VonMoritz Bletzingerschließen
40 Jahre nach ihrer Entführung aus dem Vatikan nimmt der Fall um Emanuela Orlandi wieder Fahrt auf. Der Papst will „Klarheit schaffen“.
Rom/München – Am 22. Juni 1983 kehrte die damals 15-jährige Emanuela Orlandi nicht vom Musikunterricht nach Hause zurück. Seitdem fehlt von ihr jede Spur. Mutmaßlich wurde sie entführt, eine Leiche ist bis heute nicht aufgetaucht. Der Fall gilt als eines der größten Rätsel der italienischen Kriminalgeschichte. Der Vatikan wird mit dem vermissten Mädchen in Verbindung gebracht.
Emanuela Orlandi seit 40 Jahren vermisst: Vatikan rollt Vermissten-Fall aus Rom wieder auf
Orlandi ist oder war Tochter eines Kurien-Angestellten. Etliche Gerüchte und Theorien um die Rolle der katholischen Kirche entstanden. Sie reichen von einem Verbrechen eines hochrangigen Geistlichen, über die Mafia bis hin zu einer türkischen Terrororganisation.
Emanuela Orlandis Bruder, Pietro, kämpft für die Aufklärung. Er will endlich Gewissheit. Im Januar 2023 hat der Vatikan auf den öffentlichen Druck reagiert und den Fall wieder aufgenommen. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft des Kirchenstaats wieder und geht damit dem Wunsch der Familie nach. Die Veröffentlichung der Netflix-Serie „Vatican Girl“ machte zusätzlich Druck.
Ermittlungen ohne Rücksicht auf die Kirche: Bruder von Vermisster sagt acht Stunden lang aus
Am Mittwoch (12. April) sagte Pietro Orlandi volle achte Stunden im Vatikan aus, berichtete die Zeitung Corriere Della Serra. Mit Vatikan-Staatsanwalt Alessandro Diddi wälzte Orlandi alte Dokumente, diskutierte über Hinweise. Zwei Jahre lang musste er auf das Treffen warten.
„Ich habe ihm eine Liste von Kardinälen vorgelegt, die befragt werden sollen“, verriet Orlandi danach. Die Kirche verspreche, bei den Ermittlungen auch die eigenen Reihen nicht auszulassen. Der Papst habe den Auftrag erteilt, in alle Richtungen zu ermitteln und keine Rücksicht zu nehmen.
Papst befiehlt Aufklärung im Fall Emanuela Orlandi – Staatsanwalt spricht von ersten Ergebnissen
Der Befehl kommt von der absolut höchsten Stelle. Es sei „Wunsch und Wille“ des Papstes, „ohne Vorbehalt Klarheit zu schaffen“, erklärte Diddi am Dienstag in einem Interview mit Corriere Della Serra. „Sowohl der Heilige Vater als auch Kardinal Parolin haben mir größtmögliche Handlungsfreiheit zugestanden, um ohne jegliche Beeinflussung und mit der festen Aufforderung, nichts zu verschweigen, umfassend zu ermitteln.“
„Ich bin auf große Bereitschaft gestoßen, die Dinge zu klären“, berichtete Orlandi den italienischen Medienvertretern nach seinem Aussage-Marathon im Vatikan. Diddi sagte, die neuen Ermittlungen hätten bereits „erste Ergebnisse“ gebracht.
Neue Hinweise gibt es auch im Fall um die seit 2019 vermisste Rebecca Reusch aus Berlin. Bei einer Hausdurchsuchung geriet der Schwager erneut in den Fokus der Ermittlungen. Rebeccas Mutter äußerte sich zu einem verdächtigen Kleidungsstück, das in der Wohnung gefunden wurde.
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