Vor dem Arbeitsgericht

WDR-Urgestein bekommt 100.000 Euro Gehalt und verklagt dennoch den Sender – wegen zu wenig Arbeit

+
Der WDR steht nun vor dem Arbeitsgericht in Köln: Ein langjähriger Mitarbeiter verklagte den Sender. (Symbolbil)
  • schließen

WDR-Mitarbeiter Döschner verdient 100.000 Euro im Jahr. Jetzt verklagt er den Sender, weil er dennoch kaum arbeiten darf.

Köln - Redakteur Jürgen Döschner arbeitet seit 38 Jahren beim WDR. Dort verdient er brutto 100.000 Euro jährlich. Doch nun verklagte Döschner den Sender auf 75.000 Euro Entschädigung. Weil seine Vorschläge immer abgelehnt würden, könne der Journalist kaum noch arbeiten. Er wirft der ARD-Anstalt ein „faktisches Arbeitsverbot“ vor.

Arbeitsverbot beim WDR: Redakteur Döschner verklagt den Sender

Wie der Kölner Stadt-Anzeiger zusammen mit der Investigativredaktion correctiv berichtete, reichte Döschner am Donnerstag (27. Oktober) eine Klage gegen den WDR beim Amtsgericht Köln ein. Der Vorwurf: Der Sender würde Döschner trotz Anstellung die Arbeit verbieten. Der Streitwert: 75.000 Euro.

Döschners Anwalt Jasper Prigge erklärte dem Kölner Stadt-Anzeiger, dass der Journalist seit September 2019 kaum noch Berichte, Kommentare oder andere Produkte verfassen durfte. Das spreche für eine Nichtbeschäftigung. Die würde die allgemeinen Persönlichkeitsrechte des Redakteurs schwer verletzen, heißt es weiter.

WDR-Redakteur arbeitet fünf Stunden im Monat – und verdient 100.000 Euro im Jahr

In den vergangenen Jahren habe das WDR-Urgestein nur noch höchstens fünf Stunden im Monat gearbeitet. Die Klage des 65-Jährigen war allerdings nicht die erste Reaktion auf das „faktische Arbeitsverbot“: Den Recherchen zufolge hatte die Gewerkschaft Verdi bereits im April gemahnt, die Nichtbeschäftigung zu beenden.

Der WDR erklärte demnach auf Nachfrage: „Die Entscheidung, ob Beitragsangebote einzelner Redakteur:innen berücksichtigt werden oder nicht, liegt allein im Ermessen der jeweils abnehmenden Programmbereiche.“ Warum der Sender – im Gegensatz zu früher – keines der Angebote von Döschner angenommen habe, beantwortete er nicht.

Kritischer Journalist bekommt keine Aufträge mehr beim WDR

Döschner und sein Anwalt haben dazu aber eine Vermutung. Laut seinem Anwalt wurden Döschners Aufträge immer weniger, seit er sich kritisch über den Braunkohletagebau geäußert hatte. Im Jahr 2015 stand er zum Beispiel in der Kritik, als er die Besetzung des rheinischen Tagebaus Garzweiler „nicht legal, aber legitim” nannte.

2019 löschte der WDR den Recherchen zufolge einen Beitrag des Redakteurs, in dem der damalige Ministerpräsident Armin Laschet in einem heimlich aufgenommenen Video erklärte, er habe einen Vorwand für die Räumung des Hambacher Forst gesucht.

Kollegen über Döschner: „Traute sich, mit den Mächtigen im Land anzulegen“

Verschiedene Gremien im WDR hatten sich in den vergangenen drei Jahren schon mit dem Umgang des Senders mit Döschner beschäftigt. Im Sender wurde Döschner als „programmprägend“ beschrieben. Der Schlichtungsausschuss forderte die größte ARD-Anstalt schon 2021 auf, für ihren langjährigen Mitarbeiter eine „angemessene redaktionelle Anbindung“ zu finden.

Doch zahlreiche Arbeitsaufträge kamen nicht zustande, wurden kurzfristig abgesagt oder komplett eingestampft. Auch eine Beschäftigung im Politmagazin „Monitor“ kam nicht zustande. „Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle sagte über Döschner: „Ich persönlich habe Jürgen Döschner stets als einen hochprofessionellen und mutigen Kollegen kennengelernt, der sich traute, sich mit den Mächtigen im Lande anzulegen. Klar, dass das bei Bayer, RWE oder der Landesregierung nicht immer gern gesehen wurde.“

Fall Döschner wirft Fragen auf: Wie unabhängig sind Journalisten im ÖRR?

Für die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di, Monique Hofmann, geht der „Fall Döschner“ weit über den individuellen Konflikt hinaus. „Er wirft erneut die Frage auf, wie es im WDR inzwischen eigentlich um den Umgang mit Machtmissbrauch bestellt ist.“ In einem Sender, der sich selbst als vorbildlich im Verhindern von Machtmissbrauch darstelle, stoße der unangemessene Umgang mit einem renommierten Journalisten doppelt auf, so Hofmann.

Sie sieht beim WDR „eindeutige Hinweise“ darauf, dass Döschners Nichtbeschäftigung mit den Inhalten seiner Beiträge in Zusammenhang steht. „Der Fall ist auch deshalb brisant, weil er ein Schlaglicht wirft auf die Frage, wie gut Journalistinnen und Journalisten in den öffentlich-rechtlichen Sendern in ihrer Berichterstattungsfreiheit geschützt sind“, so Hofmann.

WDR-Newsroom-Mitarbeiter widersprechen Darstellungen

Der WDR bezeichnete den erschienenen Artikel über Döschners Klage am Freitag in einer ausführlichen Stellungnahme als „tendenziös und in Teilen fehlerhaft“, wie das Medienmagazin DWDL.de berichtet. Zudem übten fast 100 Mitarbeiter des WDR-Newsrooms scharfe Kritik an dem Artikel, der sich mit der Auseinandersetzung zwischen dem WDR-Redakteur Jürgen Döschner und seinem Arbeitgeber befasst.

Wir widersprechen für unsere redaktionelle Heimat, den WDR-Newsroom, Ihrer Darstellung, es herrschten ‚Mafia-ähnliche Strukturen‘, ein ‚totaler Klimawandel‘ und wir seien vergleichbar mit ‚einem Staat‘, in dem ‚die Gewaltenteilung nicht gegeben‘ sei.

Journalisten des WDR

Darüber hinaus weise man den Vorwurf zurück, man könne nicht kritisch über den Energiekonzern RWE berichten. Für die meisten sei dies „nicht nachvollziehbar“, heißt es in dem Schreiben, aus dem DWDL.de zitiert. Die Journalisten seien angesichts solcher Aussagen erschüttert und fassungslos. (sf mit dpa)

Kommentare