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Könnten Affenpocken in Deutschland heimisch werden? Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim spricht über die Gefahren von 500.000 unerforschten Viren im Angesicht von Globalisierung und Klimawandel.
Deutschland – Erst Corona, dann Affenpocken – Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim beginnt ihren Beitrag auf dem, für funk produzierten YouTube-Kanal maiLab passend. „Ich weiß, gerade hat niemand Lust, was über ein neues Virus zu erfahren“, so die 34-jährige Heppenheimerin, die sich im Folgenden sachlich durch die Thematik der Affenpocken hindurcharbeitet, die Frage einer möglichen Pandemie mit dem Virus beleuchtet und nicht zuletzt aufzeigt, weshalb der heutige Lebenswandel, die Globalisierung und die Veränderungen des Klimas das Risiko eines zweiten Corona deutlich erhöhen können.
Affenpocken in Deutschland: „Wäre megadumm, darüber die Kontrolle zu verlieren“
Unprätentiös und praxisorientiert, so widmet sich die erfolgreiche YouTuberin den Affenpocken, die momentan mit mehreren Fällen in Europa von sich reden machen. Die gegenwärtig kursierende, westafrikanische Variante sei grundsätzlich von milden Verläufen gekennzeichnet, sowohl Medikamente als auch eine Impfung wären im Ernstfall schnell realisierbar. Allerdings müsse sowohl bedacht werden, dass die Pusteln, die das Affenpockenvirus auslöst, Narben und – wenn sie sich im Auge bilden – Sehschäden hinterlassen können, als auch, dass bei immungeschwächten Menschen durchaus schwere Verläufe und Todesfälle möglich seien. Bereits insofern, so die Trägerin des Bundesverdienstordens, „wäre es jetzt echt megadumm, darüber die Kontrolle zu verlieren“.
In den Fokus setzt Nguyen-Kim jedoch die ungewöhnliche Ausbreitung der momentanen Affenpocken-Welle, bei der „so viele Fälle gleichzeitig in nicht endemischen Ländern auftreten, ohne erkennbare Verbindung zu Westafrika.“ Hierfür macht die promovierte Chemikerin drei, möglicherweise kombinierte Ursachen aus. Einerseits könnte die verhältnismäßig starke Verbreitung mit der nachlassenden Immunität der Bevölkerung zusammenhängen, denn seit den 1980er Jahren sind in der Regel keine Pockenimpfungen – die eine Kreuzimmunität auch gegen Affenpocken mit sich bringen – mehr durchgeführt worden. Andererseits könnte das DNA-Virus schlichtweg mutiert sein und sich besser an den Menschen, der an sich nicht der richtige Wirt der Affenpocken ist, angepasst haben.
Als dritte, potenzielle Ursache weist die YouTuberin auf den Wandel hin, den Gesellschaft und Erde in den letzten Dekaden durchlaufen haben. „Klimawandel, Abholzen von Wäldern“, sowie immense Eingriffe und Veränderungen der Ökosysteme würden dazu führen, dass nicht nur in der Fauna Lebewesen aufeinandertreffen könnten, die bislang keine Berührungspunkte hatten – und damit die „Gelegenheit, um Krankheitserreger auszutauschen“, bekämen; insbesondere auch Menschen würden potenziell dem Kontakt mit Spezies ausgesetzt werden, im Zuge dessen Viren überspringen könnten.
Affenpocken nur der Anfang? YouTuberin warnt vor Fehlkommunikation, Mutationsrisiko – und 500.000 unerforschten Viren
Dieser Aspekt ist die zweite Säule, auf die Nguyen-Kim ihren Appell, die Affenpocken ernst zu nehmen, stützt. „Weil man letztendlich mit jeder Infektion einem Virus die Chance gibt, zu mutieren“, sei es wichtig, einen großflächigen Ausbruch der Affenpocken zu vermeiden. Gerade die Möglichkeit, das Virus könne sich an den Menschen anpassen, aber auch die Option, es fände in Europa einen geeigneten, tierischen Wirt, könnten dazu führen, dass die Affenpocken endemisch würden und fortan mit dem wiederkehrenden Auftreten der, dann heimischen Krankheit zu rechnen sei.
Hierbei betont Nguyen-Kim, die seit 2020 dem Senat des Max-Planck-Instituts angehört, dass insbesondere die Kommunikation hinsichtlich des Virus besondere Bedeutung hat. Vor allem das gehäufte Vorkommen von Affenpockeninfektionen bei Männern, die gleichgeschlechtlichen Sexualverkehr haben, dürfe nicht zu einer Stigmati- oder Tabuisierung des Virus führen. „Korrelation ist nicht gleich Kausalität“, gibt Nguyen-Kim zu bedenken, „Viren wissen ja nichts von sexueller Orientierung. Sie übertragen sich da, wo Kontakt ist.“
Für einen pandemischen Ausbruch der Affenpocken gäbe es bislang zwar „momentan keinen Grund zur Annahme“, allerdings statuiere die Forschungsinitiative Global Virome Project, dass es noch 500.000 bislang unbekannte Zoonosen gäbe, „also Viren, die von Tieren auf Menschen überspringen können. Die können harmlos sein – die können auch schlimmer sein als Corona“. Die Globalisierung, Veränderung der Ökosysteme, der Klimawandel und weitere, menschengemachte Modifikationen natürlicher Prozesse würden das „Russisch Roulette“ allerdings extrem befördern, da hierdurch „immer öfter und schneller an der Revolvertrommel“ gedreht würde. „Angst und Panik“, so Nguyen-Kim, seien „natürlich nie sinnvoll, aber ernst nehmen sollten wir die Gefahr einer zweiten Pandemie unbedingt – wenn nicht durch Affenpocken, dann halt durch eine[s] der anderen 500.000 unentdeckten Viren“. (askl)
Rubriklistenbild: © Henning Kaiser picture alliance/dpa
