„Heimsterben“ droht

„Aus Krise wird Katastrophe“: Pflege-Notstand verschlimmert sich

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Wohin führt der Weg der Alten- und Krankenpflege in Deutschland? Verbände und Einrichtungen sind pessimistisch und angesichts Personalmangel alarmiert.
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Die Wartelisten werden lang und länger, die Wartezeiten ebenso. Es mangelt an Pflegeplätzen im Land und die Not wird immer größer. Auch für die Angehörigen, die selber pflegen.

Karlsruhe/Stuttgart - Ein Mensch wird von einem Tag auf den anderen pflegebedürftig oder die Angehörigen können nicht mehr selbst pflegen. Ein Marathon beginnt. Einrichtungen abtelefonieren, sich auf die Warteliste setzen lassen, hoffen, warten. „Wir bekommen im Schnitt fünf Anfragen für einen Pflegeplatz pro Tag“, sagt Martin Leynar, Geschäftsführer des Diakoniezentrums Wertheim im Main-Tauber-Kreis. „Und wenn wir jemanden aufnehmen, dann sind die Angehörigen so dankbar, da sie teilweise schon seit Wochen nach einem Platz gesucht haben.“

Die Nachfrage wächst, das Platzangebot kann wegen Personalmangels nicht mithalten. Die seit Jahren schwelende Pflegekrise werde ganz allmählich zu einer Katastrophe, sagt Manuela Striebel-Lugauer, die bei der Diakonie Baden die Abteilung Alter, Pflege und Gesundheit leitet.

Im März/April startete die Diakonie Baden eine Umfrage unter ihren Einrichtungen, darunter rund 110 stationäre Pflegeheime. Resultat: Bei rund 35 Prozent der Einrichtungen hätten seit Anfang Februar wegen Personalmangels Betten nicht belegt werden können - etwa in den Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald, Freiburg, Rhein-Neckar-Kreis und Heidelberg, Mannheim, Emmendingen und Karlsruhe, sagt Striebel-Lugauer. Auch wenn nicht alle Befragten geantwortet hätten, spiegele dies die aktuelle Lage. Die Caritas belegt nach Worten eines Sprechers einzelne Wohnbereiche nicht mehr - damit es nicht, wie Ende letzten Jahres in Glottertal - auch wegen Personalmangels zu weiteren Schließungen von Heimen kommt.

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Verzweiflung bei Angehörigen wächst - Einrichtungen können Anfragen kaum bedienen

„Wir hören von Menschen, die richtig verzweifelt sind“, sagt eine Sprecherin der Evangelischen Heimstiftung in Stuttgart. Dringliche Anrufe kämen vor allem von den Sozialdiensten in den Kliniken, die Pflegebedürftige aus dem Krankenhaus eigentlich in eine gesicherte Versorgung entlassen müssen und verzweifelt nach einem freien Platz herumtelefonierten. Von pflegenden Angehörigen kämen vor allem montags, nach einem anstrengenden Wochenende, vermehrt Anfragen, die man längst nicht mehr bedienen könne.

Die Lage habe sich inzwischen vollkommen verändert, weiß auch Gabriele Hönes, Leiterin der Abteilung Gesundheit, Alter, Pflege beim Diakonischen Werk Württemberg. Vor drei, vier Jahren habe man um Pflegebedürftige geworben, es sei um Kundenbindung und Kundengewinnung gegangen. „Jetzt hat sich die Situation komplett umgedreht.“

Teufelskreis: Abbau der Tagespflege führt zu höherer Pflege-Nachfrage

Nach ihrer Erfahrung wird immer mehr auf die Angehörigen abgewälzt. „Tagespflege und Betreuungsgruppen werden abgebaut“, sagt sie. „Damit fällt die Entlastung für Pflegende weg - und je mehr das passiert, desto kürzer halten Angehörige bei der Pflege durch.“ Ein Teufelskreis, sagt Hönes. Bei der Diakonie Baden hätten der Frühjahresumfrage zufolge 60 Prozent der ambulanten Pflegeeinrichtungen, die Menschen zu Hause versorgen und so Angehörige entlasten, neue Kunden ablehnen müssen, sagt Striebel-Lugauer.

Laut Hönes ist seit Anfang des Jahres zwar nur ein Pflegeheim geschlossen worden. „Allerdings werden in zunehmend mehr Pflegeheimen einzelne Betten nicht mehr oder nach Freiwerden nur verzögert belegt“, sagt sie. „Einrichtungen berichteten von einer deutlichen Zunahme und einer immer prekären Lage.“ Es gebe auch Träger, die wegen der hohen Kosten keine Leiharbeitskräfte mehr einsetzten, so dass Personalengpässe nicht mehr dadurch kompensiert werden könnten. Nicht belegte Plätze wiederum können zu finanziellen Schieflagen in den Einrichtungen führen. Ob weitere Schließungen anstehen? „Definitiv, zumindest aber Nichtbelegung von Plätzen“, antwortet Hönes.

Paritätischer Wohlfahrtsverband sieht „Heimsterben“ aufziehen

Alles längst keine Einzelfälle, sondern Alltag, den auch die Städte dem Städtetag spiegeln. „Wir hören aus unseren Mitgliedsstädten, dass die Situation in den Pflegeheimen immer enger wird. Das Personal wird knapper, die Wartezeiten werden länger“, sagt eine Verbandssprecherin. Der Paritätische Wohlfahrtsverband sah kürzlich gar ein Heimsterben auf das Land zurollen.

Das Sozialministerium arbeitet nach Worten eines Sprechers mit aller Kraft an Lösungen für den Personalmangel. So fördere das Ministerium kommunale Pflegekonferenzen und wolle die Zahl der Kurzzeitpflegeplätze erhöhen. Erst Mitte Juli war dazu mitgeteilt worden, dass 14 Projekte zur Tages- und Kurzzeitpflege mit rund 6,2 Millionen Euro gefördert würden. Damit würden in 6 Tagespflegeeinrichtungen sowie einem weiteren Projekt 15 Kurzzeit-Pflegeplätze und 123 Plätze in der Tagespflege entstehen.

Laut Pflegestatistik 2021 des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg gab es im Dezember 2021 etwas mehr als 2000 stationäre Pflegeeinrichtungen mit insgesamt knapp 110.000 Plätzen. Fast 99.000 davon waren vollstationäre Dauerpflege-Plätze. Wie viele Plätze aktuell fehlen - man weiß es nicht. Es gebe dazu keine Statistiken, sagt ein Ministeriumssprecher.

Tausende Pflegekräfte stehen vor Entlassung in die Rente

Es gebe im Südwesten viel zu wenige Pflegeplätze, um dem stationären Platzbedarf zu begegnen, sagt die AWO Württemberg. Wegen der hohen Nachfrage führt sie in ihren Einrichtungen im Gegensatz zu früher wieder Wartelisten. „Dahinter stehen dann immer Schicksale von Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass die Versorgung des pflegebedürftigen Menschen wohnortnah sichergestellt wird“, sagt Geschäftsführer Marcel Faißt.

Rund 8600 Pflegekräfte werden in den nächsten Jahren aus dem Beruf aussteigen - weil sie selbst in Rente gehen. Das wird den Mangel weiter verschärfen. Schon jetzt schlage sich dies massiv in der pflegerischen Versorgung nieder, berichtet der Gemeindetag.

Hönes fordert Erwartungsmanagement

Wie soll das alles weitergehen? Hönes antwortet pragmatisch: „Menschen müssen möglichst in ihrer Häuslichkeit verbleiben. Wir brauchen gesamtgesellschaftlichen Diskurs und Verständigung. Früher habe man zu den Angehörigen immer gesagt: Sie zahlen, wir machen. Aber so ist es nicht mehr. Man muss die Angehörigen einbinden und Erwartungen reduzieren.“

Schlagzeilen machte derweil ein Pflegeheim im nordrhein-westfälischen Ennepetal: Ein Pfleger soll dort mindestens 14 demenzkranke Bewohnerinnen sexuell missbraucht haben. Noch schlimmer: Einem Patientenschützer zufolge sei das Klima in Pflegeheimen für Täter sehr einladend, zu selten werde genau hingesehen. Der Horror von Ennepetal könnte womöglich also kein Einzelfall sein. (dpa, lf)

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