Wer an sich bemerkt, dass er Oregano oder Vanille nicht mehr riechen kann, sollte mit dieser Beobachtung seinen Hausarzt aufsuchen. © Robijn Page/Imago
Frau fasst sich an den Bauch.
Auch Verstopfung, die länger anhält, sollte von einem Arzt abgeklärt werden. Denn chronische Verstopfung zählt auch zu den frühen Anzeichen von Parkinson. © Iordache Magdalena/Imago
Frau mit Schmerzen fasst sich in den Nacken
Frühsymptome der Parkinson-Erkrankung sind meist unspezifisch, wie die Deutsche Parkinson Vereinigung e. V. bekräftigt. Betroffene berichten von Beschwerden im Nacken- und Lendenwirbelbereich sowie diffusen Rückenschmerzen. Gerade zu Beginn der Parkinson-Erkrankung sind vorrangig der Nacken, die Schultern oder Oberarme von der Versteifung der Muskulatur betroffen – die Beschwerden werden dann nicht selten irrtümlich mit einer rheumatischen oder orthopädischen Erkrankung verwechselt. © YAY Images/Imago
Mann sitzt auf dem Bett
Der Abbau von Nervenzellen in der schwarzen Substanz im Gehirn hat Auswirkungen auf verschiedene Körperbereiche, nicht nur die Motorik. Manche Menschen mit Parkinson bemerken an sich schon früh eine Beeinträchtigung Ihrer Lust auf Sex. Männer sind vor allem von Erektionsstörungen und vorzeitiger Ejakulation betroffen. Frauen mit Parkinson leiden ebenfalls unter verringerter Erregbarkeit. © tommaso79/Imago
Mann liegt traurig im Bett
Depressive Verstimmungen können sich ebenfalls im Frühstadium der Parkinson-Erkrankung zeigen. Gerade in diesen Fällen wird häufig kein Zusammenhang zu Parkinson erkannt. © tommaso79/Imago
Mann wacht auf
Auch Schlafstörungen insbesondere in der Traumschlafphase mit zum Teil heftigen Alpträumen können vorzeitig auf eine Parkinson-Erkrankung hindeuten oder das Risiko dafür erhöhen. Für Menschen, die über 50 Jahre alt sind und eine derartige Form der Schlafstörung an sich bemerken, ohne dass andere Ursachen dafür vorliegen, erhöht sich das Risiko für Parkinson in den kommenden Jahren auf nahezu 80 Prozent. Die Störung des REM-Schlafs in der Traumschlafphase ist ein deutliches Frühsymptom für Parkinson. © Monkey Business 2/Imago
Person schreibt Brief
Einige Betroffene bemerken an sich, dass ihr Schriftbild kleiner wird – auch dies kann ein Indiz für eine Parkinson-Erkrankung sein. © YAY Images/Imago
Frau telefoniert mit Familie über das Telefon
Außenstehenden oder Angehörigen fällt zum Teil auf, dass manche Betroffenen leiser sprechen als gewöhnlich, insbesondere im direkten Gespräch. Dies kann ebenfalls ein Anzeichen einer sich entwickelten Parkinson-Erkrankung sein. © Zoonar.com/Dasha Petrenko/Imago
Hand hält Hand, die ein Glas hält
Eines der bekanntesten und typischen Symptome von Parkinson ist das Zittern (Tremor) von einer Hand oder beiden Händen. Betroffene müssen dann nicht selten die zitternde Hand mit der zweiten Hand stützen und festhalten. Auch in den Beinen zeigt sich der Tremor – anfangs nur in bestimmten Situationen, etwa beim Laufen oder Treppensteigen. An den Händen wird das Zittern häufig beim Schreiben oder Greifen von Gegenständen deutlich. © Astrid08/Imago
Frau hält Hand mit einem Glas Wasser, das verschüttet wird
Die Bewegungsarmut, sogenannte Akinese, zählt zu den typischen Symptomen bei Parkinson. Bewegungen sind verlangsamt oder geschehen willkürlich, sodass der Griff zum Glas auch darin enden kann, dass der Inhalt unbeabsichtigt ausgeschüttet wird. © Astrid08/Imago
Älterer Mann läuft am Stock
Der erhöhte Muskeltonus, sogenannter Rigor, ist ein typisches Anzeichen von Parkinson. Durch dieses Symptom sind die Muskeln steif und stark angespannt, obwohl keine bewusste Anstrengung erfolgt. Ein Rigor kann auch durch Stress, Angst oder Muskelverletzungen hervorgerufen werden. Bei Parkinson zeigt sich der Rigor häufig in Form der gebeugten Haltung mit angewinkelten Armen. © Zoonar.com/Yuri Arcurs peopleimages.com/Imago
Frau mit Müslischüssel
Schluckbeschwerden, sogenannte Dysphagie, zählt im Verlauf zu den häufigen Symptomen bei Parkinson. Direkte Anzeichen sind dann das gehäufte Verschlucken am eigenen Speichel oder bestimmten Speisen sowie Getränken, häufiges Räuspern oder Husten bis hin zu Hustenanfällen, erschwerte Atmung nach dem Schlucken, vermehrter Speichelfluss und ein Kloßgefühl im Hals. Indirekte Anzeichen einer Dysphagie bei Parkinson können sich verzögert zeigen: trockene Haut, besonders an den Händen, Gewichts- und Flüssigkeitsverlust, Sodbrennen und Aufstoßen, erhöhte Körpertemperatur, Bronchitis sowie Lungenentzündung. © Cavan Images/Imago
Fettige Haut mit hoher Talgproduktion
Manche Menschen, die an Parkinson erkrankt sind, entwickeln ein sogenanntes Salbengesicht, ein fettig glänzendes Gesicht infolge einer erhöhten Talgproduktion der Haut. © YAY Images/Imago

Forschende verfolgen die Verbindung zwischen Parkinson und Diabetes

Schon seit längerem gibt es Hinweise darauf, dass Typ-2-Diabetes und einige neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson ähnliche Signalwege im Körper aufweisen. Studien legen nahe, dass nicht nur Leber- und Muskelzellen, sondern auch Neuronen schlecht auf Insulin reagieren können, das an Gedächtnisprozessen beteiligt ist. Dies könnte erklären, warum Menschen mit Typ-2-Diabetes ein erhöhtes Risiko für Alzheimer haben.

Eine Studie aus dem Jahr 2017, deutete bereits darauf hin, dass der Wirkstoff Exenatid, ein weiteres Medikament zur Behandlung von Diabetes, möglicherweise auch den Fortschritt von Parkinson verlangsamen kann – wenn auch nur in geringem Maße. „Wir erwarten mit Spannung zum Winter hin die Ergebnisse einer umfangreichen klinischen Studie, die die Auswirkungen einer zweijährigen Behandlung mit Exenatid bei Menschen mit Parkinson untersucht“, erklärte Claßen im Gespräch.

In Studien aus Florida und Taiwan von Anfang 2023 berichteten Forschende, dass Metformin, ein Diabetes-Medikament, bei einigen Patientinnen und Patienten eine schützende Wirkung gegen die Entwicklung von Demenz haben könnte.

Experte betont: Studien nötig, um Langzeitwirkung von Diabetes-Wirkstoff zu klären

„Es müssen weitere Studien folgen, unter anderem um zu klären, wie sich die Wirkung von Lixisenati über mehrere Jahre hinweg entwickelt“, sagte Claßen. „Wissenschaftlich interessant sind auch die in der aktuellen Studie nicht untersuchten Fragen, ob GLP-1-Medikamente vor dem Verlust von Dopamin-produzierenden Neuronen schützen und vielleicht den Ausbruch von Parkinson verhindern können.“ Diese Erkenntnisse könnten entscheidend sein, da Parkinson bisher nicht ursächlich behandelt werden kann.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion nicht beantwortet werden.

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