VonMartina Lipplschließen
Seit 40 Jahren gibt es keine Spur von Emanuela Orlandi. Der große Bruder ist jedoch weiter auf der Suche nach der Wahrheit. Das ruft Papst Franziskus auf den Plan.
Vatikan – Der Vermisstenfall Emanuela Orlandi gehört wohl zu einem der mysteriösesten Kriminalfälle der italienischen Geschichte. Hinter den Vatikanmauern brodelt es jetzt aber gewaltig. Emanuelas Bruder Pietro hat schwere Anschuldigungen gegen den verstorbenen Papst Johannes Paul II. erhoben. Papst Franziskus ist empört.
Mysteriöser Kriminalfall: Emanuela Orlandi ist seit Juni 1983 verschwunden
Emanuela Orlandi ist vor 40 Jahren spurlos verschwunden. Die damals 15-jährige Tochter eines Vatikan-Dieners kehrte nach einer Musikstunde am 22. Juni 1983 nicht nach Hause zurück. Mutmaßlich soll Emanuela Orlandi entführt und ermordet worden sein, so eine der populärsten Theorien. Auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen wurden sogar Gräber und Beinhäuser hinter den Vatikanmauern geöffnet. Doch bislang ist das Rätsel ungelöst. Die italienische Justiz stellte die Ermittlungen im Jahr 2015 ergebnislos ein.
Vermisstenfall Emanuela Orlandi: Bruder erhebt schwere Vorwürfe gegen Vatikan
Pietro Orlandi lässt das Schicksal seiner Schwester nicht los. Der heute 66-Jährige war der Letzte der Familie, der Emanuela vor ihrem Verschwinden sah. So ist es wohl kaum verwunderlich, dass sich Orlandi seit Jahrzehnten für die Aufklärung einsetzt. Emanuelas großer Bruder erhob jetzt schwere Vorwürfe in italienischen TV-Sendungen.
So deutete Orlandi im Fernsehen an, dass Johannes Paul II. (1978 bis 2005) in das Verschwinden Emanuelas verwickelt gewesen sei. Er rückte den verstorbenen Papst in die Nähe von organisiertem Verbrechen und Pädophilie. Orlandi erzählte im TV, ihm sei von abendlichen Ausflügen des Papstes berichtet worden. Die Aussage sorgte offenbar für ein Beben im Vatikan. Papst Franziskus reagierte prompt.
Vermisstenfall Orlandi: Papst Franziskus schaltet sich ein
Die Schlussfolgerungen seien „beleidigend und unbegründet“, sagte Franziskus am Barmherzigkeitssonntag nach dem Regina Coeli, auf dem Petersplatz in Rom, wie vaticannews.va berichtet. Franziskus dürfte sich in seinen Worten am Sonntag (16. April) auf die Aussagen von Pietro Orlandi bezogen haben, schreibt vaticannews.va.
„In der Gewissheit, die Gefühle der Gläubigen in der ganzen Welt zu deuten, richte ich einen dankbaren Gedanken an das Andenken des heiligen Johannes Paul II., der in diesen Tagen Gegenstand beleidigender und unbegründeter Schlussfolgerungen ist.“
Emanuela Orlandi: Vatikan ermittelt erneut im Vermisstenfall
Dabei hatte der Vatikan Anfang 2023 wieder Ermittlungen im Vermisstenfall Emanuela Orlandi aufgenommen. Seitdem befragt die Staatsanwaltschaft des Kirchenstaats Zeugen. Pietro Orlandi soll am Mittwoch (12. April 2023) acht Stunden im Vatikan vor dem Untersuchungsrichter ausgesagt haben.
Aufklärung im Fall Emanuela Orlandi stehe an oberster Stelle. Es sei „Wunsch und Wille“ des Papstes, „ohne Vorbehalt Klarheit zu schaffen“, erklärte der vatikanische Staatsanwalt Alessandro Diddi zuvor am Dienstag (11. April 2023) in einem Interview mit Corriere Della Serra. Es solle keine Rücksicht genommen werden.
Pietro Orlandi und die Anwältin der Familie haben jedoch keine Quelle der Andeutungen und Gerüchte genannt, teilt vaticannews.va mit. Orlandis Anwältin Laura Sgrò habe am Samstag (15. April 2023) beim vatikanischen Staatsanwalt im Vatikan vorgesprochen, aber keine Namen oder Beweise unter Verweis auf das Berufsgeheimnis genannt.
„Für die vatikanische Justiz wäre es wichtig gewesen, die Quelle der von Orlandi berichteten Gerüchte zu kennen. Leider ist dies nicht geschehen“, zitiert Vatican News Paolo Ruffini, den Chef der Kommunikationsbehörde.
Erzbischof Gänswein spricht über das Verschwinden von Emanuela Orlandi
Vielleicht bewegt sich gerade wegen dieser Gerüchte endlich etwas im Vermisstenfall Emanuela Orlandi. Erzbischof Georg Gänswein hofft auf eine „endgültige Antwort.“ Der italienischen TV-Sendung „Verissimo“ erzählte Gänswein über ein Treffen mit Emanuelas Bruder Pietro und dessen späteren Vorwürfen, Gänswein habe ein Dossier zu dem Fall. Das bestritt der ehemalige Privatsekretär von Papst Benedikt XVI. im Interview am Sonntag vehement, wie das Nachrichtenportal today.it berichtet. „Ich glaube nicht, dass im Vatikan etwas über Emanuela Orlandi gefunden wird“, sagte Gänswein demnach. (ml)

