Schwere Vorwürfe von Bauarbeiter

„Ein solches Massaker hat es hier noch nie gegeben“: Wut und Trauer nach Baustellen-Einsturz in Italien

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Tag der Trauer in Florenz. Und die Suche unter den Trümmern der Supermarkt-Baustelle läuft noch. Derweil werden wütende Stimmen laut und Details bekannt.

Update vom 17. Februar, 19.00 Uhr: Nach wie vor ist nicht klar, wie genau es zu dem Einsturz auf der Baustelle an der Via Mariti kommen konnte. Ermittler sind aktuell dabei, den Ablauf des tragischen Vorfalls zu rekonstruieren.

Indes hat die italienische Arbeitsministerin Marina Calderone angekündigt, der Stadt morgen einen Besuch abzustatten, um die Beileidsbekundungen der Regierung zu übermitteln, so La Nazione. „Jetzt kommt es darauf an, dass der Staat seinen Teil dazu beiträgt“, erklärte Bürgermeister Dario Nardella im Zuge der Ankündigung von Calderones Besuch.

Schweigeminute nach Unfall auf Baustelle – Papst drückt den Opfern in Schreiben sein Beileid aus

Update vom 17. Februar 2024, 15.45 Uhr: Der Papst drückte den Opfern und Familien des Baustellen-Einsturzes in Florenz seine Anteilnahme aus und dankte allen, die an den Rettungsmaßnahmen beteiligt sind. Er hoffe auf „ein stärkeres Engagement für die Gewährleistung der Sicherheit am Arbeitsplatz“, so der Pontifex weiter.

Um drei Uhr nachmittags fand vor dem Palazzo Vecchio eine Schweigeminute zum Gedenken der bei dem Unfall Verstorbenen statt. „Ich denke, die ganze Stadt ist von dieser Tragödie sehr betroffen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in unserer Stadt jemals einen so schweren Arbeitsunfall gegeben hat.“, zitiert La Nationen Bürgermeister Dario Nardella.

Einsturz auf Supermarkt-Baustelle in Italien fordert mehrere Todesopfer

Originalmeldung vom 17. Februar: Florenz – Mindestens vier Menschen sind beim Einsturz einer Supermarkt-Baustelle in Florenz gestorben. Der Schock in Italien ist groß, am Samstag wurde eine Stadttrauer in der Hauptstadt der Toskana ausgerufen. Und das, während Feuerwehrleute im Schutt der geplanten Esselunga-Filiale noch immer nach einem vermissten Mann graben. Im Herzen des pulsierenden Arbeiterviertels Novoli.

Unglück an Supermarkt-Baustelle schockiert Italien: Medien aus Florenz sprechen von „Massaker“

„Ein solches Massaker hat es hier noch nie gegeben“, schreibt die Lokalzeitung La Nazione. Augenzeugen berichten dem Blatt zufolge von erschreckende Szenen, die sich auf der Baustelle abgespielt haben. „Ein Erdbeben, ich dachte sofort an ein Erdbeben. Dann diese Schreie. So stark, grausam, dass ich sie immer noch in meinen Ohren hören kann“, sagt eine Frau, die in einem Friseursalon in der Straße arbeitet.

Großeinsatz und Ermittlungen nach Einsturz von Supermarkt-Baustelle in Florenz.

Die Bardame eines nahegelegenen Cafés berichtet von „Gebrüll und Schreien“. Nur wenige Stunden vor dem Unglück hatte sie die Arbeiter noch bewirtet. „Um sechs Uhr tranken sie Kaffee und lächelten …“, erzählt sie. Dann der folgenschwere Einsturz eines tonnenschweren Stahlbetonträgers.

Bauarbeiter berichtet von Zusammenbruch der Baustelle: „Ich bin ins Leere gefallen, es war die Hölle“

Etliche Passanten haben den Unfall mitangesehen. Zwei von ihnen erzählen, sie hätten noch ein blutverschmiertes und mit Staub verdrecktes Gesicht gesehen. „Wir schauten auf den Zaun und sahen einen verletzten Mann. Er wollte aufstehen, aber wir sagten ihm: Beweg dich nicht, bleib ruhig, der Krankenwagen kommt“, sagen sie. Rund zehn Minuten später waren die ersten Rettungskräfte vor Ort.

Drei Männer konnte die Feuerwehr lebend aus den Trümmern bergen. Einer von ihnen, Cristinel Spataru, sprach am Morgen darauf aus dem Krankenhaus heraus mit La Nazione. Er erinnert sich: „Ich bin ins Leere gefallen, es war die Hölle.“ Der rumänische Gastarbeiter war gerade dabei gewesen, Beton auf das Eisengitter des Dachs zu gießen, als alles um ihn herum einstürzte. Dass er weiter oben stand, als seine drei verstorbenen Kollegen, hat ihm vermutlich das Leben gerettet.

Heftige Vorwürfe nach Einsturz von Supermarkt-Baustelle: „Im Balken kein Eisen“

Zwei Stockwerke hat der Betonpylon mitgerissen, ein drittes zum Einsturz gebracht. Wie konnte das passieren? In Italien wurden direkt kritische Stimmen laut. Verschiedene Medien vermuten entweder Materialmängel oder schlechtes Design. Bauarbeiter Spataru hat eine Vermutung und damit einen schweren Vorwurf: „Sie sehen, dass sich im Balken kein Eisen befand.“

Der Gewerkschaftsbund CGIL spricht von vertraglichen Ungereimtheiten auf der Baustelle. „Die Opfer sind Arbeiter, für die Metallarbeitsverträge galten, die aber Bauarbeiten ausführten“, sagt Sekretär Daniele Calosi zu La Nazione: „Es wird ein Vertrag verwendet, der geringere Kosten verursacht, um Geld zu sparen.“ Die Männer, die in das Unglück auf der Supermarkt-Baustelle verwickelt wurden, sind laut Medienberichten größtenteils aus Rumänien.

Die Staatsanwaltschaft hat sich bereits ein Bild von der Baustellen-Ruine gemacht. Und schließt ein Fremdverschulden nicht aus, ermittelt wegen mehrfachen Totschlags.

Bürgermeister und Innenminister sprechen von Problemen – Gewerkschaften rufen zum Streik auf

„Seit Jahren prangern wir das gigantische Problem der Vergabe von Unteraufträgen an“, sagt der Bürgermeister von Florenz, Dario Nardella, in einem Interview mit Corriere della Sera. Er betont: „Jetzt ist die Zeit der Trauer, aber ab morgen müssen wir ernsthaft und ein für alle Mal sagen: Wir sind es leid, zu weinen.“ Auch Innenminister Matteo Piantedosi fordert mehr Sicherheit auf Baustellen und sagt: „Offensichtlich ist in diesem Fall etwas nicht gut gelaufen.“

Die Gewerkschaften CGIL und UIL haben derweil zum landesweiten Streik am Mittwoch (21. Februar) aufgerufen. Sie sprechen von „einer weiteren unerträglichen Tragödie am Arbeitsplatz“ und stellen klar: „Wir müssen die Blutspur stoppen und wir müssen es jetzt tun. Den Schutz von Leben an oberste Stelle setzen.“ (moe)

Rubriklistenbild: © Vigili del Fuoco

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