VonMoritz Maierschließen
Noch nie waren so viele im Alter auf staatliche Hilfe angewiesen. Dabei nehmen die Meisten der Berechtigten die Grundsicherung gar nicht in Anspruch.
Berlin – Jeder und jedem Fünften in Deutschland reicht das Geld am Monatsende kaum, sie sind von Armut betroffen oder gefährdet. Besonders hart trifft das Rentnerinnen und Rentner. Wenn Altersgeld und Ersparnisse nicht ausreichen, um den Lebensunterhalt zu sichern, greift der Staat mit der Grundsicherung ein. Die Nothilfe erreicht ein neues Rekordhoch. Doch die meisten Rentnerinnen und Rentner in prekären Verhältnissen nehmen sie gar nicht erst in Kauf.
Arme Rentner: Neuer Negativrekord macht großes Problem deutlich
Im März 2025 erhielten insgesamt 742.410 Menschen Grundsicherung im Alter – ein neuer Höchststand. Das geht aus aktuellen Daten der Bundesregierung hervor, die auf eine kleine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Sarah Vollath zurückgehen. Die Antwort liegt dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA vor und zeigt, dass immer mehr Menschen im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Altersarmut wird also für viele Rentnerinnen und Rentner zum wachsenden Problem.
| Jahr | Menschen mit Grundsicherung im Alter | Bevölkerungsanteil ab Regelaltersgrenze |
| 2015 | 536.121 | 3,2 % |
| 2016 | 525.595 | 3,1 % |
| 2017 | 544.090 | 3,2 % |
| 2018 | 559.419 | 3,2 % |
| 2019 | 561.969 | 3,2 % |
| 2020 | 564.110 | 3,2 % |
| 2021 | 588.780 | 3,4 % |
| 2022 | 658.540 | 3,8 % |
| 2023 | 689.590 | 3,9 % |
| 2024 | 738.840 | noch keine Daten |
| März 2025 | 742.410 | noch keine Daten |
Der Anteil der Menschen, die ab der Regelaltersgrenze (zwischen 65 und 67 Jahren) auf Grundsicherung angewiesen sind, nimmt insgesamt zu (3,9 Prozent). Sarah Vollath, Sprecherin für Renten- und Alterssicherungspolitik der Linken im Bundestag, bezeichnet diese Entwicklung als „klares Warnsignal“. Sie sagt gegenüber dieser Redaktion: „Dass die Rente bei immer mehr Menschen nicht für ein gutes Leben im Alter ausreicht, ist in so einem reichen Land wie Deutschland wirklich beschämend.“
Für Vollath ist die wachsende Altersarmut „das traurige Ergebnis der Rentenpolitik der letzten Jahrzehnte“. Sie fordert die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) zum Handeln auf. „Die gesetzliche Rente muss wieder zur tragenden Säule werden, damit sie den Lebensstandard im Alter sichert. Die Stabilisierung des Rentenniveaus geht zwar in die richtige Richtung, letztendlich bedeutet das aber nur, dass die Renten so schlecht bleiben, wie sie sind.“ Die von der Regierung vorgeschlagenen Rentenansätze, wie etwa die Aktivrente, „werden keiner Person helfen, die derzeit wegen der niedrigen Rente in Armut lebt und auf die Grundsicherung angewiesen ist“, kritisiert Vollath.
Frauen besonders von Armut im Alter betroffen – Dunkelziffer dürfte in die Millionen gehen
Besonders betroffen von der Grundsicherung sind Frauen. In der aktuellen Grundsicherung im Alter sind 57 Prozent Frauen und 43 Prozent Männer, obwohl der Anteil der Frauen unter allen Rentnerinnen und Rentnern nur um 2,6 Prozent höher ist als der der Männer. Frauen sind in finanziellen Notlagen deutlich überrepräsentiert, was sich mit der allgemeinen Rentenschichtung deckt: Männer haben im Alter durchschnittlich deutlich mehr Geld, während Frauen häufiger unter Altersarmut leiden.
| Jahr | Grundsicherung im Alter | davon Männer | davon Frauen |
| 2015 | 536.121 | 214.089 | 322.032 |
| 2016 | 525.595 | 216.869 | 308.726 |
| 2017 | 544.090 | 227.665 | 316.425 |
| 2018 | 559.419 | 236.236 | 323.183 |
| 2019 | 561.969 | 243.654 | 318.315 |
| 2020 | 564.110 | 249.465 | 314.645 |
| 2021 | 588.780 | 261.350 | 327.435 |
| 2022 | 658.540 | 282.780 | 375.760 |
| 2023 | 689.590 | 297.740 | 391.850 |
| 2024 | 738.840 | 319.895 | 418.950 |
| März 2025 | 742.410 | 320.895 | 421.515 |
Vollath erkundigte sich bei der Regierung auch nach der Gesamtzahl der Menschen, die Anspruch auf Grundsicherung haben. Die Regierung konnte dazu keine Zahlen nennen. Dabei ist sie durchaus relevant, denn viele, die diese Unterstützung erhalten könnten, tun dies nicht. Gründe dafür sind oft die komplizierte Beantragung oder Scham. Experten schätzen, dass nur 30 Prozent der Anspruchsberechtigten die Grundsicherung tatsächlich in Anspruch nehmen. Es könnten also weit über zwei Millionen Menschen sein, die die Grundsicherung bräuchten.
Linke zu Altersarmut: „Das ist ein echtes Armutszeugnis“
Die Bundesregierung begründet die fehlende Zahl damit, dass „ausschließlich statistische Daten in Bezug auf die tatsächliche Leistungsgewährung erhoben“ werden. „Die Statistik enthält daher keine Informationen zur Anzahl von Personen, die möglicherweise leistungsberechtigt sein könnten, einen Leistungsanspruch aber nicht geltend machen, weshalb es zu keiner Leistungsgewährung kommen kann“, heißt es in der Antwort der parlamentarischen Staatssekretärin im Arbeitsministerium, Kerstin Griese (SPD).
Vollath ist mit dieser Antwort nicht zufrieden. „Beim Thema Altersarmut verschließt das zuständige Ministerium die Augen vor der Realität. Studien und Modellrechnungen kommen zu dem Ergebnis, dass sehr viele Menschen keine Grundsicherung beantragen, obwohl sie Anspruch darauf hätten“, erklärt sie. „Anstatt endlich tätig zu werden und diejenigen zu unterstützen, die es ohnehin nicht leicht haben, schiebt die Regierung die Verantwortung ab: an die Rentenversicherung, die Träger der Sozialhilfe – sprich die Landkreise und kreisfreien Städte – und die Wohlfahrtsverbände. Das Ministerium hat mir nicht eine einzige Maßnahme genannt, die es selbst ergriffen hat, um den Rentner:innen zu helfen. Das ist ein echtes Armutszeugnis.“
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