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Pilze können an einer Krebserkrankung leiden. Doch einige Arten können ihn aus eigener Kraft stoppen. Was bedeutet das für die Behandlung am Menschen?
Wageningen – Ein Forschungsteam der Universität Wageningen hat herausgefunden, dass einige Pilzarten in der Lage sind, Zellmutationen, die einer Krebserkrankung gleichen würden, aus eigener Kraft zu verhindern, wie das Magazin Newsweek zuvor berichtet hatte. In einer Studie, die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Microbology and Molecular Biology Reviews veröffentlicht wurde, ist der Prozess beschrieben. Hat dies eine Auswirkung auf die Behandlung von Krebspatienten?
| Hochschule | Universität Wageningen |
|---|---|
| Gründung | 1876 |
| Rektor | Arthur P.J. Mol |
| Standort | Wageningen, Gelderland, Niederlande |
Laut dem Forschungsteam würden Pilze aus einem Netzwerk von Filamenten bestehen, also eine fadenförmige Struktur, die als Myzel bezeichnet werde. In den Zellen dieser Struktur würden sich normalerweise einzelne Kerne mit einem halben Chromosomensatz befinden, die sich „haploid“ nennen. Sie könnten laut den Forschern mit einem menschlichen Spermium oder einer Eizelle verglichen werden.
Studie belegt: Kern-Mutation bei Pilzen mit menschlicher Krebserkrankung gleichzusetzen
Anders als Menschen pflanzen sich Pilze ungeschlechtlich fort. Dafür verschmelzen diese Kerne mit halbem Chromosomensatz in den Kiemen der Pilze miteinander, um einen neuen Organismus zu erschaffen. Die Wissenschaftler der Universität Wageningen beschreiben in der Studie, dass in diesen Kernen Mutationen auftreten könnten, die mit einer Krebserkrankung bei Menschen und Pflanzen gleichzusetzen sei: Sie berauben ihren Wirt für ihr eigenes unkontrolliertes Wachstum. Erst zuletzt warnte die WHO, dass in vielen Lebensmittel krebserregende Stoffe enthalten seien.
Keine Zellmutationen dank Schutzorganismus: Pilze können eigene Krebserkrankung verhindern
Bei dieser Mutation würde die Verschmelzung der Myzelfilamente verhindert werden und somit die Fähigkeit des Pilzes, Sporen zu produzieren und sich ungeschlechtlich zu vermehren, stoppen. „In Pilzmyzelien können Mutationen auftreten, die dem Kern im Myzel einen Wettbewerbsvorteil verschaffen“, erklärt Duur Aanen, Co-Autor der Studie und Forscher an der Universität Wageningen. „Da diese Mutationen innerhalb des Myzels selektiert werden, aber die Fitness des Myzels als Ganzes beeinträchtigen, kann man sie als eine Art ‚Kernkrebs‘ betrachten.“
Doch einige Pilzarten seien in der Lage, dass Pilze genau diese Form der Mutation durch einen eigenen Mechanismus verhindern könnten, und zwar in Form einer speziellen Variante der Zellteilung: Klemmverbindungen. Dabei würde jeder einzelne Kern in einem separaten Fach aufbewahrt werden, um ihre genetische Qualität zu überprüfen, bevor die Fusion stattfinden kann. Das würde einigen Pilzarten ermöglichen, sich selbst zu schützen und äußerst lange leben zu können.
„Klemmverbindung fungiert als Prüfgerät“: Pilzarten schützen sich mit Mechanismus vor Krebs
„Die Klemmverbindung fungiert als Prüfgerät für die Qualität des Zellkerns, wobei sich beide Kerne kontinuierlich gegenseitig auf ihre Fähigkeit zur Fusion testen, ein Test, den Kerne mit Mutationen in Fusionsgenen nicht bestehen“, erklärt Aanen. „Wir argumentieren daher, dass Myzelien ein konstantes und geringes Risiko haben von Kernkrebserkrankungen, unabhängig von ihrer Größe und Lebensdauer.“ Laut einer Studie soll beim Menschen das Krebsrisiko unter anderem auch von der Körperform abhängen.
Im Laufe seines Lebens würde ein Organismus in der Regel immer mehr Mutationen erfahren, die ihm schaden. Das führe zu der Annahme, dass ein Organismus mit längerem Leben häufiger von Krebs befallen sei. Allerdings gebe es zwischen Tierarten nur sehr geringe Unterschiede im lebenslangen Krebsrisiko, ein Befund, der als Peto-Paradoxon bekannt sei. Tiere wie Elefanten und Wale würden dieser Logik jedoch widersprechen, indem sie Methoden entwickelt haben, um ihr Krebsrisiko selbst zu verringern und DNA-Mutationen unter Kontrolle zu halten.
Krebsforschung: Pilz-Wirkstoff Cordycepin tötet Tumorzellen
Die Erkenntnisse über den Mechanismus der Pilze, sich vor Mutationen zu schützen zu können, sollen auch in die Forschung von menschlichen Krebspatienten Auswirkungen zeigen. Bereits jetzt werden bestimmte Pilzarten in der Krebstherapie eingesetzt, wie der NDR zuvor berichtet hatte.
Deshalb würden Wissenschaftler versuchen, gezielt die Wirkstoffe der Pilze zu isolieren, um sie gezielt gegen Tumore einsetzen zu können. Dabei würden insbesondere die Pilarzten Reishi, Fu Ling und Cordyceps sinensis eine besondere Rolle spielen. Im Reagenzglas könne der daraus gewonnene Wirkstoff Cordycepin bereits Tumorzellen abtöten. Besonders gut wirke der Wirkstoff bei Leukämie, Brustkrebs und Prostatakrebs. Unklar sei bislang, ob die Wirkstoffe für die Behandlung am Menschen infrage kommen würde.
Verbraucherzentrale warnt vor Krebsbehandlung mit Pilzen
Bislang würde eine Krebsbehandlung mit Pilzen jedoch keine konventionelle Therapie ersetzten, wie die Verbraucherzentrale warnt: „Selbsttherapien mit Pilzextrakten sind nicht zu empfehlen, besonders dann nicht, wenn Sie Medikamente nehmen oder eine Chemotherapie durchgeführt wird. Gewünschte Wirkungen können ins Gegenteil umschlagen. Keinesfalls sollten Sie wegen der Pilztherapie notwendige schulmedizinische Behandlungen verzögern oder gar ganz unterlassen“, heißt es auf der Internetseite der Verbraucherzentrale.
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