Deutschlands Personalmangel

Arbeitsmarktexpertin: „Internationale Fachkräfte stehen nicht Schlange“

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Arbeitsmarktexpertin Annina Hering über den Einfluss der Wirtschaftsflaute auf den Jobmarkt, das Potenzial des Quereinstiegs und künstliche Intelligenz.

Neues Jahr, neuer Job? Viele Menschen nutzen die Zeit zwischen den Jahren, um über ihre berufliche Perspektive nachzudenken. Für Quereinsteiger und Jobwechslerinnen sind es gute Zeiten, sagt Annina Hering. Sie ist Arbeitsmarktexpertin der Jobbörse Indeed.

Frau Hering, trotz vieler Krisen hat sich der Arbeitsmarkt im nun endenden Jahr ziemlich robust gezeigt. Geht es 2024 so weiter?

Das Jahr 2024 wird eine große Herausforderung werden, denn es gibt zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen, die aufeinander treffen: Einerseits der demografische Wandel und damit der Fachkräftemangel, den wir in vielen Branchen beobachten und der sich verschärfen wird. Andererseits die wirtschaftliche Schwäche, die nach allen Prognosen nächstes Jahr anhalten wird. Das sind zwei unterschiedliche Entwicklungen, die normalerweise sehr unterschiedliche Ergebnisse mit sich bringen: Fachkräftemangel heißt, dass Unternehmen an Mitarbeiterbindung und Neuanstellungen interessiert sind. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten sehen wir normalerweise Entlassungen und eine Zurückhaltung beim Einstellen neuer Mitarbeiter. Und diese beiden Welten zu vereinen, das ist das Thema des Jahres 2024.

Das heißt: Kündigungswellen wegen der wirtschaftlichen Krise erwarten Sie nicht?

Ich erwarte nicht, dass die Arbeitslosigkeit plötzlich in die Höhe schnellt oder es sehr viele Entlassungen gibt. Die meisten Unternehmen sind sich inzwischen bewusst: Arbeitskräftebindung ist das A und O. Das hat die Pandemie ja auch gezeigt. Was wir allerdings schon sehen, ist ein Rückgang bei der Nachfrage von Unternehmen nach Arbeitskräften. Mit unserem Jobindex schauen wir uns seit 2020 an, wie sich Stellenanzeigen auf Indeed entwickeln. 2022 gab es erste Zeichen der Zurückhaltung bei den Unternehmen, 2023 hat sie weiter zugenommen. Nichtsdestotrotz sehen wir aktuell immer noch ein Drittel mehr Stellen als vor Beginn der Pandemie.

In der Vergangenheit war es für Unternehmen leicht, nach wirtschaftlichen Krisen die Beschäftigung wieder hochzufahren: Man hat schnell wieder Leute einstellen können. Das ist heute in vielen Branchen anders. Wie sollten die Unternehmen darauf reagieren?

Wer jetzt Mitarbeiter bindet, legt die wichtigste Grundlage. Noch besser ist es, jetzt nach neuen Mitarbeitern zu suchen. Wenn wir 2030 auf diese Zeit zurückschauen, dann werden wir sagen: Damals konnten die Unternehmen noch relativ einfach Fachkräfte finden. Sobald die Wirtschaft wieder anzieht und alle Unternehmen nach Personal suchen, wird es schwieriger.

Haben es Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger inzwischen leichter?

Vor ein paar Jahren war der Quereinstieg noch richtig schwierig. Hier in Deutschland sind wir ja sehr fokussiert auf Abschlüsse, auf das richtige Zeugnis und den perfekten Lebenslauf. Durch den Fachkräftemangel sind die Arbeitgeber inzwischen offener, der Quereinstieg wird also einfacher. Und wir wissen auch, dass die Menschen das möchten: Die Suchen nach „Quereinstieg“ sind in den vergangenen Jahren sehr stark angestiegen.

Oft sind es ältere Menschen, die beruflich noch einmal etwas anderes machen wollen.

Menschen, die älter als 50 sind, haben immer noch 15 oder 20 Jahre auf dem Arbeitsmarkt vor sich. Diese Gruppe ist eine wichtige Ressource mit viel Berufserfahrung. Leider gibt es immer noch Unternehmen, die diese Menschen als unattraktiv betrachten. Das muss sich ändern.

2023 war künstliche Intelligenz in aller Munde. Ist das ein Hype, eine Blase, die bald wieder platzt – oder geht es 2024 erst richtig los?

Zur Person

Annina Hering ist Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitet als Arbeitsmarktexpertin für die Jobbörse Indeed. Sie arbeitete zuvor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung.

Indeed ist nach eigenen Angaben die weltweit führende Jobseite mit monatlich rund 350 Millionen Unique Visitors. Auf der Seite können Jobsuchende nach Stellenanzeigen suchen, Lebensläufe erstellen und Informationen zu Unternehmen erhalten. Die Jobbörse wurde 2004 in den USA gegründet, gehört inzwischen zu einem japanischen Konzern und ist in mehr als 60 Ländern aktiv. shb/Bild: Privat

Künstliche Intelligenz wird eine wichtige Rolle bei der Zukunft der Arbeit spielen. Wir reden in dem Kontext ja häufig über Risiken und Gefahren, zum Beispiel für Arbeitsplätze. Aber mit Blick auf den demografischen Wandel sollten wir KI als Chance verstehen. Menschen in Deutschland machen viele Überstunden und haben viel zu tun, künstliche Intelligenz kann da unterstützen und Routineaufgaben übernehmen. So kann die Produktivität steigen. Als Wirtschaftsstandort brauchen wir die KI sogar, weil wir nicht genügend Leute haben für die Arbeit, die anfällt. Ich sehe KI als Co-Pilotin, die Beschäftigten hilft, sich auf alles zu konzentrieren, bei dem menschliche Fähigkeiten gefragt sind.

Künstliche Intelligenz, die Freiräume schafft. Da ist man schnell bei der Vier-Tage-Woche, ein anderes Reizthema.

Wir haben uns angeschaut, inwiefern Arbeitgeber mit der Vier-Tage-Woche werben. Man kann ganz klar sagen: Sie ist zu einem Benefit geworden. Unternehmen werden immer kreativer im Werben um Personal, die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich ist ein attraktives Lockmittel. Es ist natürlich eine Herausforderung: Wir brauchen mehr arbeitende Menschen und wollen mehr Frauen, mehr Migranten und mehr Menschen mit Behinderung in Arbeit bringen. Gleichzeitig sprechen wir aber auch über eine Reduzierung der Arbeitszeit. Das ist ein Konflikt.

Mit der Pandemie sind viele Beschäftigte ins Homeoffice gegangen, nun scheint der Trend sich umzukehren: Viele Unternehmen zwingen ihre Leute ins Büro.

Die Arbeit im Homeoffice hat sich trotz aller Bemühungen, die Menschen zurück ins Büro zu holen, durchgesetzt. In diesem Jahr ist die Zahl der Stellenanzeigen, in denen mit Homeoffice geworben wird, zwar nur noch stabil geblieben. Die Zahl der Suchen nach Homeoffice-Jobs hat dagegen weiter zugenommen. Für die Beschäftigten ist die Arbeit im Homeoffice also immer noch sehr attraktiv. Bei den Unternehmen ist unklar, ob sie nicht mehr so stark mit dem Homeoffice werben, weil es für sie inzwischen selbstverständlich ist, oder weil sie die Menschen tatsächlich wieder stärker ins Büro holen wollen. Aber über eine Sache haben wir noch nicht gesprochen…

Nämlich?

Über internationale Fachkräfte. 2024 und in den folgenden Jahren wird es darum gehen, ob es den Unternehmen gelingt, internationale Fachkräfte nach Deutschland zu holen.

Mit Ihrer Jobbörse sind Sie in mehr als 60 Staaten aktiv. Beobachten Sie wie Jobs in Deutschland von ausländischen Fachkräften nachgefragt werden?

Die Mobilität geht ja in zwei Richtungen: Beschäftigte in Deutschland suchen Jobs im Ausland, und Beschäftigte im Ausland suchen Jobs in Deutschland. Glücklicherweise ist es so, dass mehr Menschen zu uns wollen als fort von hier. Das ist eine gute Nachricht für Deutschland. Allerdings müssten wir einen Boom beim Interesse an Deutschland sehen, das ist aber nicht der Fall. Die Novellierung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes hat daran nichts geändert. Die internationalen Fachkräfte stehen nicht Schlange, da muss noch viel getan werden.

Warum ist das Interesse an Deutschland so gering?

Deutschland ist da keine Ausnahme. Auch andere Länder wie Großbritannien und die USA haben das Problem: Internationale Fachkräfte wollen zwar kommen, aber nicht in dem Ausmaße, wie es eigentlich nötig wäre. In Europa gibt es zudem eine große Konkurrenz, auch andere Länder haben attraktive Arbeitsmärkte, die aufgrund der demografischen Entwicklung dringend auf Zuwanderung angewiesen sind.

Arbeitsmarktexpertin Annina Hering.

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