„Schmaler Grat“

„Viele Eltern gehen zu weit“ – Expertin warnt vor Verhalten nach einer Scheidung

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„Rasenmäher-Eltern“ können bei ihren Kindern Ängste auslösen. Eine Expertin erklärt, warum geschiedene Eltern besonders gefährdet sind.

Wenn Eltern jedes kleine Hindernis im Leben ihrer Kinder beseitigen, also jeden Grashalm abmähen, spricht man von „Rasenmäher-Eltern“. Diese Erziehungsmethode kann bei Kindern Ängste auslösen, warnt die Psychologin und Pädagogin Jenny Grant Rankin bei BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Weil Kinder von Rasenmäher-Eltern nicht lernen würden, mit Niederlagen umzugehen, entwickelten sie als Erwachsene eher Depressionen und Angststörungen.

„Besonders geschiedene Eltern sind sehr gefährdet, zu Rasenmäher-Eltern zu werden, da sie ihrem Kind weitere Traumata ersparen wollen. Zu einem gewissen Grad ist das okay, aber viele Eltern gehen zu weit“, sagt Rankin. Sie lassen ihre Kinder eher mal von der Schule fernbleiben, machen für sie die Hausaufgaben oder versuchen bei der Lehrerin alles, damit das Kind nicht nachsitzen muss, sagt die Psychologin.

„Sie versuchen, die Emotionen ihres Kindes zu kontrollieren. Sie sagen sich: Mein Kind hatte es schwer, aber sieh mal, ich habe es besser gemacht, weil es kurz wieder glücklich war. Aber das ist nur kurzfristig – auf lange Sicht richtet es mehr Schaden an“, gibt die Expertin zu bedenken.

Die Psychologin Jenny Grant Rankin warnt besonders Scheidungseltern vor einem gravierenden Erziehungsfehler. (Symbolbild)

Rasenmäher-Eltern: Warum Scheidungskinder besonders betroffen sind

Rankin ist selbst geschiedene Mutter und weiß deswegen, wovon sie spricht. Auch sie habe bei ihrem Scheidungskind versucht, „negative Emotionen zu kompensieren“. Sie spricht von einem „schmalen Grat“ auf dem geschiedene Eltern wandeln, denn einerseits sei es richtig, dem Kind „weitere Traumata ersparen“ zu wollen, aber es sei auch wichtig, dass das Kind Stärke beziehungsweise „Grit“ entwickle. „Das ist wirklich schwierig!“ Auch Familien mit Kindern, die einen schlimmen Unfall hatten oder an einer psychischen Krankheit leiden, seien „besonders betroffen“.

„Einmal hatte meine Tochter ihre Geige im Haus ihres Vaters vergessen. Da die Schüler Ärger bekommen, wenn sie ihre Instrumente nicht in die Schule mitbringen, habe ich ihr die Geige zur Schule gebracht. Hätte es keine Scheidung gegeben, hätte ich das vermutlich nicht getan, weil ich ja möchte, dass sie selbstständig wird. Aber so hatte ich ein schlechtes Gewissen“, erzählt Rankin BuzzFeed News Deutschland.

Die Psychologin Jenny Grant Rankin warnt besonders Scheidungseltern vor einem gravierenden Erziehungsfehler. (Symbolbild)

Pädagogin gibt geschiedenen Eltern einen Tipp

Was ihr geholfen habe, war irgendwann, als ihre Tochter alt genug war, mit ihr über diese Problematik zu sprechen. „Ich habe ihr ganz ehrlich gesagt, dass sie die Scheidung nicht als Ausrede benutzen kann. Diese Gespräche haben uns beiden sehr geholfen“, sagt die Pädagogin aus Laguna Beach (Kalifornien). Sie glaubt, dass es immer mehr Rasenmäher-Eltern gebe, weil sich heutige Millennial-Eltern im Vergleich mit Boomer-Eltern sehr viel Druck machen.

Was ist ihr Tipp, um als (geschiedene) Eltern nicht zu Rasenmäher-Eltern zu werden? „Eltern müssen sich jedes Mal, wenn sie versucht sind, ihrem Kind zu Hilfe zu eilen, fragen, ob sie das tun, weil es ihnen weh tut, ihr Kind versagen zu sehen, oder ob es wirklich einen Grund gibt, einzugreifen. Zum Beispiel, wenn dem Kind akute Gefahr droht, oder ein schlimmer Fall von Mobbing vorliegt“.

Meistens sei das nicht der Fall. „Aus den meisten Hindernissen lernen Kinder für das spätere Leben“, sagt Rankin. „Es ist wichtig, dass Eltern wirklich innehalten und darüber nachdenken, ob das, was sie tun, ihrem Kind wirklich langfristig hilft oder nur kurzfristig. Und wenn es nur kurzfristig ist, dann sollten wir es uns noch einmal überlegen.“

Rubriklistenbild: © IMAGO/YAY Images

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