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Über dem Südpol zerbricht der Polarwirbel – mit Folgen, die bis nach Europa und Nordamerika reichen könnten. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.
Frankfurt – Über der Südhalbkugel kündigt sich ein seltenes, aber mächtiges Schauspiel an: eine plötzliche stratosphärische Erwärmung (Sudden Stratospheric Warming, SSW). Dieses Phänomen tritt nur alle paar Jahrzehnte im Süden auf – doch wenn es geschieht, bringt es die Atmosphäre weltweit in Bewegung.
Aktuelle Modellrechnungen zeigen Temperaturanstiege von bis zu 50 Grad über dem Normalwert in rund 30 Kilometern Höhe über der Antarktis. Dadurch wird der stratosphärische Polarwirbel, eine gigantische Luftzirkulation, aus dem Gleichgewicht gebracht. Normalerweise wirkt dieser Wirbel wie ein Wächter, der die kalte Luft über dem Pol festhält. Gerät er ins Straucheln, kann eisige Luft in die mittleren Breiten entweichen – mit Folgen für Länder wie Australien, wo erste Vorhersagen bereits ungewöhnlich kalte Ausbrüche andeuten. Auch eine La-Nina-Phase könnte in der nächsten Zeit Extremwetter bescheren.
Von der Stratosphäre bis zum Alltag – Großer Einfluss auf unser Wetter
Das Entscheidende an solchen Ereignissen ist die Verbindung zwischen Stratosphäre und Troposphäre, also der Wetterschicht, in der wir leben. Veränderungen in 30 Kilometern Höhe können sich über Wochen nach unten fortpflanzen und die alltäglichen Wetterlagen umkrempeln. Hochdruckgebiete übernehmen dann oft die Polarregionen, während Tiefdruckgebiete und Kaltluftmassen nach Norden verdrängt werden. So könnten sich blockierende Wetterlagen entwickeln, die in Australien und Südamerika Frost und Schnee verstärken. Doch die Auswirkungen bleiben nicht auf die Südhalbkugel beschränkt: Wissenschaftliche Studien zeigen, dass starke Erwärmungen über der Antarktis die Zirkulation bis in die Nordhalbkugel beeinflussen können – über ein globales Strömungssystem namens Brewer-Dobson-Zirkulation. Messungen nach dem letzten Großereignis 2019 belegten deutliche Störungen bis in die Ionosphäre über den USA und Europa.
Blick nach Norden: Winter 2025/26 im Fokus
Was bedeutet das für uns auf der Nordhalbkugel? Analysen der vergangenen Jahrzehnte deuten darauf hin, dass eine massive stratosphärische Erwärmung über dem Südpol Monate später Wetteranomalien im Norden verstärken kann. So zeigte sich in den USA nach ähnlichen Ereignissen ein Muster kälterer Wintertemperaturen, während Europa tendenziell mildere Bedingungen erlebte. Zwar handelt es sich nicht um eine direkte Ursache-Wirkung-Kette, doch Meteorologen sehen in solchen Zusammenhängen wertvolle Indizien. Der aktuelle Südpol-SSW könnte daher das globale Wettersystem bis in unseren Winter hinein prägen – und möglicherweise in Kombination mit dem prognostizierten La-Niña-Muster extreme Kälteperioden in Nordamerika und wechselhafte Bedingungen in Europa begünstigen. Sicher ist: Der ungewöhnliche Energieausbruch über der Antarktis wird noch lange Wellen schlagen. Kürzlich haben Forschende zudem eine weitere besorgniserregende Entwicklung beim Temperaturanstieg entdeckt.
Rubriklistenbild: © IMAGO / Arnulf Hettrich
