Fakt oder Fiktion?

RSV und Corona wüten weiter: Was an der „Immunschuld“ wirklich dran ist

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Was ist dran an der sogenannten „Immunschuld“, welche durch die Corona-Maßnahmen der vergangenen Jahre zustande gekommen sein soll?
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Deutschland sieht sich aktuell mit vielen Atemwegserkrankungen konfrontiert. Maskengegner sehen darin eine „Immunschuld“ durch die Corona-Pandemie.

Berlin – 9,5 Millionen. So viele Menschen in Deutschland würden laut dem Wochenbericht vom Robert Koch-Institut (RKI) aktuell mit Atemwegserkrankungen kämpfen. Ein Wert, der über dem Niveau der Vorjahre liegen würde. Selbst zum Höhepunkt schwerer Grippewellen. Doch woran liegt das? In diesem Kontext ist vermehrt die Rede von der „immunity debt“, also der „Immunschuld“. Hierfür gibt es keine konkrete Definition, kein einheitliches Verständnis. Und doch Annäherungsversuche.

Immunschuld als Grund für Atemwegserkrankungen in Deutschland? Das steckt hinter dem Begriff

Ist von einer Immunschuld die Rede, wird damit oftmals die Schwächung des Immunsystems durch zwei intensive Jahre Corona-Pandemie mit Maßnahmen wie dem Masketragen erklärt. Menschen, die im Lager der Corona-Maßnahmen-Kritiker zu verorten sind, aber auch Querdenker und Verschwörungstheoretiker sehen sich in ihrer drastischen Ablehnung der Regeln durch die Politik nun bestätigt. Schließlich sorgt die Kombination aus Influenza und RS-Virus für eine Vielzahl an Atemwegserkrankungen in Deutschland.

Der Begriff der „Immunschuld“ wird indes von Colin Furness scharf kritisiert. „Ein Wort zu dem Schwachsinn, der als ‚Immunitätsschuld‘ bekannt ist“, leitet der Epidemiologe an der Universität Toronto sein Statement auf Twitter ein. Sollte die Sichtweise der Kritiker korrekt sein, müsste das Immunsystem wie ein Muskel funktionieren. Und Muskel verkümmern, wenn sie nicht regelmäßig genutzt werden. Doch: „Die Sache ist die: Das Immunsystem ist eben kein Muskel“, schreibt Furness.

Begriff der Immunschuld ist „unglücklich“ – Effekt dahinter aber real

Laut dem Epidemiologen müsse das Immunsystem eher mit einer Art „Fotosammlung“ verglichen werden. Und diese würde nicht dadurch verblassen, dass man sie nicht mehr anschaue. Also ist rein gar nichts dran an der Immunschuld? Ein Begriff, den Johannes Hübner als „unglücklich“ bezeichnet. Der stellvertretende Klinikdirektor und pädiatrischer Infektiologe des Dr. von Haunerschen Kinderspitals in München spricht in diesem Kontext aber auch von einem realen Effekt, der dahinter stecken würde.

Wegen der ausgefallenen Infektionen in den vergangenen Jahren seien Kinder nun weniger vor eben jenen Erregern geschützt. So sehen es auch Experten in den Fachmagazinen Science und Lancet. Hier ist zwar die Rede von einer „Immunitätsschuld“, eine Immunschwäche wollen sie hierin aber nicht sehen. Sondern vielmehr eine Expositionslücke. Heißt: Das Immunsystem müsse einen Erreger sehen, um sich davon ein Bild zu machen und letztlich Antikörper auszubilden.

„Verpasste Trainingseinheiten“ statt „Schwächung des Immunsystems“: Mär um Immunschuld geklärt

Einige Zeit nach der Infektion kommen dann auch die sogenannten Gedächtniszellen ins Spiel. Diese können bei einer erneuten Infektion sofort passende Antikörper hervorbringen. Sie werden dementsprechend auch als „immunologisches Gedächtnis“ bezeichnet. Und dieses spezielle Gedächtnis bekommt bei häufigem Kontakt mit Erregern ständig neuen Input. Es kann sich auch an möglicherweise veränderte Erreger anpassen. Auf diesem Wege kann noch schneller auf eine Infektion reagiert werden. Sind noch viele Antikörper vorhanden, wird eine Infektion womöglich gar nicht erst bemerkt, da keine Symptome auftreten.

Fakt ist auch: Durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen waren viele Menschen über einen längeren Zeitraum mit weniger Erregern in Kontakt. Doch könne man dies nicht als „Schwächung des Immunsystems“ bezeichnen, heißt es von Reinhold Förster. „Es ändert nichts an der grundsätzlichen und nachhaltigen Funktion unserer Körperabwehr. Sie hat nur einige spezifische Trainingseinheiten verpasst“, sagt der Leiter des Instituts für Immunologie an der Medizinischen Hochschule Hannover gegenüber dem Spiegel.

Hohe Zahl an Atemwegserkrankungen bringt Kliniken in Deutschland an ihr Limit

In diesen verpassten Trainingseinheiten sehen Experten den wahrscheinlichsten Grund für die derzeit erhöhten Infektionszahlen in Deutschland. Vor allem Babys und Kleinkinder sind hiervon betroffen, für sie ist es der Erstkontakt mit den Erregern. Erschwerend komme hinzu, dass die hohen Infektionszahlen auf ein Kliniksystem treffen, das insbesondere durch die Fallpauschale komplett verwirtschaftlicht wurde. Hiermit ist eine spezielle Form der Vergütung von Leistungen im Gesundheitssystem gemeint.

Zudem würde der Pflegepersonalmangel die Lage verschärften und die Kliniken an ihr Limit bringen. Immerhin: Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat bereits Hilfe zugesagt. Im Deutschen Bundestag wurde beschlossen, dass Kinderkliniken 2023 und 2024 jeweils 300 Millionen Euro zusätzlich erhalten sollen. Zudem soll eine allgemeine Krankenhausreform auf den Weg gebracht werden. (Stand der Daten: 10.12.2022)

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