Mehr als 70 % der Bevölkerung

Gigantische Corona-Welle in China: Experte rechnet mit einer Milliarde Infizierten

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Auch wenn in einigen Städten der Höhepunkt der Welle bereits erreichen sein dürfte: Der Corona-Tsunami hat China weiter im Griff. Auch das Ausland reagiert.

München/Peking – Das hatten sich viele Chinesen anders vorgestellt: Da fordern westliche Regierungen und Experten seit Monaten, China solle endlich seine Corona-Maßnahmen fallen lassen und sich dem Rest der Welt öffnen – und kaum macht China genau das, gehen in vielen Ländern auf einmal die Schlagbäume runter. Japan etwa begrenzte die Anzahl der Flüge aus China, Marokko erließ gar ein generelles Einreiseverbot für Menschen aus der Volksrepublik. Andere Staaten, darunter Australien, Kanada, Frankreich, Großbritannien und die USA, verlangen von Reisenden aus China einen negativen Corona-Test. Mit Trips ins Ausland könnte es also schwierig werden in der nächsten Zeit, und das, obwohl die Regierung in Peking wieder Reisepässe ausstellen und die Quarantänepflicht für Reiserückkehrer Ende der Woche aufheben will. „Ungerecht“, schreibt ein Nutzer auf Chinas Social-Media-Plattform Weibo; ein anderer fühlt sich „diskriminiert“.

Alle jene Länder, die Einreisebeschränkungen erlassen haben, begründen das mit der gigantischen Corona-Welle, die derzeit durch die Volksrepublik schwappt. China hatte am 7. Dezember überraschend beschlossen, fast alle Corona-Beschränkungen aufzuheben, nach drei Jahren Null-Covid-Politik mit Massentests, Lockdowns und Ausgangssperren. Seitdem dürften sich Hunderte Millionen Chinesen mit dem Virus infiziert haben, Tausende gestorben sein – offizielle Ansteckungszahlen veröffentlicht Chinas Gesundheitsbehörde seit Kurzem nicht mehr, und in die Todesstatistiken fließen nur Corona-Infizierte ein, die an einer Lungenentzündung oder an Atemversagen gestorben sind. Internen Schätzungen der Behörde zufolge haben sich alleine in den ersten drei Dezember-Wochen 248 Millionen Menschen in China mit dem Virus infiziert; mittlerweile dürften es deutlich mehr sein, am Ende der aktuellen Welle wird sich Prognosen zufolge fast jeder in China angesteckt haben.

Experte: Es drohen eine Milliarde Infizierte

Der Epidemiologe Ben Cowling von der Universität Hongkong etwa rechnet mit einer Milliarde Infizierten – alleine in diesem Winter. Das wären mehr als 70 Prozent der chinesischen Bevölkerung. „So hochansteckend wie Omikron jetzt ist, kann man sich schwer niedrigere Infektionsraten vorstellen“, sagte Cowling der Tagesschau. Bereits Anfang Dezember, zu Beginn der Öffnung, hatte der frühere Vizedirektor von Chinas Gesundheitsbehörde, Feng Zijian, prognostiziert, dass sich sogar 80 bis 90 Prozent der Chinesen infizieren würden. „Egal, wie die Maßnahmen angepasst werden, die meisten von uns werden sich einmal infizieren“, sagte Feng damals laut Staatsmedien.

Chinas Staats- und Parteichef: So stieg Xi Jinping zum mächtigsten Mann der Welt auf

Chinas heutiger Staatschef Xi Jinping (2. von links) mit anderen Jugendlichen im Mao-Anzug
Xi Jinping wurde am 15. Juni 1953 in Peking geboren. Als Sohn eines Vize-Ministerpräsidenten wuchs er sehr privilegiert auf. Doch in der Kulturrevolution wurde er wie alle Jugendlichen zur Landarbeit aufs Dorf geschickt. Das Foto zeigt ihn (zweiter von links) 1973 mit anderen jungen Männer in Yanchuan in der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Dort soll Xi zeitweise wie die Einheimischen in einer Wohnhöhle gelebt haben. © imago stock&people
Xi Jinping steht vor der Golden Gate Bridge in San Francisco
Xi Jinping 1985 vor der Golden Gate Bridge in San Francisco: Damals war er als junger Parteichef des Landkreises Zhengding in der nordchinesischen Agrarprovinz Hebei Delegationsleiter einer landwirtschaftlichen Studienreise nach Muscatine im US-Bundesstaat Iowa. Dort nahm die Gruppe nach offiziellen Berichten „jeden Aspekt der modernen Landwirtschaft unter die Lupe“. Anschließend reiste Xi weiter nach Kalifornien. Es war sein erster USA-Besuch. © imago stock&people
Xi Jingping und Peng Liyuan
Zweites Eheglück: Xi Jinping und seine heutige Ehefrau, die Sängerin Peng Liyuan, Anfang 1989. Zu dieser Zeit war Xi Vizebürgermeister der ostchinesischen Hafenstadt Xiamen. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Xis erste Ehe war nach nur drei Jahren an unterschiedlichen Lebenszielen gescheitert. Seine erste Frau, die Diplomatentochter Ke Lingling, zog in den 1980er-Jahren nach Großbritannien. © imago
Xi Jinping gräbt mit Parteikollegen an einem Damm zur Verstärkung eines Deiches in Fujian
Aufstieg über die wirtschaftlich boomenden Küstenregionen: 1995 war Xi Jinping bereits stellvertretender Parteichef der Taiwan gegenüberliegenden Provinz Fujian – und noch ganz volksnah. Im Dezember 1995 arbeitet er mit an der Verstärkung eines Deiches am Minjiang-Fluss. © Imago/Xinhua
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt Chinas Vizepräsident Xi Jinping das Regierungsviertel in Berlin
Vizepräsident Xi Jinping 2009 im Kanzleramt bei Angela Merkel: Die deutsch-chinesischen Beziehungen waren unter Merkel relativ eng und von wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Merkel und Xi reisten aus Berlin weiter nach Frankfurt, um die dortige Buchmesse zu eröffnen. China war als Ehrengast geladen. © GUIDO BERGMANN/Pool/Bundesregierung/AFP
Die Vizepräsidenten Xi Jinping aus China und Joe Biden aus den USA halten T-Shirts mit einer Freundschaftsbekundung in die Kamera
Ein Bild aus besseren Zeiten: Aus ihrer jeweiligen Zeit als Vizepräsidenten kamen Joe Biden und Xi Jinping mehrmals zusammen. Im Februar 2012 demonstrierten sie bei einer Reise Xis nach Los Angeles in einer Schule „guten Willen“ zur Freundschaft mit T-Shirts, die ihnen die Schüler überreicht hatten. Damals fehlten Xi nur noch wenige Monate, um ganz an die Spitze der Kommunistischen Partei aufzusteigen. © FREDERIC J. BROWN/AFP
Ein alter Mann in Shanghai schaut auf Xi bei seiner ersten Rede als Parteichef im Fernseher.
Xi Jinping hat es geschafft: Zum Ende des 18. Parteitags am 15. November 2012 wurde Xi als neuer Generalsekretär der Kommunisten präsentiert – und ganz China schaute zu. Xi gelobte in seiner ersten kurzen Rede als Parteichef, die Korruption zu bekämpfen und ein „besseres Leben“ für die damals 1,3 Milliarden Menschen des Landes aufzubauen.  © PETER PARKS/AFP
Der neue Staatschef Xi Jinping geht hinter seinem Vorgänger Hu Jintao zu seinem Platz in der Großen Halle des Volkes in Peking.
Übernahme auch des obersten Staatsamtes: Xi Jinping wurde auf dem Nationalen Volkskongress im März 2013 Präsident und schloß damit den Übergang von seinem Vorgänger Hu Jintao (vorn im Bild) zur Xi-Ära ab. © GOH CHAI HIN/AFP
Chinas Präsident und seine Ehefrau Peng Liyuan gehen über den Flughafen Orly in Paris.
Xi Jinpings Ehefrau Peng Liyuan ist die erste First Lady Chinas, die auch öffentlich in Erscheinung tritt. Hier kommt das Ehepaar zu einem Staatsbesuch in Frankreich an. Die Gattinnen von Xis Vorgängern hatten sich nie ins Rampenlicht gedrängt. Vielleicht auch, weil Maos politisch aktive dritte Ehefrau Jiang Qing nach dem Tod des „Großen Vorsitzenden“ als Radikale verurteilt worden war. © YOAN VALAT/Pool/AFP
Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas auf dem Weg zum Parteitag in Peking
So sehen KP-Funktionäre aus: Delegierte des 19. Parteitags auf dem Weg zur Großen Halle des Volkes in Peking im Oktober 2017. Auf diesem Parteitag gelang es dem Staats- und Parteichef, seine „Xi Jinping-Gedanken zum Sozialismus Chinesischer Prägung in der Neuen Ära“ in die Parteiverfassung aufzunehmen. Er war der erste nach Mao, der zu Lebzeiten in der Verfassung eine Theorie mit seinem Namen platzieren konnte. Einen Kronprinzen präsentierte Xi auf dem Parteitag nicht – entgegen den normalen Gepflogenheiten. © GREG BAKER/AFP
Xi Jinping nimmt in einer Staatslimousine „Rote Fahne“ die Parade zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ab.
70 Jahre Volksrepublik China: Staatschef Xi Jinping nahm 2019 in einer offenen Staatslimousine Marke „Rote Fahne“ die Militärparade in Peking zum Jahrestag der Staatsgründung ab. © GREG BAKER/AFP
Wirtschaftsforum in Wladiwostok
Xi Jinping pflegt eine offene Freundschaft zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin – bis heute, trotz des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Putin und Xi teilen die Abneigung gegen die von den USA dominierte Weltordnung. Hier stoßen sie 2018 bei einem gemeinsamen Essen auf dem Wirtschaftsforum von Wladiwostok, auf dem sich Russland als Handelspartner und Investitionsziel im asiatischen Raum präsentierte, miteinander an. © Sergei Bobylev/POOL TASS Host Photo Agency/dpa
Xi Jinping besucht im weißen Kittel ein Labor und lässt sich die Impfstoffentwicklung erklären
Ende 2019 brach in China die Corona-Pandemie aus. Im April 2020 informierte sich Xi Jinping in einem Labor in Peking über die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung. Xi ist bis heute überzeugt, dass China die Pandemie besser im Griff hat als der Rest der Welt. Seine Null-Covid-Politik beendet er nicht, wohl auch wegen der viel zu niedrigen Impfquote unter alten Menschen. © Ding Haitao/Imago/Xinhua
Xi Jinpings Konterfei lächelt von einem Teller mit rotem Hintergrund
Auf dem 20. Parteitag im Oktober 2022 ließ sich Xi Jinping zum dritten Mal zum Generalsekretär der Kommunisten ernennen. Damit ist er der mächtigste Parteichef seit Mao Zedong. © Artur Widak/Imago

Corona in China: Xi Jinping ruft zum Durchhalten auf

Mit dem Ende der Corona-Maßnahmen entfiel auch die flächendeckende Testpflicht, die über Jahre ein alltäglicher Begleiter vieler Chinesen war. Auch deshalb ist es so schwer zu sagen, wie die Corona-Lage im Land derzeit genau aussieht. In einigen Städten und Provinzen könnte der Höhepunkt der Welle allerdings bereits überschritten sein. So berichteten Staatsmedien am Sonntag über Umfragen regionaler Gesundheitsbehörden in den Provinzen Sichuan, Hainan und Zhejiang, nach denen in mehreren Städten mehr als die Hälfte der Befragten angegeben habe, sich bereits infiziert zu haben. Teilweise soll die Infektionsrate bei fast 70 Prozent liegen.

Berechnungen von Wissenschaftlern aus Shanghai besagen zudem, dass die Coronawelle in den Millionenstädten Peking, Shanghai und Chongqing zum Jahresende ihren Höhepunkt erreicht hat, in der Metropole Guangzhou im Süden des Landes sogar bereits Ende November. Die Forscher der Jiao Tong University und des Ruijin-Krankenhauses vermuten allerdings, dass vielen ländlichen Regionen Chinas die große Welle noch bevorsteht. Vor allem am Chinesischen Neujahrsfest, wenn um den 22. Januar herum Hunderte Millionen Menschen zu ihren Verwandten aufs Land fahren, dürfte sich die Corona-Lage noch einmal deutlich verschärfen. Dann könnten junge, infizierte Stadtbewohner für die ältere Landbevölkerung zur Gefahr werden; hinzu kommt, dass das Gesundheitswesen in vielen ärmeren Gebieten unzureichend entwickelt ist.

Am Pariser Flughafen Charles de Gaulle wird einem Reisenden aus China am Neujahrstag eine Virusprobe entnommen.

Während in vielen Städten im ganzen Land schon jetzt die Krankenhäuser unter der Last der Infizierten ächzen und die Krematorien nicht mehr mit dem Einäschern der Verstorbenen hinterherkommen, ruft Staats- und Parteichef Xi Jinping zum Durchhalten auf. „Das Licht der Hoffnung liegt direkt vor uns“, sagte Xi am Samstag in einer ungewöhnlich offenen Neujahrsansprache. In seiner knapp 15-minütigen Rede ging Xi indirekt erstmals auch auf die Proteste von Ende November ein, die mutmaßlich zum Ende seiner Null-Covid-Politik beigetragen haben. „Es ist nur natürlich, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Sorgen haben oder unterschiedliche Ansichten zu ein und demselben Thema vertreten“, so Xi. Wichtig sei es nun aber, zusammenzustehen. „Lassen Sie uns eine zusätzliche Anstrengung unternehmen, denn Beharrlichkeit und Solidarität bedeuten den Sieg.“

Erneuter Lockdown: Stimmen Sie mit ab.

Entsteht in China eine neue Virusvariante?

Im Ausland wachsen derweil die Befürchtung, in China könnte angesichts der aktuellen Corona-Welle eine neue Virusvariante entstehen. Bei einem Treffen mit Vertretern chinesischer Gesundheitsbehörden am Freitag forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) detailliertere und schnellere Lageberichte zum Infektionsgeschehen in der Volksrepublik ein. Wichtig seien unter anderem Daten zur genetischen Sequenzierung positiv getesteter Fälle, um mögliche neue Varianten frühzeitig erkennen zu können.

Der deutsche Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen fordert unterdessen ein „Mutationsvarianten-Monitoring“, wie es Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach bereits angekündigt hatte. „Eine große Anzahl von Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert ist, bietet dem Virus viele Gelegenheiten, sich zu verändern“, sagte Dahmen der Welt. „Neue, sehr viel gefährlichere Virusvarianten sind zwar eher unwahrscheinlich, aber möglich.“ Von Einreisebeschränkungen, wie sie andere Länder bereits erlassen haben, hält der Grünen-Politiker allerdings nichts. Angesichts der hohen Infektionszahlen in China sei es „unrealistisch“, die Ausbreitung des Virus aufzuhalten. Auch Politiker der anderen Ampel-Parteien SPD und FDP wollen derzeit keine Beschränkungen für Reisende aus China einführen.

Kritik am Zögern der Bundesregierung kommt aus der Opposition. So fordert etwa Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek, die Einführung von Reisebeschränkungen in Erwägung zu ziehen. Derzeit sind in China mehrere Omikron-Subvarianten vorherrschend. Experten gehen davon aus, dass der Großteil der Bevölkerung in Deutschland durch eine Impfung oder Infektion bereits immun gegen diese Varianten ist.

Rubriklistenbild: © Julien de Rosa/AFP

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