Am 15. April gehen letzte Meiler vom Netz

AKW-Ende unumkehrbar: „Dann hätte man neue Brennelemente bestellen müssen“

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Ab Samstag muss Deutschland ohne Atomkraft auskommen. Das AKW-Aus wollen nicht alle hinnehmen. Dabei spricht alles dafür, sagt ein Energie-Experte – und macht eine interessante Rechnung auf.

Köln – Der 15. April ist in den Geschichtsbüchern schon bald nicht mehr nur der Tag, an dem 1912 die Titanic sank und 2019 Notre-Dame brannte. An diesem Tag, 2023 ein Samstag, ist nach über 60 Jahren Schluss mit deutscher Kernenergie. Dann gehen die drei verbliebenen Kernkraftwerke – Isar 2 in Bayern, Emsland in Niedersachsen und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg – endgültig vom Netz.

Aktivisten der Anti-Atom-Bewegung projizieren eine große Anti-Atom-Sonne auf den Kühlturm des Atomkraftwerkes Emsland.

Für einige ist das kein Grund zu feiern. Besonders die FDP tut sich schwer. Deren Vorsitzender der Bundestagsfraktion, Christian Dürr, schlug in den Tagesthemen vor: Man könne die AKWs noch in Reserve halten. Auch FDP-Vize Wolfgang Kubicki will die AKWs nicht gänzlich aufgeben: „Die Abschaltung der weltweit modernsten und sichersten Atomkraftwerke in Deutschland ist ein dramatischer Irrtum, der für uns noch schmerzhafte ökonomische und ökologische Konsequenzen haben wird“, warnte er in den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Einige Wirtschaftsvertreter und CDU-Politiker kritisieren das AKW-Ende ebenfalls. Der Tenor: Angst vor steigenden Preisen, Versorgungsunsicherheit und das Argument, wonach Kernenergie doch wichtig für den Klimaschutz ist. Haben sie einen Punkt?

AKW-Aus: Versorung gesichert – aber Export dürfte zurückgehen

Volker Quaschning muss am Telefon erstmal tief durchatmen. Ihn nervt die Diskussion. Dass die Debatte derart groß geführt wird, sei faktisch nicht erklärbar, sagt der Ingenieur und Klimaschutz-Professor für regenerative Energiesysteme. „Die drei Atomkraftwerke, die jetzt vom Netz gehen, haben im letzten Jahr sechs Prozent des Strombedarfs gedeckt. Der Strom macht aber nur ein Fünftel des gesamten Energiebedarfs aus. Insofern fehlt uns durch die endgültige AKW-Abschaltung rund ein Prozent Energie – das ist locker verschmerzbar.“ Energie wird nämlich auch aus Kohle, Erdgas und aus erneuerbaren Quellen (Wind, Sonne etc.) gewonnen.

Die Konsequenz des AKW-Aus ist laut Quaschining einzig und allein, dass Deutschland weniger Strom ins Ausland exportieren wird als bisher. Aktuelle Zahlen des Fraunhofer-Instituts bestätigen das. Demnach hat Deutschland im laufenden Jahr mit neun Terawattstunden deutlich mehr Strom ins Ausland exportiert als überhaupt Kernenergie erzeugt wurde (sechs Terawattstunden).

AKW-Ende unumkehrbar: „Dann hätte man neue Brennelemente bestellen müssen“

Der Strompreis werde sich – wenn überhaupt – marginal verändern, glaubt Quaschning. Und die Versorgungssicherheit? „Ich erinnere an die Diskussion aus dem Spätsommer 2022. Auch damals wurden Horrorszenarien skizziert. Retrospektiv muss man sagen: Die befürchteten Blackouts sind nicht mal ansatzweise aufgetreten“, sagt Quaschning. „Fairerweise muss man sagen, dass wir ohne die Kernkraftwerke etwas mehr Gas verbraucht hätten, aber die Speicher waren und sind ja üppig gefüllt.“

Die Diskussion um das AKW-Ende beschäftigt nicht nur Deutschland. Für Frankreich und den Großteil der EU-Staaten ist Kernkraft eine klimaneutrale Technologie. Die EU labelte Atomkraft Anfang 2022 als „grün“. In Deutschland sieht man das anders. Wie wichtig Atomkraft nun für den Klimaschutz wirklich sein kann, ist eine knifflige Frage: „Ein Kernkraftwerk ist im Vergleich zu Kohle, Öl und Gas klimafreundlicher“, sagt Quaschning. Aber: „Wenn Kernkraft so ein wichtiges Instrument ist, um Klimaschutz zu betreiben, dann hat die letzte Regierung es versäumt, ein Konzept dafür zu erstellen. Jetzt fehlen Brennelemente, Sicherheitsprüfungen und Personal und wir müssten die Endlager-Frage neu aufmachen – da hat niemand ein Interesse dran, erst recht nicht die Betreiber.“ Insofern könne Klimaschutz nur mit radikalem Ausbau der Erneuerbaren Energien funktionieren.

Volker Quaschning zu letzter Regierung: „Klimapolitisches Desaster“

Allgemein findet Quaschning den Vergleich mit Frankreich schwierig. „Frankreich produziert zwar 65 Prozent seines Strombedarfs mit Kernkraftwerken, aber auch da macht Strom nur etwa ein Viertel der Gesamtenergie aus. Die restliche Energie kommt immer noch zu großen Teilen aus fossilen Rohstoffen. Mir ist nicht bekannt, dass Frankreich weit über hundert neue Kernkraftwerke bauen möchte, um den gesamten Energiebedarf damit ‚klimafreundlich‘ zu decken.“ Tatsächlich wird aktuell nur ein Kraftwerk neu gebaut – der Erweiterungsmeiler in Flamanville in der Normandie.

Quaschning hofft, dass mit dem Ende der Kernkraft auch die Debatte vorbei ist. „Die letzte Regierung hat ein klimapolitisches Desaster hinterlassen. Es ist klar, dass CDU und CSU jetzt davon ablenken wollen. AfD, FDP und Bild-Zeitung wollen hingegen mit populistischen Positionen punkten. Niemand mit energietechnischem und klimapolitischem Sachverstand will Kernkraftwerke weiterlaufen lassen.“

Rubriklistenbild: © Lars Klemmer/dpa

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