VonJoachim Willeschließen
Greenwashing-Skandale haben das Kompensieren von CO₂ in Verruf gebracht, trotzdem finden viele Deutsche das Instrument gut. Eine neue EU-Richtlinie soll nun dafür sorgen, dass Firmen ihre Umweltversprechen eindeutig belegen.
„Greenwashing“, „Klima-Fake“, „Nachhaltigkeits-Lüge“. So lauteten die Schlagzeilen. Die „Kompensation“ von CO₂-Emissionen, genutzt von Privatleuten zum Ausgleich ihrer Klimasünden, aber auch von Unternehmen, um ihre Produkte – von Mineralwasser über Babynahrung bis zu Benzin – als „klimaneutral“ auszuweisen, hatte in den letzten zwei Jahren eine schlechte Presse. Mehrere Rechercheteams wiesen nach: Mit dem behaupteten „CO₂-Ausgleich“ durch den Kauf von CO₂-Zertifikaten, die etwa durch Waldschutzprojekte im globalen Süden generiert wurden, war es nicht weit her. „Zeit“, „Guardian“ und die Investigativ-Plattform „Source Material“ berichteten Anfang 2023, die Kompensation vieler internationaler Unternehmen basiere auf CO₂-Zertifikaten, die gar keinen oder nur geringen Wert hatten.
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Ein neue Nachricht dazu kam diese Woche in die Medien. Über 100 Erdgas-Versorger sollen danach in den vergangenen Jahren CO₂-Gutschriften aus Klimaschutzprojekten genutzt haben, die nicht nachweisen konnten, tatsächlich Emissionen eingespart zu haben, so die Meldung des Netzwerks Correctiv.
Das Image des „Kompensierens“, sollte man meinen, ist im Keller. Eine aktuelle Umfrage zeigt nun allerdings, dass der CO₂-Ausgleich von vielen Deutschen grundsätzlich durchaus positiv gesehen wird. Immerhin 60 Prozent gaben an, ihre Treibhausgas-Emissionen bereits einmal kompensiert zu haben, nur 20 Prozent verzichteten bewusst darauf. Zudem bekundeten 70 Prozent der Befragten, in Zukunft mehr als bisher kompensieren zu wollen. Dahinter stehe vor allem der Wunsch, „bewusster und verantwortungsvoller zu konsumieren“, so das Nürnberger Institut für Marktentscheidungen (NIM), das die Umfrage aus eigenen Mitteln durchführte, also nicht für einen Auftraggeber etwa aus der Industrie. Nur jeder oder jede Zehnte gab an, hier nicht mehr tun zu wollen.
Viele Deutsche bewerten CO₂-Kompensation trotzdem positiv
Der Co-Autor der NIM-Auswertung, Michael Zürn, schließt daraus, „dass CO₂-Kompensationen allen Diskussionen zum Trotz in der Bevölkerung hohe Akzeptanz genießen und dass das Potenzial wohl noch nicht ausgeschöpft ist“. Die Zahlen zeigten, „wie groß der Hebel für den Klimaschutz sein könnte, wenn man die damit generierten Gelder effektiv einsetzt“.
Über die Sinnhaftigkeit dieses Klimaschutz-Instruments wird freilich debattiert, seitdem es existiert. Der renommierte Ökonomieprofessor Franz Josef Radermacher zum Beispiel setzt große Hoffnungen ins Kompensieren. Er hält bei einer breiten Nutzung sogar einen „Milliarden-Joker“ für möglich, mit dem die Klimaschutz-Lücke der Industrieländer geschlossen werden könne. Andere sehen darin eher einen Ablasshandel. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg ätzte gegen den „Klimakompensations-Bluff“, der meist eher schade als nütze.
Unternehmen nutzen CO₂-Zertifikate für Greenwashing
Eingeführt wurde die CO₂-Kompensation bereits in den 1990er Jahren und zuerst bei Flugreisen. Doch schon länger können Privatleute oder Unternehmen bei Anbietern wie Atmosfair, Klima-Kollekte oder Myclimate auch Aktivitäten wie Autofahren, Fleischkonsum oder Veranstaltungen durch Zahlung eines entsprechenden Obolus – ermittelt von einem Online-CO2-Rechner – „klimaneutral“ stellen.
Das eingesammelte Geld wird meist genutzt, um Klimaschutzprojekte in Ländern des globalen Südens zu finanzieren, die CO₂-Emissionen vermeiden oder sie speichern – etwa den Bau von Erneuerbare-Energien-Anlagen oder Aufforstung. Eine Flugreise von Frankfurt nach New York und zurück zum Beispiel kostet, wie man bei Marktführer Atmosfair ermitteln kann, 110 Euro CO₂-Ausgleich. Ein Jahr Autofahren mit einem Mittelklasse-Pkw und 12.000 Kilometern Fahrleistung schlägt mit 50 Euro zu Buche. Inflationär genutzt wurde das Instrument in den vergangenen Jahren dann aber auch von zahlreichen Unternehmen, um ihre Produkte quasi „grün“ anzustreichen – oft unter Nutzung dubioser Zertifikate, wie man jetzt weiß.
Klimaneutral?
Im Rechtsstreit um Werbung mit dem Begriff „klimaneutral“ sieht sich die Frankfurter Wettbewerbszentrale in ihrer Klage gegen den Fruchtgummihersteller Katjes nach der Verhandlung am Bundesgerichtshof (BGH) gestärkt. Geschäftsführer Reiner Münker erklärte am Donnerstag in Karlsruhe, er gehe nach der vorläufigen Einschätzung des Senats davon aus, dass dieser an den bisherigen strengen Anforderungen für Umwelt- und Klimaaussagen in der Werbung festhalten wolle. Wann in dem Verfahren ein Urteil verkündet wird, blieb zunächst offen.
Die Wettbewerbszentrale hatte gegen Katjes geklagt, weil das Unternehmen in einem Lebensmittel-Fachblatt damit geworben hatte, alle Produkte des Unternehmens würden klimaneutral produziert. Das sei irreführend, findet die Wettbewerbszentrale. Der Herstellungsprozess selbst ist nicht emissionsfrei, das Unternehmen unterstützt jedoch zum Ausgleich Klimaschutzprojekte und informiert darüber online. Dem Verbraucher würden wichtige Informationen vor- enthalten – etwa über die Art und Weise, wie die Klimaneutralität hergestellt wird, so die Wettbewerbszentrale. Diese Angaben müssten schon in der Werbung selbst auftauchen. Die Klage hatte in den Vorinstanzen keinen Erfolg. dpa
EU will mit neuer Richtlinie gegen Greenwashing vorgehen
Wie sich das Kompensieren weiterentwickelt, dürfte nicht unwesentlich von der EU-Gesetzgebung abhängen, die mit einer „Richtlinie über umweltbezogene Angaben“ gegen Greenwashing in Werbeaussagen vorgehen will. Sie soll Verbraucherinnen und Verbraucher vor Falschinformationen schützen, nachdem eine Studie der Brüsseler Kommission gezeigt hatte, dass über die Hälfte der umweltbezogenen Angaben von Unternehmen in der EU vage oder irreführend und 40 Prozent nicht nachvollziehbar sind.
Gemäß der neuen Richtlinie müssen Firmen ihre Umweltversprechen nun eindeutig belegen. Zudem gilt: Unternehmen dürfen nur noch mit CO₂-Kompensationen werben, wenn sie ihre Emissionen so weit wie möglich reduziert haben und den CO₂-Ausgleich nur für die verbleibenden Emissionen nutzen.
Das EU-Parlament hat den von der Brüsseler Kommission vorgeschlagenen Regelungen zugestimmt, die EU-Länder müssen sie noch absegnen. Die grüne EU-Abgeordnete Anna Cavazzini, Vorsitzende des zuständigen Ausschusses für Binnenmarkt und Verbraucherschutz, sagte dazu: „Besonders freue ich mich, dass Aussagen wie, klimaneutral‘ oder, klimapositiv‘ komplett vom Markt verbannt werden, die auf CO₂-Ausgleich basieren.“ Investitionen von Unternehmen in Klimaschutzprojekte seien willkommen und könnten natürlich auch weiterhin kommuniziert werden. Nur dürfe eben „nicht mehr der Anschein entstehen, dass das Baumpflanzen im Regenwald die industrielle Produktion eines Autos, die Organisation einer Fußballweltmeisterschaft oder die Herstellung von Kosmetika selbst klimaneutral macht.“ Mit dieser Irreführung sei jetzt „Schluss“.
CO₂-Kompensation kann aber auch sinnvoll sein
Bei Anbietern wie dem deutschen Kompensations-Marktführer Atmosfair treffen die EU-Pläne auf ungeteilte Zustimmung. „Es ist gut, wenn die Richtlinie endlich kommt“, sagte dessen Geschäftsführer Dietrich Brockhagen der FR. Viele hätten Schindluder mit wertlosen CO₂-Zertifikaten getrieben und so auch die seriösen Anbieter „mit heruntergezogen“. So hätten sich bereits Unternehmen aus der Kompensation zurückgezogen, weil sie befürchteten, sich damit Greenwashing-Vorwürfe einzuhandeln. „Klare EU-Regelungen können das Vertrauen wiederherstellen“, meinte Brockhagen.
Tatsächlich ist fehlendes Vertrauen in die Kompensationsanbieter respektive die von diesen dafür genutzten Klimaprojekte laut der NIM-Umfrage ein häufig genannter Grund, warum Privatleute derzeit nicht häufiger und mehr Geld für den CO₂-Ausgleich stecken. Immerhin 41 Prozent unterschreiben das. Die Berichte über den Schwindel mit CO₂-Zertifikaten dürften hier also durchaus gewirkt haben. Noch mehr Leute, nämlich mit 48 Prozent fast die Hälfte, haben allerdings auch grundsätzliche Einwände. Sie meinen, Kompensationen seien „der falsche Weg“. Sie versuchen nach eigenen Angaben, durch das eigene Verhalten verursachte Emissionen so weit wie möglich zu vermeiden, und erwarten von Herstellern von Produkten oder Händlern, die CO₂-Emissionen zu reduzieren beziehungsweise zu vermeiden.
Für sie wäre wohl die Einschätzung des Umweltbundesamtes hilfreich. Die Behörde hält den CO₂-Ausgleich nämlich „unter bestimmten Bedingungen“ durchaus für sinnvoll. Dazu zählt: Man solle Maßnahmen zur CO₂-Einsparung Vorrang geben und nur „unvermeidbare“ Emissionen kompensieren. Außerdem müsse darauf geachtet werden, dass die Qualität der mit dem eingesammelten Geld finanzierten Projekte hoch ist. Hierfür gibt es entsprechende Siegel, etwa den „Gold-Standard“, den der WWF und andere Umweltorganisationen vergeben.
