Rekordhoch

Alle Hoffnungen auf den Dax

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Der Dax erreichte am 6. Dezember ein Rekordhoch von 16 727 Punkten.
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Der Leitindex legt eine Rallye hin. Fachleute sehen Rückschlagsrisiken - aber auch Grund für Optimismus.

Die Bundesregierung kämpft mit dem Haushaltsnotstand, Deutschlands Industrieaufträge sinken, die Wirtschaft stagniert, eine Immobilienkrise schwelt – und die Börse feiert Rekorde. Ursache des Kurshochs ist vor allem die Hoffnung auf Zinssenkungen im Zuge der schwächeren Inflation. Dazu kommt allerdings: Vielen großen Konzernen geht es gar nicht so schlecht, wie das Konjunkturbild nahelegt.

Der Deutsche Aktienindex legt derzeit eine ordentliche Jahresendrallye hin. Im November stieg er um fast zehn Prozent und diese Woche erklomm er neue Rekordhochs. Worauf die Märkte spekulieren, ist eine Senkung der Zinsen durch die Europäische Zentralbank (EZB). Denn dies würde dazu führen, dass Aktien im Vergleich zu festverzinslichen Papieren wie Anleihen attraktiver werden. Laut Deutscher Bank „haben die Märkte einen ersten Zinsschritt für die EZB-Sitzung Anfang März schon fast und bis spätestens April fest eingepreist“. Diese Erwartung lässt die Aktienkurse steigen und die Marktzinsen fallen – die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist seit Ende Oktober von fast drei Prozent auf 2,2 Prozent gesunken.

Hintergrund der Zinssenkungsphantasie ist die Inflation, die nicht nur Börsianer:innen, sondern auch Notenbanker:innen überrascht hat. Denn sie fällt viel schneller als erwartet. In der Eurozone betrug sie vor einem Jahr noch zehn Prozent, zuletzt waren es nur noch 2,4 Prozent, was bereits nahe am EZB-Ziel von knapp unter zwei Prozent liegt. In Deutschland lag die Teuerung im November bei 3,2 Prozent, klammert man die Energiepreise aus, sind es etwas mehr. „Rechnet man die monatlichen Veränderungsraten auf das Jahr hoch, so hat sich die Inflation in den letzten sechs Monaten auf 2,4 Prozent, in den letzten drei Monaten gar auf 1,2 Prozent verlangsamt“, erklärt die Deutsche Bank. Die Entwicklung zeigt, dass der Inflationsgipfel der vergangenen Monate wesentlich auf Sondereffekten beruhte: auf höheren Rohstoffpreisen sowie der Tatsache, dass Unternehmen den Nachfrageüberhang im Zuge der Post-Corona-Erholung zu deutlichen Preiserhöhungen nutzten.

Inflation fällt schneller als erwartet

Selbst die EZB zeigt sich überrascht. Zentralbankdirektorin Isabel Schnabel sagte diese Woche, der „bemerkenswerte“ Fall der Inflationsrate mache weitere Leitzinserhöhungen „ziemlich unwahrscheinlich“. Sie warnte zwar davor, dass der Kampf gegen die Teuerung noch nicht gewonnen sei. Allerdings sehe sie nun gute Chancen, dass das EZB-Inflationsziel von rund zwei Prozent „nicht später als 2025“ erreicht werden könne.

Die Aussicht auf sinkende Zinsen beflügelt nun die Aktienkurse, was den Beteiligten selbst etwas unheimlich zu sein scheint. „Die Rückschlagrisiken haben zugenommen“, kommentierte DZ-Bank-Analyst Sören Hettler. „Das liegt vor allem an den zu weit gelaufenen Zinssenkungsspekulationen.“

Zudem ist die Ursache der überraschend niedrigen Inflation wenig erfreulich: die schwache Konjunktur, insbesondere in Deutschland. Zuletzt verzeichnete die deutsche Industrie weniger Aufträge als im Oktober, die Exporte und Importe sinken. „Der deutsche Außenhandel wächst seit Ausbruch der Corona-Pandemie im Grunde nur noch, weil die Preise steigen. Inflationsbereinigt bewegen sich Exporte und Importe seit Jahren mehr oder weniger auf der Stelle“, heißt es vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

In den gestiegenen Aktienkursen steckt also viel Hoffnung. Aber eine reale Grundlage haben sie auch: Den Dax-Konzernen geht es nicht schlecht, ihre Aktionärinnen und Aktionäre dürfen sich auf rekordhohe Gewinnausschüttungen freuen. Denn „der von manchen Investoren befürchtete deutliche Rückgang der Dax-Unternehmensgewinne ist 2023 nicht eingetreten“, bemerkt die Commerzbank. Derzeit gehe der Marktkonsens davon aus, dass die Dax-Gewinne 2023 nur um ein Prozent sinken würden. „Vor dem Hintergrund dieser robusten Entwicklung erwarten die Unternehmensanalysten, dass 21 Dax-Unternehmen ihre Dividende für das Geschäftsjahr 2023 anheben werden.“ Nur für drei Unternehmen werde eine niedrigere Dividende prognostiziert. Insgesamt dürfte die Dax-Dividendensumme damit laut Commerzbank um zwei Prozent auf 52,7 Milliarden Euro steigen – ein Rekord. Den Großteil davon steuerten weiterhin die Autokonzerne bei.

Dax- und Dividendenrekorde rufen auch Kritik hervor. „Während viele Menschen nicht wissen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen und die Bundesregierung Haushaltslöcher stopfen muss, feiert man an der Börse neue Rekorde“, kommentierte Linkspartei-Vorsitzende Janine Wissler. Nötig sei eine Vermögenssteuer und eine Übergewinnsteuer, so Wissler. „Tax the Dax!“

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